Rems-Murr-Kreis

Kommt der Zivilisationscrash? "Bei einer zweiten Corona-Infektionswelle ist Schlimmes zu befürchten"

foehl
Im Februar liefen die Geschäfte noch und es bestand Grund zur Freude, mittlerweile macht sich Föhl-Geschäftsführer Frank Kirkorowicz ernsthafte Sorgen um sein Unternehmen, aber auch um die gesamte Gesellschaft. © Gaby Schneider

„Unser Unternehmen befindet sich jetzt in einer Krise in einer Dimension, wie wir sie noch nie hatten“, sagt Frank Kirkorowicz, Geschäftsführer des Rudersberger Druckguss-Unternehmens Föhl. Aber nicht nur das, auch die Gesellschaft insgesamt steuere auf einen Abgrund zu, wenn er an die Zerstörungswut von Randalierern in der Stuttgarter Innenstadt vom vergangenen Wochenende denke. „Das hat mich echt schockiert.“ Die Leute redeten immer davon, was passiert, wenn die zweite Corona-Welle über uns hereinbreche. „Ich glaube stattdessen, wir sind noch mitten in der ersten Welle, die längst noch nicht abgeklungen ist. Wir sollten also alle weiter aufmerksam und vorsichtig sein.“

Sein und viele andere Unternehmen im Stuttgarter Speckgürtel seien in hohem Maße abhängig von der Automobilindustrie, deren Produktion coronabedingt gedrosselt und zeitweise sogar zum Stillstand gekommen war. „Das erste Quartal war noch einigermaßen gut und dann kam Corona und wir mussten Kurzarbeit für unsere Beschäftigten anmelden. Leider können die Kosten jedoch nicht weiter gedrosselt werden. Unsere 13 Führungskräfte können wir nicht in Kurzarbeit schicken. Die Pandemie habe die Lieferketten weltweit zum Erliegen gebracht. Im zweiten Quartal mache Föhl voraussichtlich nicht einmal die Hälfte des Umsatzes in einem „normalen“ Jahr. „Das kostet Unmengen an Liquidität“, sagt Kirkorowicz.

Föhl könne seine Druckgussteile-Produktion nicht fraktal herunterfahren, also zum Beispiel eine Woche produzieren, eine Woche pausieren. „Wir müssen einfach zu viele unterschiedliche Kunden in unterschiedlichen Märkten bedienen. Also dümpeln wir gerade vor uns hin mit ganz geringen Umsätzen. Die Kosten zum Aufrechterhalten der gesamten Geschäftsinfrastruktur laufen jedoch weiter.“

Wenn der Wohlstand erst mal weg ist, dräut Chaos

Einen zweiten Komplett-Lockdown wegen erneut zu krass ansteigender Infektionszahlen, das würden Föhl und viele Unternehmen in unserer eigentlich boomenden Region womöglich nicht überleben“, so Kirkorowicz. Sei der Wohlstand weg, dann dräue Chaos und ein Zivilisationszusammenbruch. Die Ausschreitungen und Zerstörungen in Stuttgart könnten nur ein Vorbote davon gewesen sein.

Deshalb ist Kirkorowicz die Aufrechterhaltung der betrieblichen Pandemieplanung auch so wichtig, damit die seines Erachtens noch laufende „erste Infektionswelle“ nicht erneut anschwillt. Home-Office, Desinfektion, Mund-Nasen-Schutz, Abstand halten. „Auch für Lieferanten und Kunden, die auf unsere Betriebsgelände kommen, gelten strenge Regeln.“

Das Hauptwerk ist in Rudersberg-Necklinsberg. Hier sitzen die Verwaltung, der Werkzeugbau und Teile der Zinkgussteile-Produktion. Weitere Zinkgussmaschinen laufen im Werk in Michelau. Und in Haubersbronn hat Föhl ein weiteres Werk in Betrieb, vor allem für Kunststoffteile. Daneben gibt es ein Zentrallager „in der Nähe“, und in China hat das Unternehmen einen Produktionsstandort in Taicang, vor allem für in Asien ansässige Automobilzulieferer.

