Rems-Murr-Kreis

"Lernen im Freien" im Rems-Murr-Kreis: Kinderbetreuung mit Querdenker-Verbindung

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Das Regierungspräsidium Stuttgart hatte Hinweise auf Fälle, in denen der Schule fern gebliebene Kinder angeblich "woanders beschult" wurden. Auch im Rems-Murr-Kreis. © Pixabay / Markus Spiske

Im vergangenen Jahr gab es mehrfach Berichte über sogenannte „Querdenker-Schulen“ in Deutschland. Eltern, die mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden waren, schickten ihre Kinder in teils illegale Einrichtungen statt in die Schule. In Telegram-Kanälen mit Szene-Bezug fanden sich zahlreiche Aufrufe zur Gründung von „Freilerner“-Gruppen.

Das Regierungspräsidium Stuttgart hatte offenbar Hinweise auf vergleichbare Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis. Aber was wurde daraus? Bei der Recherche stießen wir auf ein legales, aber zweifelhaftes Betreuungsangebot für Kinder – und auf einen Heilerziehungspfleger, der dafür verantwortlich ist.

Wer ist der Mann, dem das Kindeswohl nach eigenen Aussagen so am Herzen liegt – und dem die Offenlegung seiner Verbindungen in die Querdenker-Szene scheinbar nicht recht ist? Und welche Folgen hat es für Eltern, wenn sie mit nicht-schulischen Angeboten die Schulpflicht umgehen wollen?

Landtag: AfD-Abgeordneter fragt nach „Coronaschulen“

Anfang April veröffentlichte der Landtag von Baden-Württemberg die Antwort des Kultusministeriums auf eine Anfrage des AfD-Abgeordneten Emil Sänze. Sänze wollte wissen, wo es im Land sogenannte „Coronaschulen“ gebe. Teile der Antwort lauteten: „Dem Regierungspräsidium [Stuttgart] liegen Hinweise auf vier Orte bzw. Einrichtungen vor, an denen möglicherweise Kinder unterrichtet oder betreut werden, die in der Schule unentschuldigt fehlen.“

Zwei dieser Orte sollen im Rems-Murr-Kreis liegen. Das Regierungspräsidium schreibt auf Nachfrage, dass die Behörden im Herbst 2021 auf „entsprechende Angebote“ aufmerksam wurden, weil Schüler an ihrer eigentlichen Schule fehlten. „Zum Teil wiesen auch die Eltern daraufhin, dass ihre Kinder ‚woanders beschult würden‘.“

„Betreuungsangebot“: Regierungspräsidium sieht keinen Unterricht

Im Rems-Murr-Kreis handle es sich um eine Einrichtung im Raum Schorndorf und eine weitere, die man nicht lokalisieren konnte, schreibt das Regierungspräsidium. Nach jetzigen Erkenntnissen habe es dort aber keinen ungenehmigten Unterricht gegeben. Es habe sich vielmehr um ein „Betreuungsangebot“ für Kinder gehandelt.

Wir wollten vom Regierungspräsidium außerdem wissen, ob die nicht beanstandeten Betreuungsangebote mit der Querdenker-nahen Initiative „Lernen im Freien“ in Verbindung stehen. Eigene Recherchen hatten zu dieser Vermutung geführt. Einen Zusammenhang habe man bislang nicht feststellen können, hieß es als Antwort. Unsere Recherchen legen allerdings nahe, dass ein solcher Zusammenhang durchaus existiert haben könnte.

Matthias Lebschy: Was die Initiative „Lernen im Freien“ sein will

Spätestens seit dem Sommer 2021 tauchte in regionalen Telegram-Kanälen der Querdenker-Szene immer wieder der Hinweis auf, dass es eine Gruppe namens „Lernen im Freien“ gebe.

„Lernen im Freien“ ist eine Initiative der Betreuung & Bildung gGmbH von Matthias Lebschy, die sich in der Corona-Krise gegründet hat. Lebschy ist Heilerziehungspfleger und betreibt seit mehreren Jahren eine Kindertagesstätte und eine Kinderkrippe in Esslingen. Bei „Lernen im Freien“ geht es laut Website um „den Erhalt, bzw. die Wiederentdeckung der natürlichen Lernbegeisterung und für Freude, Freiheit und Selbstbestimmtheit.“

Lebschy äußerte sich in der Vergangenheit kritisch zu Corona-Maßnahmen wie die Maskenpflicht und sprach in diesem Zusammenhang von möglicher Kindeswohlgefährdung. Seine eigenen Kinder gingen ab Oktober 2020 zeitweise nicht mehr zur Schule, nachdem – laut Lebschy – deren Direktor bis dahin nicht beanstandete Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht nicht mehr gelten ließ. Mittlerweile würden seine noch schulpflichtigen Kinder wieder eine Schule besuchen, sagt er auf Nachfrage.

