Rems-Murr-Kreis

Klinikum Schloss Winnenden: Psychiatrische Pflege im Corona-Spagat

ZfP
Der Haupteingang des Zentrums für Psychiatrie Schloss Winnenden. © ALEXANDRA PALMIZI

Das Jahr Corona-Pandemie hat die Pflegerinnen und Pfleger im Klinikum Schloss Winnenden gelehrt, einen Spagat hinzulegen. Einen Spagat zwischen größtmöglicher Distanz und gleichzeitig verstärkter Nähe.

Im Klinikum mit seinen verschiedenen Abteilungen kümmert man sich üblicherweise um körperliche Beschwerden der Patientinnen und Patienten nur nebenbei. Hier steht die Psyche im Vordergrund, ganz gleich, ob es um suchtkranke Menschen, um Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen oder um Menschen mit Demenz geht. Doch im Pandemie-Jahr musste natürlich der Fokus auf das Virus gelegt werden. Möglichst große Sicherheit vor der Infektion war auch hier gefordert, sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch fürs Personal. Das Klinikum richtete eine Quarantänestation ein, veränderte das Aufnahmeverfahren, verordnete sowohl den Patienten als auch den Pflegekräften die Einhaltung der berühmten Regeln: Abstand, Hygiene, Maske.

Doch diese Regeln sind für psychisch erkrankte Menschen gerade die Krux: Für die psychiatrische Behandlung, erklärt Pflegedirektor Klaus Kaiser, seien Kommunikation und auch körperliche Nähe extrem wichtig. Doch gerade die wird durch Masken und durch großen Abstand eingeschränkt. Bei dementen Menschen kommt hinzu, dass sie die Einschränkungen nicht verstehen.

Gravierende Folgen für Patienten: Angst, Anspannung, Sucht

Die Auswirkungen, die sich im Klinikalltag zeigen, sind immens: Die Menschen haben Angst, seien sehr angespannt, Suchterkrankungen nehmen zu wie auch Rückfälle bei Suchterkrankungen.

Während das Klinikum im ersten Lockdown noch einen Rückgang der Patientenzahlen verzeichnete, sind jedoch jetzt, im zweiten Lockdown, die Betten fast vollständig belegt. Und: Die Erkrankten, die jetzt in die Klinik kommen, seien deutlich schwerer erkrankt als sonst üblich.

Den Grund sehen die Fachleute des Klinikums Schloss Winnenden erstens in der Zurückhaltung zu Beginn der Pandemie. Viele Menschen hatten Angst vor Ansteckung und zögerten deshalb einen Klinikaufenthalt zu lang hinaus. Mit schwerwiegenden Folgen. Hinzu kommt, dass durch die Corona-Einschränkungen sehr viele tagesklinische Angebote oder Selbsthilfegruppen nicht oder nur sehr eingeschränkt ablaufen können. Das bedeutet, dass die Hilfe, die die Menschen üblicherweise in ihrem normalen Alltag stützt, im schlimmsten Fall ganz wegfällt. Die Folge waren vermehrte stationäre Aufnahmen, und zwar mit deutlich schwereren Krankheitsbildern.

In der Klinik können die Menschen aufgrund der Pandemie-Einschränkungen jedoch auch nicht ausreichend auf ihr Leben zu Hause vorbereitet werden. Wichtige Elemente der Therapie müssen wegfallen: Erprobungswochenenden zu Hause, Übungstermine in der Welt außerhalb des Klinikgeländes – alles wegen der Infektionsvorbeugung nicht möglich. „Da stellt sich dann die Frage, ob die Patienten im Alltag bestehen können.“

Der Wunsch des Klinikums an die Politik lautet: Mehr Personal

Und so ist der Wunsch, der aus dem Klinikum in Richtung der aktuell wahlkämpfenden Politikerinnen und Politiker erklingt, ein einhelliger: mehr Personal. Nur wenn sich deutlich mehr Menschen um die Erkrankten kümmern können, werde es möglich sein, trotz Maske festzustellen, dass es jemandem schlecht geht. Werde es möglich sein, auch ohne Berührung, dafür aber mit deutlich mehr Zeit, jemandem Nähe zu geben. Im Idealfall könne sogar durch persönliche Betreuung zu Hause ein schwerer Verlauf der Erkrankung, bei dem nur noch ein Klinikaufenthalt hilft, vermieden werden.

Das Jahr Corona-Pandemie hat die Pflegerinnen und Pfleger im Klinikum Schloss Winnenden gelehrt, einen Spagat hinzulegen. Einen Spagat zwischen größtmöglicher Distanz und gleichzeitig verstärkter Nähe.

Im Klinikum mit seinen verschiedenen Abteilungen kümmert man sich üblicherweise um körperliche Beschwerden der Patientinnen und Patienten nur nebenbei. Hier steht die Psyche im Vordergrund, ganz gleich, ob es um suchtkranke Menschen, um Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen

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