Rems-Murr-Kreis

Lehrermangel: 2000 Stunden fehlen – was auf Schüler im Rems-Murr-Kreis zukommt

// Schulamt: Vereidigung der Junglehrer in der Seeguthalle Weissach im Tal
Große Freude: Die insgesamt 107 neuen Lehrerinnen und Lehrer bekamen nach der Vereidigung ihre Urkunde überreicht. © Alexander Becher

107 neue Lehrerinnen und Lehrer wurden am Freitag in der Weissacher Seeguthalle vereidigt, haben damit den Beamtenstatus und starten ins neue Schuljahr. Außerdem bekamen 103 Personen vom Staatlichen Schulamt Backnang Verträge, die auf ein Jahr befristet sind. Ergibt 210 Menschen mehr, die in den Schulen des Rems-Murr-Kreises Unterricht machen. Klingt gut. Aber wie sieht's tatsächlich aus im neuen Schuljahr?

Der große Mangel: Unterrichtsversorgung „wird wirklich herausfordernd“

Am Montag, 12. September, geht's wieder los in den Schulen des Rems-Murr-Kreises. Müsste sich an diesem ersten Montag ein Lehrer, eine Lehrerin krank melden, würde schon der erste Unterricht ausfallen. 107 neue Lehrerinnen und Lehrer konnte das Team um Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring vom Staatlichen Schulamt Backnang verbeamten, 103 Personen – beispielsweise schon pensionierte Lehrkräfte, Diplom-Sportler oder -Musiker, Erzieherinnen und Menschen mit anderen pädagogischen Ausbildungen – befristet für Krankheitsvertretungen einstellen. Und dennoch konnten nicht alle Stellen besetzt werden.

Der Pflichtunterricht in den Klassen, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring, sei gerade so gedeckt. Beim ersten Ausfall wegen Krankheit oder Schwangerschaft würde Unterricht ausfallen.

Es ist für das Schulamt schwer, den Mangel in einer Personenanzahl auszudrücken. Deshalb wird in Unterrichtsstunden gerechnet. Rund 50.000 Unterrichtsstunden müssen jede Woche innerhalb eines Schuljahres an allen Schulen, die das Schulamt Backnang betreut, abgeleistet werden. Das Schulamt ist zuständig für Grundschulen, Gemeinschaftsschulen, Realschulen, Werkrealschulen und Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren im Rems-Murr-Kreis. Versorgt sind an all diesen Schulen zum jetzigen Zeitpunkt 48.000 Stunden pro Woche. Ergibt 2000 Stunden, für die keine Lehrkraft zu bekommen ist.

Das seien somit bei den Grundschulen, Gemeinschaftsschulen, Realschulen, Werkrealschulen in etwa 43 Lehrer-Vollzeitstellen, bei den SBBZ müssten noch etwa 23 Vollzeitstellen besetzt werden. Wären in der Realität noch viel mehr Menschen, die für den Unterricht gefunden werden müssten, da viele Lehrkräfte in Teilzeit arbeiten.

Wären alle diese Stunden versorgt, könnte Schule so laufen, wie sie laufen sollte: mit AGs und Förderstunden. Diese aber sind ein längst nicht mehr leistbarer Luxus. Doch die Situation ist noch schlimmer: Die 103 für Krankheitsvertretungen eingestellten Personen sind schon jetzt voll eingeplant. Das heißt: Jeder weitere Ausfall kann nicht mehr aufgefangen werden. Es gibt niemanden in Reserve.

Die Corona-Pandemie: Die Krise wird auch im neuen Schuljahr nicht aus der Welt sein

Es sei erklärter politischer Wille, erklärte Sabine Hagenmüller-Gehring: „Die Schulen bleiben offen“. Dennoch, es werde auch in diesem Herbst und Winter wieder Infektionen geben, es würden Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler fehlen. „Das kostet viel Kraft und Zeit.“

Doch die Pandemie hat den Schulen noch weitere Zusatzaufgaben beschert. Die wichtigste Aufgabe in diesem Schuljahr sei es, die Lernrückstände und Versäumnisse zu bewältigen, die sich in den vergangenen zwei Schuljahren mit ihren Schulschließungen angesammelt haben. Dafür hat das Kultusministerium Baden-Württemberg das Programm „Lernen mit Rückenwind“ ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Projekts gibt es für die Schulen viel Geld – über 50 Euro pro Schüler. Außerdem bekommt das Schulamt Backnang noch eine Million Euro zur Verfügung. Von dieser Million können die Schulen nochmals Anteile beantragen, wenn das eigene Budget schon aufgebraucht wird. Das sei, so Sabine Hagenmüller-Gehring, „viel Geld, das wir sonst nie hatten“. Das Geld wird in Förderstunden für die Schüler investiert, um Lern- und Wissenslücken zu eliminieren. Außerdem in Projekte, um die sozialen und emotionalen Probleme, die in der Zeit der Pandemie entstanden sind, lösen zu können. Für diese Stunden und Projekte werden Fachleute von extern engagiert. Es sind beispielsweise Lehrkräfte aus Nachhilfe-Instituten, Studierende, andere Fachleute mit pädagogischer Ausbildung.

Dieses Programm kommt den Schulen insofern auch sehr zu gute, als sie aufgrund des Lehrermangels genau solche Stunden und Projekte streichen mussten. 330.000 Euro haben die Schulen von der Zusatz-Million des Schulamts schon beantragt. Das zeige, dass das Programm sehr genutzt werde.

Der Ukraine-Krieg: Eine zusätzliche Herausforderung für die Schulen

Mit Beginn des Krieges in der Ukraine kamen immer mehr Kinder und Jugendliche in den Städten und Gemeinden des Rems-Murr-Kreises an, die schulpflichtig sind. Diese Schülerinnen und Schüler müssen zuerst die deutsche Sprache erlernen. Die Schulen regeln das unterschiedlich: Manche bilden sogenannte Vorbereitungsklassen, in denen die Kinder und Jugendlichen so lange ausschließlich Deutsch lernen, bis sie in die normalen Klassen wechseln können. Andere machen Mischformen: Die Schülerinnen und Schüler sind stundenweise im speziellen Deutschunterricht, stundenweise in der normalen Klasse im normalen Unterricht. Ganz gleich, wie es geregelt wird: Es müssen Lehrkräfte zur Verfügung stehen.

Im letzten Schuljahr starteten die Schulen mit 43 Vorbereitungsklassen, in die die ukrainischen Schüler, aber auch Kinder und Jugendliche aus anderen Nationen, gingen. Am Ende des Schuljahres waren es 71 Vorbereitungsklassen. In diesem Schuljahr geht es mit 71 Vorbereitungsklassen los. 1077 Schülerinnen und Schüler verschiedener Nationen werden dort, so der Stand jetzt, beschult. Doch Sabine Hagenmüller-Gehring vermutet, „dass unsere Kapazitäten nicht ausreichen werden“ und dass noch viele Kinder dazukommen werden. Womit das grundlegende Problem – der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern – wieder in den Mittelpunkt gerückt ist.

107 neue Lehrerinnen und Lehrer wurden am Freitag in der Weissacher Seeguthalle vereidigt, haben damit den Beamtenstatus und starten ins neue Schuljahr. Außerdem bekamen 103 Personen vom Staatlichen Schulamt Backnang Verträge, die auf ein Jahr befristet sind. Ergibt 210 Menschen mehr, die in den Schulen des Rems-Murr-Kreises Unterricht machen. Klingt gut. Aber wie sieht's tatsächlich aus im neuen Schuljahr?

Der große Mangel: Unterrichtsversorgung „wird wirklich

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