„Lernen im Freien“: Kinder in coronabedingter Notlage?

Auf eigenen Erfahrungen beruhend wollte „Lernen im Freien“ laut Website jungen Menschen eine Tagesstruktur bieten, „die im Zuge des Corona-Komplexes in eine psychosoziale Notlage geraten sind und für die keine (ausreichende) schulische Bildung mehr stattfinden konnte.“

Aus diesem Grund fanden die Angebote von „Lernen im Freien“ den Angaben zufolge zwischen September 2021 und April 2022 auch an Vormittagen statt. Da nun die Corona-Maßnahmen zurückgefahren werden, begleite man nun nur noch die „Reintegration“ der Kinder in den Schulalltag, sagt Lebschy.

Facebook-Profil: Antisemitismus und Rechtsextremismus

Die Bilder, die „Lernen im Freien“ über Telegram oder die eigene Website verbreitet, zeichnen ein idyllisches Bild. Spielende Kinder, bunte Farben, Natur. Mit Extremismus will man angeblich nichts zu tun haben. Auf der Website heißt es: „Wir distanzieren uns von jeder Art extremistischer Gesinnung, stehen mit all unseren Intentionen auf dem Boden des Grundgesetzes, des Friedens und der Nächstenliebe und lassen uns an unseren Taten messen.“

Schaut man sich allerdings das Facebook-Profil von Matthias Lebschy etwas genauer an, ergibt sich ein anderes Bild. Mehrere Videos, die Lebschy in den letzten fünf Jahren teilte, enthalten antisemitische Verschwörungserzählungen. Es finden sich außerdem Links zum rechtsradikalen Blog „Journalistenwatch“ und dem „Ring Nationaler Frauen“, einer Unterorganisation der rechtsextremen Partei NPD.

Viel geteilt: Wie Lebschy seine Facebook-Posts erklärt

Darauf angesprochen, fragt Lebschy nach Links zu den entsprechenden Facebook-Beiträgen. „Ich würde mir sie dann ansehen und mich gegebenenfalls davon distanzieren, da mir nichts ferner liegt, als extremistische/antisemitische Inhalte zu posten.“ Er habe früher „viel geteilt, ohne groß nachzudenken“ und sich nicht mit den Hintergründen der Menschen geteilt, deren Inhalte er verbreite.

Später schreibt Lebschy, er habe es interessant gefunden, sich verschiedenen Theorien über die Welt, ihre Geschichte und die Gesellschaft anzuhören und weiterzugeben. Er habe dabei stets die Inhalte, nie die Autoren und ihre Aktivitäten im Blick gehabt. Heute beschäftige er sich mit solchen Theorien nicht mehr.

Pazifismus statt Rechtsextremismus?

Zu „Journalistenwatch“ sagt Lebschy, er finde es prinzipiell sinnvoll, die Arbeit von Journalisten kritisch zu bewerten. Sollte das Medium aber tatsächlich rechtsradikale Inhalte verbreiten, tät ihm das leid. Er sei Pazifist, Gewalt und Extremismus lehne er ab. 

Den "Ring Nationaler Frauen" habe er erst googlen müssen, um den rechtsradikalen Hintergrund zu bemerken. Der Beitrag der NPD-Unterorganisation habe ihn angesprochen, weil es um das Thema Frühsexualisierung ging, das er aus der Praxis kenne und problematisch sehe. Lebschy sagt, möglicherweise hätte er die Inhalte prüfen müssen, verweist aber gleichzeitig auch auf das Phänomen der Kontaktschuld.

