Rems-Murr-Kreis

Liebevoller Blick auf besondere Leute: Einblicke in die Arbeit mit Autist/-innen

AutismusZfP
Sie arbeiten mit Menschen mit Autismus, von links: Die beiden Heilpädagoginnen Kira Cronjäger und Kirstin Schletterer sowie der Leitende Oberarzt Dominik Köppler. Er verantwortet den Behandlungsbereich für Menschen mit Entwicklungsverzögerungen und psychiatrischen Erkrankungen am Klinikum Schloss Winnenden. © Gaby Schneider

Vor mehr als 30 Jahren lief „Rain Man“ in den Kinos. Heute noch fehlt nie der Hinweis auf Dustin Hoffmans oscarprämierte Glanzleistung, sobald es um Autismus geht.

Wie auch immer man den Film interpretieren möchte, ein Aspekt sticht hervor: Der Autist Raymond, begnadet gespielt von Dustin Hoffman, bringt das zuvor reichlich gut versteckte Edle im Charakter seines Bruders Charlie zum Vorschein – einem ganz gewöhnlichen Charakterschwein.

Auffällig intensiv ausgeprägte soziale Kompetenzen muss schon mitbringen, wer in den inneren Kreis von Menschen mit Autismus vordringen will: Mit üblichem Getue, mit all diesen kleinen Unehrlichkeiten, mit Verhaltensweisen, die allein dem sozialen Kitt dienen – läuft man gegen die Wand. Diese Menschen erkennen meist das wahrhaft Authentische.

Der Film idealisiert das Anders-Sein

Verlockend wär’s schon, ein, zwei Schubladen aufzumachen, so wie „Rain Man“ das tut, wenngleich der Film auf eine durchaus verstörende Weise ein Anderssein idealisiert, das im wahren Leben auch mit viel Leid verbunden ist: „Rain Man“ suggeriert, Autisten sind doch so ungelenke, roboterähnliche Leute, megaunentspannte Nicht-Spontane, die in 0,3 Sekunden die Quadratwurzel aus 786 im Kopf berechnen – oder nicht?

Ja, schon auch. Ein paar große Firmen unterhalten tatsächlich eigene Abteilungen, in welchen Spezialbegabte, im sozialen Umgang gehemmte Menschen Meisterleistungen vollbringen und Aufgaben knacken, die andere in die Verzweiflung treiben würden. Diese Geschichten, da medial wunderbar aufbereitbar, prägen das Bild – doch extreme Nerds mit Inselbegabung bilden unter Autist/-innen eine eher kleinere Gruppe.

Außerordentlich feinfühlig und unverstellt geradeheraus

Es gibt so viele Ausprägungen von Autismus, wie es Menschen gibt, die mit dieser Besonderheit leben. „Kennst du einen Autisten - kennst du einen Autisten“, so bringt es Kira Cronjäger auf den Punkt. Die Heilpädagogin, ihre Kollegin Kirstin Schletterer sowie der Leitende Oberarzt Dominik Köppler haben jetzt anlässlich des Welt-Autismus-Tages vor der Presse erläutert, was man unter Autismus-Spektrum-Störung versteht und vor allem, wie außerordentlich feinfühlig, unverstellt geradeheraus und auf eine positive Weise herausfordernd die Menschen sein können und sind.

Jeder Mensch sollte in größtmöglicher seelischer Balance leben können. Welche Umstände und Bedingungen dafür nötig sind, dafür gibt’s nun mal kein fixes Schema, weil den einen nicht juckt, was die andere schmerzt. Für Menschen mit Autismus gilt das ganz genauso, nur dass sie eben ein paar andere Dinge brauchen als die Mehrheit. Beispiel Reizüberflutung: Wie ausgeprägt ein Gehirn das Bewusstsein vor Diversem schützt, unterliegt keiner fixen Norm. Manch eine Person schläft wie ein Baby in der Bahnhofshalle, während eine andere wegen Taubengegurre aus der Fassung zu geraten droht. Letztere Gruppe hat’s schwerer in dieser lauten, vom Viel-zu-Viel überbordenden Welt.

Abläufe in der Entwicklung, die in kein Schema passen

Es ist einem jeden Menschen zu wünschen, dass rechtzeitig jemand Besonderheiten erkennt und die richtigen Schlüsse zieht. Menschen mit einer tiefgreifenden frühkindlichen Entwicklungsstörung fallen früh schon auf, weil sie in kein Schema passen, ihre Entwicklung unübersehbar anders verläuft als bei den meisten und sie es oftmals mit intellektuellen Einschränkungen zu tun haben, eventuell nicht oder nur eingeschränkt sprechen lernen können.

