Rems-Murr-Kreis

Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit im Rems-Murr-Kreis: Die Coronakrise wirkt als Brandbeschleuniger

Agentur für Arbeit Fokus Beruf
Die Zahlen der Agentur für Arbeit in Waiblingen sind Gradmesser für den Einbruch der Wirtschaft. Foto: © Benjamin Büttner

Optimisten? Fehlanzeige. Nur vereinzelt und verhalten lässt sich Zuversicht vernehmen. Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft zwischen Rems und Murr in eine tiefe Rezession gestürzt. Eine einzige Zahl verdeutlicht dies: Vier von zehn Beschäftigten im Kreis sind von Kurzarbeit bedroht – 63 000 Arbeitnehmer über so gut wie alle Branchen hinweg.

Alina P. (Name geändert) hätte nie mit Kurzarbeit gerechnet. „Ich wusste gar nicht, dass es das gibt“, sagt die junge Angestellte und muss lachen. Mitte März, von einem Tag auf der anderen, fehlte in ihrem Betrieb die Arbeit für sie. Nachdem sie Überstunden abgebaut und ihren Urlaub genommen hatte, hieß es für die Kauffrau: 50 Prozent Kurzarbeit. Auf ihrer Gehaltsabrechnung fehlt fast ein Viertel des Lohns. „Vor einem Jahr hätte mir das Geld nicht gereicht“, gibt sie zu. Nachdem sie mit ihrem Freund zusammengezogen sei, könne sie Gehaltseinbußen relaxt betrachten.


Mit Kurzarbeit die Krise überbrücken

Kurzarbeit ist für Matthias Fuchs genau das richtige Mittel in der aktuellen Situation. Der Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen rechnet nicht damit, dass die Talsohle bald überwunden ist. Häufiger als früher schaut er auf die Zahlen des Arbeitsmarktes, die in dieser Woche für den Juni veröffentlicht wurden. Ganz genau schaut er auf die erschreckend hohe Zahl der Kurzarbeiter. Drei Schlüsse zieht der Gewerkschafter: Erstens müsse bis auf weiteres Kurzarbeit möglich bleiben. Das gebe ihm zweitens Zuversicht, die Krise überbrücken zu können. Und drittens wird die Kurzarbeit den Betrieben ermöglichen, das schwierige Hochlaufen der Geschäfte zu bewältigen.

Fuchs reiht sich nicht in die Schar der Pessimisten ein, doch auch er befürchtet, dass die Konjunktur nur langsam wieder in Gang kommt. Denn schon vor Corona zeichnete sich ein Ende des Booms ab. Ein Aufschwung werde an den Herausforderungen für die Autoindustrie und den Maschinenbau, den beiden wichtigsten Branchen im Rems-Murr-Kreis, nichts ändern, vor denen die globale Wirtschaft steht: Es müssen Antworten auf die Klimakatastrophe und die Digitalisierung gefunden werden. Eine Gewerkschaft wie die IG Metall, in der viele Beschäftigte aus der Autobranche organisiert sind, stehe hier in einem Spannungsverhältnis.


Das Auto steckte schon vor Corona in der Krise

„Der Automobilbau hat uns vor Corona bereits Sorgen gemacht“, sagt Claus Paal, Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr: „Die Coronakrise wirkte als Brandbeschleuniger.“ Rückgänge habe es im Exportgeschäft gegeben, wenngleich die Rückgänge, die die IHK bei der Ausstellung von Exportdokumenten für außereuropäische Märkte beobachten, weniger stark ausgefallen sind wie zunächst erwartet. „Erste positive wirtschaftliche Impulse kommen aus Asien“, stellt Paal fest, insbesondere China. Wohl aber fehlten diese Impulse aus dem Großteil des EU-Binnenmarktes und den USA. Auch der private Konsum sei noch längst nicht auf Vorkrisenniveau. „Die Angst vor Einkommenseinbußen und Jobverlust dürfte hier stark dämpfend wirken.“

