Rems-Murr-Kreis

Kurzarbeit im Rems-Murr-Kreis:  Beschäftigte zwischen Hoffen und Bangen

KurzarbeitBoschparkplatz
Kurzarbeit bei Bosch in Waiblingen: Wo vor allem beim Schichtwechsel ein Gerangel um freie Parkplätze herrschte, haben die Beschäftigten derzeit freie Parkplatzwahl. Viele Mitarbeiter schaffen im Homeoffice oder sind auf Kurzarbeit. Foto: Schneider © Gaby Schneider

Mehr als 4500 Firmen im Rems-Murr-Kreis haben für ihre Belegschaften nicht mehr genügend zu schaffen. Sie haben für nahezu 64 000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Die Mitarbeiter haben kürzere oder überhaupt keine Arbeit – oder stehen kurz davor. Kurzarbeit trifft vier von zehn Beschäftigten. Wir haben mit vier Betroffenen gesprochen, was für sie Kurzarbeit bedeutet, wie sie mit der ungewohnten Situation umgehen und wie sich für sie die Kurzarbeit anfühlt.

Wie Urlaub? So empfindet keiner der Kurzarbeiter die freien Tage und Wochen ohne Arbeit. Auch nicht Amnis Sanahat und Claudio Sigle, die bei Bosch Verbindungstechnik in Waiblingen beschäftigt sind. Dem Flugbegleiter Bernd K. oder dem Veranstaltungstechniker Jochen S.sind Urlaubsgefühle in ihrer Lage völlig fremd. Die große Sorge, ja die Angst um den Arbeitsplatz überschattet bei diesen Kurzarbeitern die kleinen Freuden an ihren vielen freien Tagen.

„Kurzarbeitergeld ist das Mittel der Wahl"

„Kurzarbeitergeld ist das Mittel der Wahl, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt im Kreis abzumildern“, sagt Christine Käferle, die Chefin der Agentur für Arbeit in Waiblingen. Ohne Kurzarbeitergeld wäre die Arbeitslosigkeit im Rems-Murr-Kreis in den letzten Wochen und Monaten noch deutlicher angestiegen. Gegenüber dem Juni des Vorjahres hat sich die Erwerbslosigkeit zwischen Rems und Murr gleichwohl um mehr als die Hälfte auf 11 000 Personen erhöht.

Ja, gewiss. Ganz am Anfang, im März und April, haben sich die unverhofft freien Tage ein bisschen wie Freizeit angefühlt, sagt Claudio Sigle, 56. Er habe sich über seinen großen Garten hergemacht, der noch nie so aufgeräumt gewesen sei wie in diesem Frühjahr, erzählt er lachend. Auch Amnis Sanahat werkelte viel im Garten – und merkt im Gespräch sofort an, dass ihr durchaus bewusst sei, wie privilegiert sie ist. Viele Kolleginnen und Kollegen seien während des Lockdowns in ihrer Wohnung eingesperrt gewesen und hätten oft nicht einmal einen Balkon.

Jobwechsel in der Krise

„Im Urlaub bin ich entspannt“, sagt Jochen S. Entspannt ist die Situation des 34-jährige Veranstaltungstechnikers aus Fellbach seit Monaten nun aber überhaupt nicht. Seine Branche war von Corona als erste betroffen. Sämtliche Veranstaltungen wurden abgesagt. Er befürchtet, dass es in diesem Jahr überhaupt keine großen Events, Konzerte oder Messen mehr geben wird. Das heißt für ihn, keine Aufträge und damit keine Arbeit. Verschärfend kam für den Familienvater hinzu, dass er den Job gewechselt hatte und am 1. Mai eine neue Stelle als Projektleiter bei einem großen Veranstaltungsunternehmen angetreten hat. Sein erster Arbeitstag beim neuen Arbeitgeber begann – mit Kurzarbeit.

Die Kurzarbeit ist an Bedingungen geknüpft. Der Arbeitgeber muss sie bei der Agentur für Arbeit zunächst anmelden. Erst dann kann er in den nächsten drei Monaten die Unterstützung abrufen. Aktuell haben mehr als 4500 Firmen dies für fast 64 000 Mitarbeiter getan. „Wir gehen davon aus, dass um die 80 Prozent der angezeigten Kurzarbeit auch umgesetzt wird“, sagt Christine Käferle. Das unterscheidet die Kurzarbeit deutlich von der Krise der Jahre 2008/2009. Damals waren es viel weniger Unternehmen gewesen – und selbst die riefen nur zur Hälfte die Kurzarbeit auch ab.

