Rems-Murr-Kreis

Kriminalität im Rems-Murr-Kreis: Mehr Vergewaltigungen, mehr Partnergewalt

Häusliche Gewalt
Symbolbild. © ALEXANDRA PALMIZI

Besonders fällt im neuesten Kriminalitätsbericht der Polizei die Zunahme der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auf: Diese Zahl ist im vergangenen Jahr im Rems-Murr-Kreis um ein Viertel auf 347 gestiegen.

Es geht um sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung, Kinderpornografie, Nötigung, Belästigung. Fast durchweg liegen die Zahlen in diesen Bereichen höher als im Vorjahr. Zwei Beispiele: Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Jahr 30 Vergewaltigungen angezeigt, neun mehr als 2020, was einem Anstieg der Fallzahlen von gut 40 Prozent entspricht. In der Rubrik „Verbreiten, Erwerb, Besitz und Herstellung von Kinderpornografie“ haben die Ermittler 132 Fälle und damit mehr als doppelt so viele als im Vorjahr (59 Fälle) erfasst.

Kinderpornografie: Spezialisierte Ermittler/-innen-Gruppe

Der Anstieg hat mit der Arbeit einer speziell für dieses Kriminalitätsfeld eingesetzten Ermittler/-innen-Gruppe zu tun, die im März 2021 ihre Arbeit aufgenommen hat. Weil sich diese Gruppe auf das Deliktfeld Kinderpornografie spezialisiert hat und mit besonderer Akribie diesen Dingen nachgeht, kommen nun weit mehr Fälle ans Tageslicht als früher. Der Gruppe gehören mittlerweile elf Beamtinnen und Beamte der Kriminalpolizei, vier Beamtinnen der Schutzpolizei und zwei Tarifbeschäftigte an. Beim Polizeipräsidium Aalen, das für die Landkreise Rems-Murr, Ostalb und Schwäbisch Hall zuständig ist, sind im Bereich Kinder- und Jugendpornografie 251 Verfahren abgeschlossen worden, wovon die spezialisierte Ermittler/-innen-Gruppe 200 bearbeitet hatte.

Sporttrainer in U-Haft wegen Missbrauchsvorwürfen

Für erhebliches Aufsehen hatte im Rems-Murr-Kreis 2021 der Fall eines 53-jährigen ehrenamtlichen Sporttrainers gesorgt, dem vielfacher sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Die Ermittlungen gegen den Mann begannen im Juli vergangenes Jahr. Der 53-Jährige, der sich seit Ende November in Untersuchungshaft befindet, wird sich voraussichtlich noch im Frühjahr vor Gericht wegen des Vorwurfs verantworten müssen, Kinder und Jugendliche, die er im Sportverein betreut hatte, sexuell missbraucht zu haben. Zwischenzeitlich hat die Polizei weiteres Beweismaterial ausgewertet. Ferner sind weitere mutmaßlich Geschädigte ermittelt und bereits vernommen worden, teilt die Polizei mit. Dem Mann, einem deutschen Staatsangehörigen, werden laut Polizei mehrere Hundert Taten des sexuellen Missbrauchs zur Last gelegt. Es geht um mutmaßliche Taten über einen längeren Zeitraum; konkret spricht die Polizei von den Jahren 2006 bis 2021. Am 29. November 2021 nahmen Beamte den Mann fest. Ihm wird zusätzlich vorgeworfen, kinderpornografische Schriften besessen zu haben.

Anteil von Frauen unter den Tatverdächtigen: Zehn Prozent

In ihrer Kriminalitätsstatistik schlüsselt die Polizei auf, welche Anteile bei den Tatverdächtigen im Bereich Sexualdelikte auf Männer und Frauen sowie mutmaßliche Täter/-innen ausländischer Herkunft entfallen. Demnach hat das Polizeipräsidium Aalen 631 Tatverdächtige erfasst, darunter 64 Frauen. Laut Polizei ist der Anteil der nicht deutschen Tatverdächtigen angestiegen, und zwar von knapp 26 Prozent im Jahr 2020 auf knapp 30 Prozent im Jahr 2021. 33 Tatverdächtige gehören laut Polizei der Gruppe der Flüchtlinge und Zuwanderer an, das sind vier mehr als im Jahr davor.