Lennart S. (Name geändert) hat im Januar seine Ausbildung beendet. Sein Ausbildungsbetrieb, ein Sondermaschinenbauer in der Nähe von Winnenden, hätte den Zerspanungsmechaniker sofort übernommen. Doch der 21-Jährige wollte zunächst eine Auszeit nehmen, bevor er voll ins Arbeitsleben einsteigt. Die Coronakrise machte ihm einen dicken Strich durch seine Pläne, ein halbes Jahr durch die Welt zu reisen. Nach wenigen Wochen steckte er in Thailand fest - und schaffte es Ende März mit einem der letzten Flieger nach Hause. Seine berufliche Zukunft sieht wegen der Corona-Pandemie nicht mehr rosig aus, sondern ziemlich düster. Denn an eine Übernahme des ehemaligen Azubis ist derzeit nicht zu denken. Wie in so vielen Betrieben in der Metall- und Elektrotechnik ist Kurzarbeit angesagt. Statt von Neueinstellungen ist eher von Entlassungen die Rede. Arbeitslos hat sich der 21-Jährige übrigens nicht gemeldet. Schließlich mache er ja eigentlich Urlaub. Noch nicht.

Wie die Juni-Zahlen auf dem Arbeitsmarkt zeigen, sind insbesondere junge Leute von Arbeitslosigkeit betroffen. Und auch bei der Suche nach Ausbildungsplätzen tun sie sich derzeit schwer. In der Krise und bei Kurzarbeit haben viele Betriebe ihr Ausbildungsengagement zurückgestellt.


Vier von zehn Beschäftigten droht Kurzarbeit

Der Arbeitsmarkt hatte Ende April erste Hiobsbotschaften gesandt. Die Arbeitslosigkeit erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel auf über 10 000 Personen. Vor allem aber schnellte die Kurzarbeit in die Höhe. „Die hohe Inanspruchnahme von Kurzarbeit hat einen noch höheren Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert“, fasste Christine Käferle, die Leiterin der Agentur für Arbeit in Waiblingen, die Entwicklung zusammen. Mittlerweile haben 4500 Unternehmen für 63 000 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet – das sind vier von zehn sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Rems-Murr-Kreis. Drei Monate haben die Betriebe Zeit, ihre Leute dann in Kurzarbeit zu schicken. Nicht in allen Unternehmen wird es ernst. Die Erfahrung zeigt aber, dass dies doch in 70 bis 80 Prozent der Fall sein wird. 


"Es fehlten klare Signale, wo die Reise hingehen soll und muss"

Bei der Remshaldener Schnaithmann Maschinenbau GmbH sind 40 Prozent der rund 270 Beschäftigten in Kurzarbeit. „Es fehlten klare Signale, wo die Reise in der Zukunft hingehen soll und muss. Keiner traut sich, etwas zu entscheiden, der globale Markt steht still“, sagte Karl Schnaithmann in einem Interview mit dem Liberalen Mittelstand Rems-Murr. Der geschäftsführende Gesellschafter wartet ab. Wie die ganze Welt. Die Frage sei, auf was eigentlich gewartet werde. Ein wichtiger Kunde des Systemlieferanten in der Automatisierungstechnik ist die Autobranche. Aus seiner Warte ist das Konjunkturpaket der Bundesregierung untauglich, die Krise zu überwinden. „Die Kaufprämie für E-Autos mit 6000 Euro pro Fahrzeug ist ein Unding“, sagte Schnaithmann. Wenn man den gesamten Lebenszyklus betrachtet, handele es sich um ein umweltschädigendes Fahrzeug, bei dem die Batterien bis heute zu einem großen Prozentsatz noch nicht komplett recycelbar seien. Zukunftsträchtiger ist aus seiner Sicht die Wasserstofftechnologie. Mit der Förderung von umweltschonenden Diesel oder Benzinern der neuesten Generationen hätte man zumindest eine Übergangsphase geschaffen, Arbeitsplätze erhalten und den Technologiewandel gesellschaftsverträglich gestalten können.

IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Fuchs befürchtet, dass die Coronakrise in der Metall- und Elektroindustrie zu Jobverlusten führen wird. Er hat ganz genau hingehört, als Bosch-Chef Volkmar Denner davon sprach, dass bei Bosch 30 Prozent zu viel Leute an Bord seien. Die Strategie, die die Gewerkschaft dem entgegensetzen will, lautet „Stunden statt Menschen“. Ganz konkret also Arbeitszeitverkürzungen, damit möglichst viele Kolleginnen und Kollegen ihren Arbeitsplatz behalten können. Aktuell, sagt Fuchs, sei es noch ruhig in den Betrieben. Doch ab Herbst rechnet er mit den ersten Auseinandersetzungen.

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Das Handwerk ist mit einem blauen Auge davongekommen

„Das Handwerk ist trotz der Coronakrise positiv gestimmt!“ Im Rückblick betrachtet sind die Handwerker mit einem blauen Auge davongekommen, sagt Kreishandwerksmeister Thomas Schiek mit Blick auf den gebeutelten Maschinenbau und die Automobilindustrie, in der zahlreiche Beschäftigte in Kurzarbeit sind. Allerdings leben viele Betriebe auch im Handwerk von den Aufträgen, die noch vor Corona hereinkamen. Über einen Kamm scheren ließe sich das Handwerk sowieso nicht, sagt der Maler- und Lackierermeister aus Urbach. Er steht seit 2018 an der Spitze der Kreishandwerkerschaft Rems-Murr und spricht damit für 5300 Betriebe mit rund 35 000 Beschäftigten und Azubis.

Außer den Gastwirten waren vom Lockdown wohl die Frisöre mit am stärksten betroffen, deren Salons monatelang geschlossen blieben. Auch bei den Bäckern gingen die Brötchen nicht mehr weg wie warme Semmeln, und den Metzgern fehlte über Nacht das Cateringgeschäft. Richtig in die Rezession gezogen hat es die handwerklichen Metallbetriebe, stellt Schiek fest. Bei den Bau- und Ausbaugewerken hingegen liefen die Geschäfte gut. Inzwischen aber fehlen frische Aufträge: Die Städte und Gemeinden haben den Rotstift angesetzt, Firmen halten sich bei Investitionen zurück, und auch viele Privatleute wissen nicht, wie’s beruflich weitergeht. Also warten sie ab.

Marco E. (Name geändert) war Pendler. Er gehörte zu denen, die jeden Morgen aus dem Remstal die Straßen nach Stuttgart verstopfen und im Stau standen. Und abends ärgerte er sich über den zähen Verkehr auf der Heimfahrt. Nach dem Lockdown füllen sich inzwischen wieder Busse und Bahnen, herrscht wieder Stop-and-go auf den Einfallstraßen und auf den Park-and-ride-Anlagen an den S-Bahn-Stationen werden Parkplätze wieder knapp.

Seit fast vier Monaten steht der Schreibtisch von Marco E. in Fellbach. Sein Büro bei einem IT-Dienstleister am anderen Ende von Stuttgart hat der 52-jährige Projektmanager seit Ausbruch der Corona-Pandemie nur zwei-, dreimal gesehen. Der direkte Kontakt zu Kunden und Kollegen läuft über Videokonferenzen und Telefon. Die Aussicht, in absehbarer Zeit wieder Pendler zu sein, ist für ihn kein Grund zum Jubeln. Im Gegenteil. Ihn reuen schon heute die eineinhalb Stunden, die er Tag für Tag im Auto sitzen muss. Corona hat Marco E.s Arbeitswelt gründlich verändert. Er ist sicher, dass er in Zukunft häufiger von zu Hause aus schaffen wird.