Nichts geht mehr in der Luft

Nichts geht mehr bei den Fluglinien. Seit Ende März stehen die meisten Flugzeuge am Boden. Bei der Rückholung von Zehntausenden Urlaubern nach dem Ausbruch der Pandemie war Bernd K. im Einsatz. Seither ist der Flugbegleiter ohne Arbeit. Dieser Tage durfte er zur Abwechslung mal wieder etwas Flugzeugluft schnuppern. Seine Fluglizenz war abgelaufen und er musste sie am Frankfurter Flughafen erneuern. Ansonsten heißt es für den 41-Jährigen zu warten und zu hoffen. Sein Wohnort ist Berlin, die „Homebase“ Frankfurt – und seit April kann er mehr Zeit denn je bei und mit seiner Freundin im Remstal verbringen.

Über das Kurzarbeitergeld will er nicht klagen. „Ich komme hin“, sagt er. Er sei in der glücklichen Lage, in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in der er als Flugbegleiter arbeitet, etwas Geld angespart zu haben. Es gebe aber auch Kolleginnen und Kollegen, die es härter trifft und denen das als Alleinerziehende mit Kindern die Unterstützung nicht reicht. Für sie wurde ein Nothilfefonds eingerichtet.

Jochen S. hat Glück im Unglück. Seine Vermieter seien die Eltern, die auf die finanzielle Klemme ihres Sohnes großzügig reagieren. „Wir kommen über die Runden“, sagt der 34-Jährige.

Die Streichung der Robert-Bosch-Zulage tut weh

Während er und Bernd K. nur das gesetzliche Kurzarbeitergeld erhalten, wird bei Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie das Kurzarbeitergeld aufgestockt. Bei Bosch kommen die Mitarbeiter am Monatsende mit rund 80 Prozent des vorherigen Nettolohns heraus. Allerdings stellte Claudio Sigle dieser Tage fest, dass er im Juni doch rund 1000 Euro weniger als in den Vorjahren auf dem Konto hatte. Sein Arbeitgeber hatte übliche Robert-Bosch-Zulage gestrichen. „Viele Kollegen waren erstaunt“, sagt der 56-Jährige. Mit der Streichung habe keiner gerechnet. Wer bei seinen Anschaffungen oder beim Urlaub auf das kleine Extra vertraute, dem tue die Streichung im Geldbeutel weh. 

In der Metall- und Elektroindustrie wird das Kurzarbeitergeld aufgestockt

Die Höhe des Kurzarbeitergeldes ist gestaffelt und beträgt 60 beziehungsweise 67 Prozent des Nettolohns. Ab dem vierten Monat wird das Kurzarbeitergeld auf 70 beziehungsweise 77 Prozent und ab dem siebten Bezugsmonat auf 80 beziehungsweise 87 Prozent erhöht. Sind keine darüber hinausgehenden tarifvertraglichen Regelung vorhanden, bedeutet Kurzarbeit, sich finanziell einschränken zu müssen.

So fallen bei Bosch mangels Aufträgen Nachtschichten im Waiblinger Werk aus. Kollegen, die oft nachts gearbeitet haben, fehlen die lukrativen Nachtzulagen, sagt Amnis Sanahat. Die 51-Jährige ist schon seit über 30 Jahren beim Bosch beschäftigt. Vor knapp zehn Jahren, nach der Finanz- und Wirtschaftskrise, hat der Betriebsrat mit der Geschäftsleitung eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, bei der die Aufstockungen des Kurzarbeitergeldes geregelt wurde, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Gürhan Ag. Ziel war, den direkt Betroffenen das Kurzarbeitergeld aufzustocken, die Kosten für das Unternehmen aber auf alle Beschäftigten umzulegen. „Es trifft alle“, sagt Ag über diese Solidarität.

Während der Kurzarbeit fehlt der Arbeitsrythmus

Die größte Sorge der Bosch-Beschäftigten in Waiblingen ist, ob es der Automobilindustrie gelingt, wieder aus der Krise zu fahren. Die Auftragsrückgänge haben sich bei Bosch, einem der Zulieferer, bereits 2019 abgezeichnet, vor Corona also, sagt Amnis Sanahat. Schon im Januar wurden keine befristet Beschäftigten mehr eingestellt. Nachdem zunächst Überstunden und Urlaub abgebaut werden mussten, begann für die 850 Beschäftigen im Werk die Kurzarbeit. Im Mai acht Tage, im Juni und Juli acht bis zehn Tage. Und im August, während der Sommerferien, wird das Werk zeitweise geschlossen. Während der Kurzarbeit vermisst Claudio Sigle vor allem sein gewohnten Arbeitsrhythmus. Kaum sei er im Büro angekommen und habe die aufgelaufenen Mails abgearbeitet, sei er auch schon wieder weg. In Kurzarbeit.