„Wir haben unsere Unternehmensstruktur zum Glück schon vor Corona standort-autark gemacht, das heißt, das, was in jedem Werk produziert wird, geht auch direkt von dort zum Kunden und nimmt keine Umwege. Das gibt uns Flexibilität, aber wenn nur noch 30 bis 40 Prozent des Normalumsatzes erwirtschaftet werden können, wie jetzt gerade, bringt uns das in wirklich ernsthafte Probleme hinein.“

Wie hält man in so einer Krise „den Laden“ zusammen?

Für die Kolleginnen und Kollegen im Home-Office sei es überaus wichtig, dass sie sich nicht abgehängt beziehungsweise abgekapselt fühlen. „Ich gebe regelmäßig einen firmeninternen Info-Podcast heraus, um zu informieren, wo wir stehen, was gerade aktuell die Lage ist, um alle mitzunehmen. Wir fördern gerade auch Mitarbeiter, die sich weiterbilden möchten, intern über die Föhl-Akademie oder extern.“

Die Beschäftigten in Kurzarbeit seien natürlich in Sorge, was absolut verständlich sei. Gleichwohl bestehe auch Anlass zur Hoffnung. „Die Talsohle könnte erreicht sein. Wir sehen einen Aufwärtstrend im Juni, und könnten in dem Monat 60 Prozent des normalen Umsatzes erreichen“, sagt Kirkorowicz. Leider bestünden aufgrund gewisser Strukturen innerhalb der Lieferketten der Automobilindustrie (Föhl liefert ausnahmslos an Zulieferer) aber auch weiter Unsicherheiten: „Was Kunden nämlich uns in die Auftragsbücher geschrieben haben oder schreiben haben lassen, da heißt es noch lange nicht, dass sie das dann auch zuverlässig abrufen. Wir bleiben zum Teil also auf im Auftrag gefertigter Ware sitzen. Wir sind aber ehrlicherweise auch in der ständigen Diskussion mit unseren Zinklieferanten, bestellte Mengen doch nicht abnehmen zu müssen.“ Und bei den Kunden werde man das Thema Vertragstreue spätestens bei der nächsten Preisnachlassforderung thematisieren.

Einen deutschen Automobilzulieferer mit Werk in Übersee habe Föhl gebeten, doch an die Zeit nach dem Lockdown zu denken und Gussteile vorzubestellen und zu lagern, weil die Lieferung auf dem Seeweg schon einige Wochen dauere. „Die haben uns nicht einmal geantwortet. Und jetzt muss plötzlich alles ganz schnell gehen, und sie wundern sich, dass schnell nur auf dem Luftweg funktioniert und die Lieferkosten viel höher sind. „Man kämpft also gerade an vielen Fronten“, sagt Kirkorowicz.

„Die soziale Marktwirtschaft auf nachhaltigere Beine stellen“

Der Staat habe jedenfalls bei einem erneuten Massen-Infektionsschub und einem zweiten Lockdown sicherlich kein Geld für Milliardenhilfen mehr übrig. Die Gesellschaft polarisiere sich sowieso immer mehr. Populisten schürten Unfrieden und gössen Öl ins Feuer, und Politiker sorgten sich offenkundig vor allem um ihre Wiederwahl. „Wir müssen die soziale Marktwirtschaft auf nachhaltigere Beine stellen. Es geht nicht so weiter mit immer mehr, immer größer, immer schneller. Auch was den Klimawandel angeht, ist es fünf vor zwölf“, sagt Kirkorowicz.

Firmen, die diesbezüglich proaktiv Anstrengungen unternehmen, würden nicht anständig gewürdigt. Es sei ihm immer noch unverständlich, warum Föhl jährlich mehr als eine Million Euro weiter EEG-Umlage zahlen müsse, obwohl „wir unsere Produktion ab 2020 komplett CO2-neutral gestalten“.

„Unser Unternehmen befindet sich jetzt in einer Krise in einer Dimension, wie wir sie noch nie hatten“, sagt Frank Kirkorowicz, Geschäftsführer des Rudersberger Druckguss-Unternehmens Föhl. Aber nicht nur das, auch die Gesellschaft insgesamt steuere auf einen Abgrund zu, wenn er an die Zerstörungswut von Randalierern in der Stuttgarter Innenstadt vom vergangenen Wochenende denke. „Das hat mich echt schockiert.“ Die Leute redeten immer davon, was passiert, wenn die zweite Corona-Welle über

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