Investieren gegen die Krise

Unmittelbar von der Krise betroffen ist der Staat. Die Steuereinnahmen sinken. Unternehmen, die wenig Umsatz machen und nichts verdienen, zahlen keine Gewerbesteuer. Von der sind Städte und Gemeinden in besonderem Maße abhängig. Stärker als der Rems-Murr-Kreis. Doch auch der Landkreis spürt die Krise in seiner Kasse. Aber weniger als befürchtet, sagt Finanzdezernent Peter Schäfer: „Mit dem Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket des Bundes verringert sich das voraussichtliche Minus im Kreishaushalt auf rund 4,7 Millionen Euro.“ Der Kreis wolle an Investitionen, etwa für die Gesamtimmobilienkonzeption der Kreisverwaltung, bewusst festhalten: „Auf diese Weise trägt der Landkreis seinen Teil dazu bei, die Krise zu bewältigen.“

Das örtliche Handwerk ist von solchen kommunalen Aufträgen abhängig, sagt Kreishandwerksmeister Thomas Schiek mit gewissen Sorgen. Bisher jedenfalls sind die meisten Handwerksbetriebe um Kurzarbeit herumgekommen. Wenn nicht unbedingt nötig, wollen die Handwerksmeister auch niemanden entlassen. Das sei ein Vorteil der inhabergeführten Betriebe, die hinter ihrer Firma und zu ihren Mitarbeitern stünden. Schiek zählt sich zwar nicht zu den Schwarzsehern. Er wage jedoch keine Prognosen, wie sich die Wirtschaft im Herbst entwickelt. Selbst beim genauesten Hinsehen sehe er kein Lichtlein am Ende des langen Tunnels.

Karl Schnaithmann macht sich keine Sorgen um den eigenen Betrieb. „Unsere gute Eigenkapitalquote hilft uns, diese Situation auch einige Monate zu überstehen.“ Menschen seien für ihn das wichtigste Kapital eines Unternehmens: „Wir werden unsere Mitarbeiter morgen wieder dringend benötigen, um den Aufschwung zu stemmen.“ Deshalb gehe er behutsam mit dem Thema Stellenabbau um.

Zuversichtlich zeigt sich Claus Paal: Fürs zweite Halbjahr gingen die Unternehmen durchaus von einer Verbesserung der Lage aus, erklärt der IHK-Bezirkskammerpräsident. Viele Firmen erwarten aber erst im Laufe des kommenden Jahres eine Rückkehr zur betrieblichen Normalität, wenn nicht eine zweite Coronawelle einen erneuten Shutdown erzwingt. Ausbleibende Erträge können allenfalls vorübergehend durch staatliche Finanzhilfen aufgefangen werden, das Insolvenzrisiko steigt.

In ihrem Bekanntenkreis ist Alina P. nicht die Einzige auf Kurzarbeit. Allerdings stellt sie fest, dass in einigen Firmen mit Kurzarbeit auch Schindluder getrieben wird. Die Leute seien zwar auf Kurzarbeit gesetzt, arbeiteten aber normal weiter – vor allem, wenn sie im Home-Office tätig sind. Für sie käme so was nicht infrage: An den Tagen mit Kurzarbeit steht sie ihrem Arbeitgeber nicht zur Verfügung.

Optimisten? Fehlanzeige. Nur vereinzelt und verhalten lässt sich Zuversicht vernehmen. Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft zwischen Rems und Murr in eine tiefe Rezession gestürzt. Eine einzige Zahl verdeutlicht dies: Vier von zehn Beschäftigten im Kreis sind von Kurzarbeit bedroht – 63 000 Arbeitnehmer über so gut wie alle Branchen hinweg.

Alina P. (Name geändert) hätte nie mit Kurzarbeit gerechnet. „Ich wusste gar nicht, dass es das gibt“, sagt die junge Angestellte und muss

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