Reaktion: „Geht es Ihnen darum, mich zu diffamieren?“

„Sie dürfen sich selbst fragen, was der Antrieb Ihrer Recherche ist. Geht es Ihnen darum, mich zu diffamieren? Allein Ihre Fragestellungen geben Anlass zu dieser Vermutung“, schreibt Matthias Lebschy in einer ersten Antwort auf unsere Fragen. „Sollte dies so sein, werde Sie kaum davon abhalten können - ganz egal, was ich schreibe.“

Anschließend veröffentlichte er Teile unserer Anfrage auf Telegram. Dort gab er an, die restlichen Fragen „vor Veröffentlichung erst rechtlich prüfen“ lassen zu wollen. Es werde weiterhin versucht, ihn und sein „Engagement für die Liebe, das Herz und die Kinder zu diskreditieren“. Lebschy schreibt, er habe „die Anfrage des Reporters“ anonym gehalten – die direkte Telefondurchwahl veröffentlichte er trotzdem.

SWR-Bericht: Lebschys angebliche „Richtigstellung“

Ähnliche Erfahrungen hat der SWR mit Lebschy gemacht. Die Kollegen hatten im März über „Lernen im Freien" berichtet und schrieben, Lebschy habe an Demonstrationen von „Querdenken 711“ in Stuttgart teilgenommen. In einem mit „Richtigstellung“ betitelten Dokument fragte Lebschy daraufhin, wie der SWR darauf komme und forderte öffentlich Beweise.

Die Initiative „Filderstadt Nazifrei“ veröffentlichte daraufhin beim Kurznachrichtendienst Twitter eine Reihe von Bildern und Videos, die Lebschys Verbindungen in die Szene zeigen sollen. Und seine Versuche, sich zu distanzieren, unglaubwürdig erscheinen lassen. Was sagt er selbst dazu?

Auf Nachfrage gibt Lebschy an, er habe vom SWR-Kollegen Beweise gefordert, weil er wissen wollte, ob er welche habe. Es stimme, dass er im Zuge von Corona sein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit ausgeübt habe. Als Begründung sagt er, dass er viele Maßnahmen für schädlich halte. 

Stuttgart und Berlin: Videos belegen Teilnahme an Querdenker-Demos

Tatsächlich existiert ein Youtube-Video, das belegt, dass Matthias Lebschy an einer Demonstration von „Querdenken 711“ im Mai 2020 auf dem Cannstatter Wasen teilgenommen hat. Neben Kurzinterviews mit Szene-Größen wie Michael Ballweg, Stephan Bergmann oder Heinrich Fiechtner kommt im Video auch Lebschy zu Wort. Als Name wird dazu „Oskar“ eingeblendet – wieso, das wisse er nicht, sagt Matthias Lebschy.

Ein weiteres Video, das auf Twitter veröffentlicht wurde, zeigt Lebschy bei einer Querdenker-Demonstration im August 2020 in Berlin. Er hält dort in Ordner-Weste im Publikum eine Rede und wird anschließend von der Polizei abgeführt. Ein Bild zeigt ihn außerdem mit Ordner-Weste über der Schulter an der Seite von „Querdenken 711“-Oberhaupt Michael Ballweg. 

Spontanversammlung: Lebschy erinnert an Ghandi

Lebschy sagt, die geschilderte Szene habe sich am Sonntag, 29. August 2020, abgespielt. Einen Tag nach der – nach seinem Empfinden friedlichen – großen Querdenken-Demonstration in Berlin. Er habe nachgefragt, ob er noch etwas helfen könne. So sei er schließlich zu seiner Ordner-Weste gekommen. Mit Michael Ballweg habe er aber kein Wort gewechselt – man habe sich lediglich kurz zugenickt.

Der Querdenker-Anwalt Markus Haintz habe später am Tag eine Spontanversammlung angemeldet. Lebschy sagt, er hätte dort gesprochen, weil es zu diesem Zeitpunkt sonst niemand getan hätte. Dabei sei er immer davon ausgegangen, dass die Veranstaltung rechtens sei. Während er das Mikrofon hatte, habe er versucht, die Demonstrierenden zu beruhigen, die sich der Polizei gegenübersahen. Er habe dabei an Mahatma Ghandi erinnert. 

Als die Polizei ihn dann wegführt habe, habe er einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Die Polizisten hätten ihm geholfen und ihm anschließend einen Platzverweis ausgesprochen. Gegen ein späteres Schreiben mit dem Vorwurf, er hätte sich trotz mehrfacher Aufforderung zur Auflösung der Versammlung rechtswidrig dort aufgehalten, habe er Einspruch eingelegt. Der Vorwurf sei fallen gelassen worden. Aus seinen Erfahrungen habe er die Konsequenz gezogen, sich nicht mehr an Demonstrationen der Querdenker-Szene zu beteiligen, so Lebschy.

