Rems-Murr-Kreis

Krebs: Tod und Trauer will nicht jeder besprechen, die Winnender KBS aber schon

Krebsberatung
Angehörige und Patienten sind froh, dass es die Krebsberatungsstelle (KBS) gibt. Ganz rechts KBS-Leiterin Eliza Gmähle, Zweite von links KBS-Assistentin Anja Luckert. © Ralph Steinemann Pressefoto

Die Diagnose Krebs stürzt Betroffene und Angehörige häufig in eine tiefe Lebenskrise. Schließlich ist die Vorbereitung auf den möglichen Tod, den eigenen oder jenen einer geliebten Person, eines der schwierigsten und schrecklichsten Unterfangen. Professionelle Unterstützung tut not. Gesucht, gefunden: Seit zwei Jahren gibt es die Krebsberatungsstelle in Winnenden. Patienten, Angehörige und die KBS-Leiterin Eliza Gmähle berichten von aufwühlenden Erfahrungen.

„Zuerst hat sich meine Tochter an die KBS gewandt. Sie hat es geschafft, sich durch die Beratung ein Stück weit zu lösen von ihren Ängsten. Und das hat ihr geholfen, ihren Weg weiterzugehen, obwohl ihre Mutter so krank ist“, erzählt eine Waiblinger Krebspatientin. Sie selbst sei dann auch zur KBS gegangen. „Es gibt eben Dinge, zum Beispiel den Tod, die kann man nicht mit seinem Ehepartner und Kindern besprechen, weil man will sie ja nicht noch mehr belasten, indem man vor ihnen die innersten Ängste nach außen kehrt. Und es gibt Punkte, wo man gar nicht mehr weiterweiß. Wie soll ich das überhaupt alles schaffen? Bei der KBS jedoch kann man alles bereden, und die zeigen einem mögliche Wege auf. Da gibt es kompetente Experten. Ich bin sehr dankbar, dass es die KBS gibt.“

Auch Angehörige leisten Unglaubliches und bekommen nur wenig Anerkennung

Angehörige von Krebspatienten fühlen sich häufig sehr belastet und leisten doch Unglaubliches, ergänzt KBS-Leiterin Eliza Gmähle. „Sie können meist nur hilflos nebendran stehen und zusehen, wie es ihren Liebsten schlechtgeht. Zu sterben ist die größte aller Ängste. Wie bereite ich mich darauf vor? Welche Dinge sollte ich regeln?“

Ein Betroffener aus Weinstadt bestätigt dies. Mitte 2019 hatte seine Frau im Krankenhaus einen Schlaganfall bekommen und dann wurde auch noch Krebs diagnostiziert. Die Chemotherapie half leider nicht nachhaltig. „Meine Frau war Palliativpatientin. Wir hatten ab 2021 tolle Pflegerinnen zu Hause. Es war ein Abschied auf längere Zeit. Man kann es nicht beschreiben, was für ein schreckliches Gefühl es ist, die Gewissheit zu haben, dass die geliebte Ehefrau stirbt, und das alles miterleben zu müssen. Im Januar 2022 ist sie gestorben.“

Sehr schwierig gewesen sei für ihn als Angehöriger das mangelnde Verständnis im Freundes- und Bekannten- sowie im Verwandtenkreis. „Es bringt einem dann gar nichts, wenn die einen ablenken wollen und zum Golf oder Abendessen einladen, ohne Trauer zuzulassen. Und all die gut gemeinten, aber falschen Ratschläge, die man dann so hört. Viel wichtiger wäre es, verständnisvolle Zuhörer zu haben, die einem Anerkennung schenken, dass man diese tiefgreifende Lebenskrise durchsteht. Da fühle ich mich bei der KBS wirklich gut aufgehoben.“

Leider werde in der Gesellschaft erwartet, dass man einfach weiter funktioniert und den Tod ausblendet und verdrängt, sagt Eliza Gmähle. Viele erlebten dann, dass Freunde oder andere Angehörige einen geradezu nötigten, endlich wieder nett und nicht mehr so traurig zu sein. „Stattdessen wäre es aber besser, Verständnis dafür aufzubringen und auch Trauer zuzulassen.“

Man merkt sofort, dass die Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der KBS „hoch qualifiziert sind und Ahnung haben von dem, was sie tun“, sagt eine Klientin aus Schwaikheim. Sie ist seit 2014 Krebspatientin und in Langzeitbehandlung, weil immer wieder Rezidive bei ihr entdeckt wurden. „Damit ging’s mir natürlich nicht so gut, und so kam ich zur KBS und Frau Gmähle. Sie hat die psychologische Ausbildung und es passt auch einfach menschlich.“ Die immer wiederkehrende, alles entscheidende Frage laute doch: Wie spreche man über das Unaussprechliche, die ureigensten Ängste und den Tod. „Von Frau Gmähle fühle ich mich verstanden und unterstützt. Auch was die sozialrechtliche Seite angeht, wird man bei der KBS umfänglich beraten, und alle sind sehr kompetent.“

Und wenn es um geschlechtsspezifische Themen geht, die eine Frau lieber mit einer Frau und ein Mann lieber mit einem Mann bereden möchte? Kein Problem. Neben den beiden Beraterinnen Eliza Gmähle und Katrin Meulenberg ist ja auch noch Björn Gmähle im KBS-Team.