Zwar ist die Zahl der Straftaten 2021 im Rems-Murr-Kreis unter anderem coronabedingt insgesamt zurückgegangen, doch das gilt selbstverständlich für eine Reihe von Deliktfeldern nicht. Gewalt im privaten Umfeld, in der Familie und ganz besonders unter (Ex-)-Partnern und Partnerinnen hat weiter zugenommen. Im Bereich häusliche Gewalt gilt ganz besonders, was mit Blick auf die gesamte polizeiliche Kriminalstatistik zu beachten ist: Die Zahlen sagen naturgemäß nichts darüber aus, wie viele Vorfälle es wirklich gab. Die Polizei kann nur jene Fälle zählen, die angezeigt werden. „Ein Teil der Opfer häuslicher Gewalt entscheidet sich aus verschiedensten Gründen gegen eine Anzeige bei der Polizei. Diese Personen suchen häufig Hilfe bei Opferschutzeinrichtungen. Über das genaue Ausmaß von Gewalt im sozialen Nahraum lässt sich somit keine gesicherte Aussage treffen. Es muss von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden“, heißt es im jüngsten Jahresbericht der Polizei.

Häusliche Gewalt: Höchststand im Fünfjahresvergleich

Der Langzeittrend weist jedenfalls nach oben. Sowohl landes- als auch präsidiumsweit wurde die höchste Fallzahl bei häuslicher Gewalt im Fünfjahresvergleich gemeldet. Im Rems-Murr-Kreis registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 557 Anzeigen von häuslicher Gewalt, nach 549 im Jahr davor. Präsidiumsweit handelte es sich in knapp 80 Prozent der Fälle um Körperverletzungsdelikte.

„Häusliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor“, darauf weist die Polizei immer und immer wieder hin. Die psychische Gewalt sei oftmals belastender als die physische Gewalt, heißt es weiter im Jahresbericht der Polizei – denn der Zufluchtsort, das eigene Zuhause, wird zum Tatort. Zumindest habe sich die Befürchtung, dass wegen coronabedingter Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen gewalttätige Konflikte innerhalb der Partnerschaft zunehmen könnten, mit Blick auf die Fallzahlen nicht bestätigt – was wiederum nichts heißen muss, weil niemand weiß, was sich hinter verschlossenen Gardinen abspielte, ohne dass jemand nach An- und Übergriffen zur Polizei gegangen wäre.

Nötigung, Nachstellung, Körperverletzung, Tötung

Hinter dem geläufigen Begriff „Hausstreit“ verberge sich „eine breite Palette möglicher Konflikte und strafrechtlich relevanter Verhaltensweisen.“ Die Ursachen und Ausprägungen von häuslicher Gewalt seien vielschichtig und komplex, „in keinem Fall aber begründ- und hinnehmbar.“ Die Rede ist von Nötigung, Nachstellung, Körperverletzungs- und Sexualdelikten – oder gar Tötung. Jeden dritten Tag stirbt in Deutschland, statistisch betrachtet, eine Frau von der Hand ihres Partners oder Ex-Partners. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Femizid – der gezielten Tötung von Frauen schlicht deshalb, weil sie Frauen sind.

Der jüngste Fall im Rems-Murr-Kreis: 2021 hat ein zur Tatzeit 29-jähriger Mann in Backnang seine nach islamischem Recht mit ihm verheiratete Frau mit einem Ausbeinmesser getötet.

Besonders fällt im neuesten Kriminalitätsbericht der Polizei die Zunahme der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auf: Diese Zahl ist im vergangenen Jahr im Rems-Murr-Kreis um ein Viertel auf 347 gestiegen.

Es geht um sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung, Kinderpornografie, Nötigung, Belästigung. Fast durchweg liegen die Zahlen in diesen Bereichen höher als im Vorjahr. Zwei Beispiele: Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Jahr 30
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