Rems-Murr-Kreis

Kommt der Handschlag nach Corona zurück? Eine Prognose von Knigge-Expertin Gudrun Nopper

Gudrun Nopper
Während der Pandemie ist der Faustgruß populär geworden. Trotzdem glaubt Knigge-Expertin Gudrun Nopper nicht, dass er den Handschlag für immer ersetzen wird. © Alexandra Palmizi

Die Corona-Pandemie hat das ganze Leben verändert. Neben großen Umbrüchen wie den Veränderungen des Arbeits- oder Schulalltags betrifft das auch die vermeintlich kleinen Gesten, die dennoch im Alltag eine wichtige Rolle spielen. So haben die Hände eine neue Bedeutung bekommen, allerdings keine positive. Als potenzielle Viren- und Bakterienschleudern sind sie zu einer möglichen Gefahr für die Gesundheit geworden. Mit den Corona-Abstandsregeln verträgt sich der Handschlag obendrein nicht. Hat das traditionelle Begrüßungsritual ausgedient?

Hoffentlich nicht, sagt Gudrun Nopper. Sie ist selbstständige zertifizierte Knigge-Trainerin und gibt Knigge-Kurse für Kinder, Jugendliche und Berufsanfänger. Darin spielen natürlich auch Umgangsformen bei Begrüßung und Verabschiedung eine Rolle. Die Expertin würde sich freuen, wenn die Gesellschaft eines Tages nach dem Ende der Pandemie wieder dahin zurückkäme, dass körperliche Berührungen wie beim Händeschütteln wieder ohne Scheu möglich sind. „Der Handschlag ist ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur.“

Handschlag offenbart viel über den Charakter

Die Geste schafft eine Verbindung zwischen Menschen, ohne dass man sich allzu nahe kommt. Ein gesundes Maß an körperlicher Nähe sei für die meisten Menschen sehr wichtig, sagt Gudrun Nopper. Dem Handschlag kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben. Denn er hilft, das Gegenüber schnell besser einschätzen zu lernen: „Der Handschlag sagt viel über den Charakter eines Menschen aus. Ist er lasch oder kräftig? Reicht mir ein Mensch die ganze Hand oder nur die Fingerspitzen?“, nennt Nopper einige Beispiele.

Außerdem gebe es beim Handschlag unterschiedliche Varianten, durch die die Geste viel mehr sein kann als nur ein Begrüßungsritual. So kann beispielsweise das Auflegen einer Hand Anteilnahme und Mitgefühl ausdrücken.

Der Handschlag als Geste der Versöhnung

Nicht zuletzt spielt die Körperhaltung generell eine zentrale Rolle in der täglichen Kommunikation und dabei, wie Menschen einander wahrnehmen. „Über den ersten Eindruck entscheidet zu 70 Prozent die Körperhaltung, gefolgt von Kleidung und Gesichtsausdruck“, erklärt die Benimm-Expertin. Die Haltung ist beim Handschlag in der Regel offen und zugewandt, was ein positives Signal ist.

Auch die kulturgeschichtliche Bedeutung des Handschlags geht weit über die eines bloßen Begrüßungsrituals hinaus: Vermutlich schon seit der Antike zeigte man sich gegenseitig durch den Handschlag, dass man unbewaffnet war. Durch das Schütteln wurde bewiesen, dass außerdem nichts im Ärmel versteckt war. Im politischen Kontext kann die Geste für Versöhnung stehen und als Zeichen dafür, dass auf Augenhöhe verhandelt und diskutiert wird. Ein Handschlag kann auch einen Arbeitsvertrag oder einen Handel besiegeln.

Faust- oder Ellbogengruß haben sich verbreitet

Können die neuen Begrüßungsrituale, die sich während der Corona-Pandemie verbreitet haben, dieses Zeichen adäquat ersetzen? Gudrun Nopper glaubt eher nicht, dass die Berührung der Füße zur Begrüßung, der Faust- oder Ellenbogengruß dieselbe Bedeutung erreichen werden, auch wenn es natürlich bei der Art der Begrüßung darauf ankomme, wie gut man das Gegenüber kenne und in welchem Kontext sich die Menschen begegneten.

Wie also verhält man sich aktuell am besten, um einerseits die Corona-Regeln zu wahren und andererseits die Etikette? „Entscheidend ist, noch mehr als früher auf die Körperhaltung und das Outfit zu achten“, rät Gudrun Nopper. Das bedeutet: Hände aus den Hosentaschen, Sonnenbrille und Kopfbedeckungen abnehmen. Denn vor allem in Situationen, in denen eine Maske getragen werden muss, sind die Augen das wichtigste Kommunikationsmittel: „Der Blick in die Augen wird zu Recht auch als Blick in die Seele bezeichnet. Man kann darin erkennen, wenn ein Lächeln von Herzen kommt“, sagt die Knigge-Trainerin. Der Blickkontakt sei zurzeit noch entscheidender als früher für einen höflichen und respektvollen Umgang miteinander.

Auch wenn sie sich wünscht, dass der Handschlag wieder Einzug ins gesellschaftliche Leben findet, ist Gudrun Nopper überzeugt, dass die Corona-Pandemie Spuren bei Begrüßung und Verabschiedung hinterlassen wird. „Es wird Menschen geben, die auch in Zukunft bei Berührungen vorsichtiger sein werden als früher, was zum Beispiel bei Menschen mit Vorerkrankungen auch sehr verständlich ist.“

Händeschütteln wird nicht mehr selbstverständlich sein

Die Entscheidung, wie eine Begrüßung ablaufe, werde künftig individueller sein. Das erfordere von allen viel Sensibilität, um zum Beispiel an Mimik und Körpersprache schnell zu erkennen, ob jemand bereit ist für den Handschlag oder nicht. „Wir werden Kommunikationswege finden müssen, um darüber zu sprechen.“ Als Affront werde es künftig sicher nicht mehr wahrgenommen werden, wenn jemand lieber auf das Händeschütteln verzichte. Wichtig sei nun, auch schon Kindern und Jugendlichen diese Sensibilität zu vermitteln und die Gründe dafür zu erklären, sagt die Knigge-Expertin.

Die Corona-Pandemie hat das ganze Leben verändert. Neben großen Umbrüchen wie den Veränderungen des Arbeits- oder Schulalltags betrifft das auch die vermeintlich kleinen Gesten, die dennoch im Alltag eine wichtige Rolle spielen. So haben die Hände eine neue Bedeutung bekommen, allerdings keine positive. Als potenzielle Viren- und Bakterienschleudern sind sie zu einer möglichen Gefahr für die Gesundheit geworden. Mit den Corona-Abstandsregeln verträgt sich der Handschlag obendrein nicht. Hat

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