Bereits im März hat die Bundesregierung Änderungen beim Kurzarbeitergeld beschlossen. Allerdings gelten die nur bis Ende 2020. Erholt sich bis dahin die Wirtschaft nicht, sollten die Regelungen verlängert werden, befürwortet auch IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal. Denn Kurzarbeit biete der deutschen Wirtschaft die große Chance, sofort durchzustarten, sobald die Konjunktur anzieht. Die Betriebe haben die benötigte Mannschaft an Bord und können schnell Gas geben, wenn die Aufträge kommen. Ein klarer Wettbewerbsvorteil, von dem die deutsche Wirtschaft schon nach der Finanzkrise profitiert habe.

Die Beschäftigten bei Bosch haben allerdings die Sorge, dass die Krise nicht so schnell vorübergeht und ihre Arbeitsplätze wackeln. Was ihr Chef Andreas Denner, Daimler-Chef Ola Källenius oder andere Manager in der Automobilindustrie über Stellenstreichungen verlauten lassen, sei nicht gerade vielversprechend, meint Claudio Sigle. Das Waiblinger Werk hängt am Tropf des Autos. Wenn die Zulieferer und die Hersteller bei Bosch keine Steckverbindungen ordern, gibt es in Waiblingen keine Arbeit. Deshalb sind 40 bis 50 Prozent der 850 Beschäftigten im Waiblinger Werk aktuell in Kurzarbeit, sagt Gürhan Ag. Aus Solidarität mit den Kollegen auch die Betriebsräte. Wie die Lage bei Bosch ist, dafür reicht ein Blick auf den Parkplatz in Waiblingen. Selbst mittags zum Schichtwechsel gibt es freie Plätze.

Von der Kurzarbeit sind alle Branchen betroffen

Die Krise trifft es diesmal nicht nur die Industrie wie 2008/2009. Der Lockdown ließ in so gut wie alle Branchen die Umsätze abstürzen. Das zeigen die Zahlen der Arbeitsagentur. Die meisten Anzeigen für Kurzarbeit kamen aus dem Handel, der Instandhaltung und Reparatur von KFZ (795) gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe (759) und dem Gastgewerbe (544). Die meisten Angestellten sind im verarbeitenden Gewerbe (23 196 Menschen), Handel, Instandhaltung und Reparatur von KFZ (11 422), Immobilien, freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen (4.103) betroffen.

Wie’s geht’s weiter? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Jochen S. Die Coronakrise ist für seine Branche existenzbedrohend. Die Veranstalter versuchen, irgendwie den Kopf über dem Wasser zuhalten. So ergehe es auch den Caterern oder den Clubs, die ebenfalls auf Veranstaltungen angewiesen sind. Über einen neuen Job, in einer ganz anderen Branche, denkt er aber nicht nach. „Wir machen das aus Leidenschaft!“

„Mir würde ein Berufswechsel schwer fallen“

Der Flugbegleiter macht sich keine Gedanken, welche beruflichen Alternativen es für ihn geben könnte. Noch nicht. Er hängt an seinem Job. Mit seinen mehr als 20 Jahren Berufserfahrungen gehört er in seiner Branche eher zu einer Minderheit. Viele junge Leute machten den Job für ein, zwei Jahre. Aus Spaß, aus Neugierde. Abenteuer über den Wolken. Nicht viele blieben dabei, so wie er, erzählt der gelernte Reiseverkehrskaufmann. Er weiß: In den Reisebüros werde nicht auf einen wie ihn gewartet, der schon zwei Jahrzehnte aus dem Geschäft ist. Ja, die Deutsche Bahn suche ständig neues Personal, denkt Bernd K. laut nach. Vom Flug- zum Zugbegleiter? Er wischt die Idee weg und sagt: „Mir würde ein Berufswechsel schwer fallen.“ So gilt auch für Bernd K. wie für alle anderen Beschäftigten in Kurzarbeit das Prinzip Hoffnung. Jetzt, in der Ferienzeit, sind bereits schon wieder ein paar Flugzeuge mehr in der Luft. „Es geht wieder los...“

Mehr als 4500 Firmen im Rems-Murr-Kreis haben für ihre Belegschaften nicht mehr genügend zu schaffen. Sie haben für nahezu 64 000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Die Mitarbeiter haben kürzere oder überhaupt keine Arbeit – oder stehen kurz davor. Kurzarbeit trifft vier von zehn Beschäftigten. Wir haben mit vier Betroffenen gesprochen, was für sie Kurzarbeit bedeutet, wie sie mit der ungewohnten Situation umgehen und wie sich für sie die Kurzarbeit anfühlt.

Wie Urlaub? So empfindet

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