Wie kam es zur Gründung der Krebsberatungsstelle in Winnenden?

Die Krebsberatungsstelle einzurichten sei nur folgerichtig gewesen, sagt die Qualitätsbeauftragte Michaela Grabe. „Ich war Pflegebereichsleitung bei Prof. Markus Schaich und wir hatten schon immer den Traum, die onkologische Versorgung noch weiter zu verbessern und zu vervollständigen.“

Die Krebsstation und verwandte Bereiche wurden 2016 zertifiziert zum Onkologischen Zentrum. Im Rems-Murr-Klinikum Winnenden erwuchs damit eines von 80 Zentren in der Bundesrepublik, das nach festgelegten nationalen und internationalen onkologischen Standards arbeitet. Seit 2017 bescheinigt die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) dem Onkologischen Zentrum höchste Qualität in der Krebsbehandlung. Die enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum Ambulante Onkologie in Schorndorf, der Radiologie und Nuklearmedizin in Winnenden und der Strahlentherapie Rems-Murr wurde weiter intensiviert.

„Im stationären Bereich läuft seither schon sehr viel, auch was die psychoonkologische Betreuung von Krebspatienten angeht, es gibt zum Beispiel auch Musik- und Kunst-Therapie. Dann kam aber die Frage auf, was passiert nach der Behandlung und was ist mit den Angehörigen“, erinnert sich Michaela Grabe. „Ja, neben der hervorragenden stationären Versorgung, der hervorragenden Zusammenarbeit mit der niedergelassenen Ärzteschaft und den tollen Selbsthilfegruppen, da fehlte irgendwie noch eine Krebsberatungsstelle. So leiteten wir 2019 das Gründungsprojekt für eine solche in die Wege.“

Bis dahin hatte die psychologische Betreuung von Patienten aufgehört, wenn sie aus der Reha nach Hause kamen, sagt Eliza Gmähle. „Wir erfuhren, dass wir bei Gründung einer KBS auf Fördermittel zurückgreifen können. Die Gründung erfolgte dann 2020, mitten in der Pandemie. Die ersten psychologischen Beratungen begannen Ende April 2020. Seit Juli 2020 ist unser Team vollständig.“

Kaum Wartezeit und für alle Rems-Murr-Bürger da

„Auch während Corona hatte die KBS weitestgehend Normalbetrieb, es wurden viele Telefonate geführt, und bei Besuchen in den Räumen der KBS im Verwaltungsgebäude des Rems-Murr-Klinikums in Winnenden galten freilich strenge Hygieneregeln“, sagt Michaela Grabe. „So haben also trotz Corona in den zwei Jahren viele Leute zu uns gefunden.“

Schnell kamen sozialrechtliche Beratungen hinzu. „Es geht um Antragstellungen, um Reha, Schwerbehindertenausweis, Erwerbsminderungsrente, Haushaltshilfen für junge Familien und, und, und“, sagt Gmähle.

„Das Tolle an der KBS ist, dass wir keine Warteliste haben und momentan auch keine langen Wartezeiten“, sagt Eliza Gmähle. „Als Patient warten Sie normalerweise bis zu einem halben Jahr auf einen ersten Psychologen-Termin. Bei uns derzeit maximal zwei Wochen.“ Es habe sich wirklich viel getan in den zwei Jahren, viele Betroffene, Patienten und Angehörige und Freunde hätten die KBS konsultiert. „Manchmal sind es auch nur Menschen, die Informationen brauchen. Wichtig ist, zu wissen, dass die KBS für alle Bewohner des Rems-Murr-Kreises offensteht, sie müssen aber nicht unbedingt Patienten in den Rems-Murr-Kliniken sein“, so Eliza Gmähle.

Die Diagnose Krebs stürzt Betroffene und Angehörige häufig in eine tiefe Lebenskrise. Schließlich ist die Vorbereitung auf den möglichen Tod, den eigenen oder jenen einer geliebten Person, eines der schwierigsten und schrecklichsten Unterfangen. Professionelle Unterstützung tut not. Gesucht, gefunden: Seit zwei Jahren gibt es die Krebsberatungsstelle in Winnenden. Patienten, Angehörige und die KBS-Leiterin Eliza Gmähle berichten von aufwühlenden Erfahrungen.

„Zuerst hat sich meine

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper