Rems-Murr-Kreis

Kritik an Dumpingpreisen für Erdbeeren: Welche Konsequenzen Bauern aus der Saison 2022 ziehen

Bauer Schmid
Daniel und Alissa Schmid bei der Ernte im Jahr 2021. Damals waren die Preise für Erdbeeren deutlich höher. © Benjamin Büttner

Süß, rot und gesund: Erdbeeren gehören zu den beliebtesten Obstsorten hierzulande. Im europäischen Vergleich gehört Deutschland neben Spanien und Polen zu den führenden Anbauländern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg zählen zu den zentralen Anbaugebieten der leckeren Früchtchen. Nun endet die Saison, die für viele Erzeuger, auch im Rems-Murr-Kreis, schwierig war.

Preis für Erdbeeren ist schnell und stark gesunken

Erdbeeren werden zu Dumpingpreisen verramscht, beklagte der Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg bereits Ende Mai. Die Kritik richtete sich gegen den Lebensmitteleinzelhandel: „Der Einzelhandel erweckt den Eindruck, bewusst Ware aus dem Ausland billig anzubieten, um die in großer Menge vorhandene und qualitativ hochwertige heimische Ware im Preis zu drücken“, sagte der Verbandspräsident Franz Josef Müller.

Der Einzelhandel werbe mit regionalen und saisonalen Produkten sowie fairen Preisen für die Erzeuger, doch an die Umsetzung der eigenen Slogans werde sich oft nicht gehalten. Die heimischen Produkte müssten eine Chancengleichheit im Markt bekommen. „Es kann nicht sein, dass unsere heimische Ware vernichtet werden muss und gleichzeitig werden im Lebensmitteleinzelhandel Erdbeeren aus Spanien billig verkauft“, so Müller.

Die niedrigen Preise waren ein Problem dieser Erdbeersaison, bestätigt Alissa Schmid. Die Familie baut auf dem Gelände des Hofmarkts Schmid in Waiblingen-Beinstein Gemüse, Salate und Beeren an. Circa 30 Prozent der Erdbeeren werden direkt vermarktet, Anfang der Saison kostete eine Schale 4,90 Euro, inzwischen liegt der Preis bei 3,50 Euro.

Lohn- und Produktionskosten kaum abdeckbar

Rund 70 Prozent gehen in den Großhandel: „Wir haben einen eigenen Stand auf dem Großmarkt, was ein gewisser Vorteil ist. Dennoch: Die Preise sind dort nach Saisonbeginn sehr schnell auf rund 1,50 Euro pro Schale gesunken. Bei diesem Preis können kaum die Produktions- und Erntekosten gedeckt werden, vor allem bei den frühen Erdbeersorten, die mit Vlies und Folie auf- und abgedeckt werden müssen.“ Zum Vergleich: In den Vorjahren lag der Preis für eine Schale zu dieser Zeit bei 2 bis 2,30 Euro. Für Erzeuger, die ihre Früchte an einen Händler abgäben, habe es sich in diesem Jahr häufig nicht einmal gelohnt, die Erdbeeren überhaupt zu ernten, da die Lohnkosten kaum abdeckbar gewesen seien, so Schmid.

Für die regionalen Erzeuger, die ohnehin seit Beginn des Kriegs in der Ukraine von explodierenden Energiekosten hart getroffen sind, ist der Mindestlohn nicht leicht zu stemmen, der vom 1. Oktober an steigen wird. Mit Erdbeeren aus Ländern, die deutlich niedrigere Löhne zahlten, könnten die Beeren aus der Region dann preislich nicht mithalten. „Dem Verbraucher kann man nicht vorwerfen, dass er zum billigsten Produkt greift“, findet Alissa Schmid. Sie sieht den Lebensmitteleinzelhandel in der Pflicht: „Die Lebensmittelhändler sind nicht rechtzeitig in den deutschen Markt eingestiegen. So ist eine Art Stau entstanden, es gab für kurze Zeit sehr viele Erdbeeren auf dem Markt, was die Preise zu früh zu stark sinken ließ.“

Nun ist die Erdbeersaison fast vorbei, in diesen Tagen werden auf dem Hof von Familie Schmid die letzten Erdbeeren der Sorte Malwina geerntet und verkauft. Für das kommende Jahr haben die Schmids bereits Konsequenzen aus der Erfahrung dieses Jahres gezogen: „Wir werden unsere Anbaufläche für Erdbeeren um etwa ein Drittel reduzieren und verstärkt auf andere Produkte setzen.“

Sinkender Erdbeerpreis, steigender Mindestlohn

Bei Phillip Bauerle, der seine Felder auf dem Schmidener Feld hat, ist die Erdbeersaison bereits beendet, späte Sorten baut die Familie nicht an. „Die Saison war wegen der hohen Temperaturen kurz, aber in Ordnung“, sagt Bauerle. Dass er insgesamt relativ zufrieden ist, liegt vor allem daran, dass er seine Beeren fast ausschließlich direkt vermarktet, keine zehn Prozent der Erdbeeren vom Schmidener Feld gehen in den Großmarkt. Allerdings seien auch die Preise im Direktverkauf niedriger gewesen als in den Vorjahren: Frühe und mittelfrühe Erdbeersorten seien teilweise gleichzeitig reif geworden, das große Angebot habe die Preise gedrückt.

Auch Familie Bauerle zieht aus den Erfahrungen dieses Jahres Konsequenzen: „Wir hatten in diesem Jahr weniger Fläche für den Erdbeeranbau zur Verfügung als in den Vorjahren. Nächstes Jahr hätten wir wieder mehr Fläche zur Verfügung, werden aber nicht wieder mehr Erdbeeren anbauen als in diesem Jahr“, sagt Bauerle. Denn würde die Familie mehr Erdbeeren anbauen, würden vermutlich auch mehr Früchte in den Großmarkt gehen. Dies aber lohne sich wirtschaftlich nicht, betrachte man die Preise, die in diesem Jahr dort für Erdbeeren bezahlt worden seien, in Kombination mit dem steigenden Mindestlohn.

Mindestlohn und Preisdruck bedrohen Existenzen

Dem Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg machen diese beiden Faktoren große Sorgen für die Zukunft: „Der Obstanbau ist sehr arbeitsintensiv. Mindestlohn und Preisdruck gefährden die bäuerlichen Familienbetriebe und bedeuten das Aus für den heimischen Obstanbau. In Deutschland werden höchste Umwelt- und Sozialstandards von unseren Erzeugern verlangt, diese müssen vom Einzelhandel sowie der Politik endlich wertgeschätzt werden“, so Kathrin Walter-Zeller, Geschäftsführerin des Verbands.

Der Mix aus coronabedingten Zusatzkosten, dem steigenden Mindestlohn und explodierenden Energie- und Betriebskosten bringe viele Betriebe in Existenznöte. Der Ukraine-Krieg zeigt aus Müllers Sicht, wie wichtig Ernährungssicherung im eigenen Land ist. Es müsse deshalb ein gemeinsames Anliegen von Einzelhandel und Politik sein, die deutschen Obstbauern fair und auf Augenhöhe zu behandeln, um die Versorgung mit heimischem Obst weiterhin gewährleisten zu können.

Süß, rot und gesund: Erdbeeren gehören zu den beliebtesten Obstsorten hierzulande. Im europäischen Vergleich gehört Deutschland neben Spanien und Polen zu den führenden Anbauländern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg zählen zu den zentralen Anbaugebieten der leckeren Früchtchen. Nun endet die Saison, die für viele Erzeuger, auch im Rems-Murr-Kreis, schwierig war.

Preis für Erdbeeren ist schnell und stark gesunken

Erdbeeren werden zu Dumpingpreisen

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