Alfdorf: Zu Gast bei der Querdenker-Partei „Die Basis“

Auch bei der Querdenker-Partei „Die Basis“ war Matthias Lebschy zu Gast – und zwar im Rems-Murr-Kreis. Der Kreisverband bewarb auf Telegram unter anderem eine Veranstaltung mit Matthias Lebschy am 5. Juni 2021 im Seehof-Restaurant am Leinecksee bei Alfdorf. Lebschy sollte in dem Restaurant, das damals noch dem Querdenker Stefan Schmidt gehörte, über das Konzept von „Lernen im Freien“ sprechen.

Lebschy bestätigt das auf Nachfrage. Ob "Die Basis" eine Querdenker-Partei sei, wisse er aber nicht.

Ortsgruppen: Schorndorf? Waiblingen? Backnang?

Überhaupt gibt es bei „Lernen im Freien“ zahlreiche Bezüge zum Rems-Murr-Kreis. Im Telegram-Kanal der Initiative war in den vergangenen Monaten mehrfach von Ausflügen und Aktivitäten im Welzheimer Wald, Schorndorf, Winterbach und an anderen Orten zu lesen. Im Mai 2021 hieß es: „Es bahnen sich neue Kooperationen an mit […] Waiblingen, Kernen, […] Kaisersbach.“

Außerdem wurde in diesem Zusammenhang für regelmäßige Veranstaltungen in Schorndorf geworben, wo laut Telegram-Kanal von „Lernen im Freien“ eine Ortsgruppe mit eigener Mailadresse existiert – oder existiert hat. Im Juli war dann auch von Ortsgruppen in Kaisersbach und Backnang die Rede. Laut Matthias Lebschy gibt es die Ortsgruppen im Rems-Murr-Kreis nun aber nicht mehr. Manche Kinder und Familien würden sich aber außerhalb der Schulzeiten noch treffen, um sich gegenseitig zu unterstützen. 

Behörden: Die Sache mit der Schulpflicht

Für das Regierungspräsidium Stuttgart und die zuständigen Schulämter dürfte das alles nebensächlich sein. In erster Linie ging es den Behörden im eingangs geschilderten Fall um die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht.

Wenn Kinder aus welchen Gründen auch immer nicht in die Schule zu gehen, ohne dass sie vorher vom Unterricht befreiet wurden, wird gegen die Schulpflicht verstoßen. „Dieser Pflichtverletzung wird in jedem Einzelfall nachgegangen – durch pädagogische und rechtliche Maßnahmen“, schreibt das Regierungspräsidium.

Rems-Murr-Kreis: Zwangsgeld gegen Eltern

Das weiß auch Matthias Lebschy. Immer wieder betont er auf Telegram und anderen Kanälen, dass „Lernen im Freien“ keine anerkannte Schulform ist und mit einer Teilnahme die Schulpflicht nicht erfüllt wird. Um in Deutschland als Schule zu gelten, müssen bestimmte Kriterien erfüllt werden. Außerdem ist das Betreiben einer Schule genehmigungspflichtig.

Ob alle Kinder, die im Rems-Murr-Kreis Betreuungsangebote besuchten, statt in die Schule zu gehen, mittlerweile wieder regulär den Unterricht besuchen, lässt sich nicht abschließend klären. Auch ob diese Kinder ein Angebot von „Lernen im Freien“ besucht haben, ist laut Regierungspräsidium nicht bekannt.

Unabhängig von Matthias Lebschy und seiner Initiative: In einem Fall hatte die Schulpflichtverletzung aber definitiv Konsequenzen. Laut Regierungspräsidium Stuttgart wurde ein Zwangsgeldverfahren gegen Eltern im Rems-Murr-Kreis eingeleitet. „Das Zwangsgeld wurde festgesetzt und bezahlt.“

Im vergangenen Jahr gab es mehrfach Berichte über sogenannte „Querdenker-Schulen“ in Deutschland. Eltern, die mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden waren, schickten ihre Kinder in teils illegale Einrichtungen statt in die Schule. In Telegram-Kanälen mit Szene-Bezug fanden sich zahlreiche Aufrufe zur Gründung von „Freilerner“-Gruppen.

Das Regierungspräsidium Stuttgart hatte offenbar Hinweise auf vergleichbare Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis. Aber was wurde daraus? Bei der

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