Fachleute sprechen in diesen Fällen von frühkindlichem Autismus. Zum Spektrum zählt aber auch Asperger-Autismus: eine Form, die oft erst viel später erkannt wird. Voraus geht dann im ungünstigen Fall ein langer Leidensweg mit Fehldiagnosen, sinnloser, doch folgenschwerer Medikation, zutiefst quälenden Gefühlen des Nicht-Verstanden- und Ausgegrenzt-Seins.

Das Anders-Sein von Asperger-Autist/-innen kann man leicht fehldeuten. Wenn diese in vielen Fällen überdurchschnittlich intelligenten Menschen einen Gesprächspartner zutexten ohne jedes Gefühl dafür, wie’s dem andern damit geht und ob das Gegenüber diese Dinge überhaupt interessieren – könnte man das leicht als Arroganz gepaart mit Ignoranz empfinden.

Mimik und Gestik richtig zu deuten, bereitet Mühe

Menschen mit Autismus mögen gefühlsarm wirken, doch sind sie es nicht: Ein Wesensmerkmal von Autismus ist, dass Emotionen nur sehr reduziert zu Tage treten und die Betreffenden Mühe haben, Gefühle des Gegenübers zu erkennen, Mimik und Gestik entsprechend richtig zu deuten. Das macht das Miteinander für beide Seiten unter Umständen komplizierter. In Studien ist nachgewiesen, berichtet der Arzt Dominik Köppler, hochfunktionale Autisten haben im Schnitt, bedingt durch die hohen Belastungen, eine signifikant geringere Lebenserwartung.

„Wir müssen lernen, den Blick des anderen anzunehmen“, sagt Dominik Köppler. Er verweist mit Nachdruck darauf, welch hoher Stellenwert der pädagogischen Begleitung, der zwischenmenschlichen Beziehung in der Arbeit mit diesem Personenkreis zukommt. Man kann Autismus nicht mit Neuroleptika wegtherapieren. Doch sollte eine Person psychiatrische Störungen entwickeln als Folge autismusbedingter Schwierigkeiten, etwa eine von außergewöhnlich hoher Sensibilität beförderte Angststörung, können Medikamente, punktuell und vorübergehend eingesetzt, durchaus nützen, erklärt der Arzt.

Feste Strukturen und verlässliche Rituale erleichtern den Alltag

Kirstin Schletterer berichtet unterdessen aus der Arbeit mit autistischen Kindern und erzählt vom TEACCH-Ansatz. Unter „TEACCH“ verstehen Fachleute eine bestimmte Art der Behandlung und pädagogischen Förderung autistischer und in ähnlicher Weise kommunikationsbehinderter Kinder. Ein bebilderter Tagesplan hilft Kindern, selbstständig Alltagsanforderungen zu bewältigen. Eine feste Struktur vermittelt Sicherheit: Dass Menschen mit Autismus ganz schwer mit Veränderungen und Unvorhersehbarem klarkommen, ist kein Klischee.

Umbrüche im Leben oder schwer einordenbare Ereignisse verursachen bei vielen Menschen Stress, vielleicht kann man es sich so besser vorstellen – nur erzeugen diese Dinge bei Menschen mit Autismus eben mehr Stress oder je nach Ausprägung viel, viel mehr. Ritualisierte, immer gleiche Abläufe nützen daher immens. Bis sich all diese Dinge, etwa in einer Wohngruppe, eingependelt haben, braucht es Zeit und Geduld. Es kann Jahre dauern, bis eine Eingewöhnung in eine Wohngruppe ganz vollzogen ist, und dass Bezugspersonen wechseln, ist dem Prozess selbstredend nicht förderlich, doch dennoch unvermeidbar.

"Die Lebenszufriedenheit des Patienten ist das Kriterium"

Eine Diagnose bleibt „Schall und Rauch“, sofern „man nicht beachtet, was den Patienten im Alltag zu schaffen macht“, betont Dominik Köppler: „Die Lebenszufriedenheit des Patienten ist das Kriterium.“ Genau darum geht’s in der Therapie – passgenau das zu finden, was individuell nutzt. Wer mit autistischen Menschen arbeitet, darf getrost auf prompte Rückmeldung und authentisches Feedback hoffen: Wenn’s nicht passt, dann passt es nicht, und das geben die Betreffenden deutlich zu verstehen.

Ob die Diagnose passt, steht auf einem anderen Blatt: Auch sie braucht Zeit und Geduld. Im Klinikum Schloss Winnenden durchlaufen Menschen mehrere verschiedene Tests, Verhaltensbeobachtung zählt dazu, und man befragt Personen aus dem familiären Umfeld, etwa die Eltern: Welche Entwicklungsschritte zeigte die Person als Kind in welchem Alter, welche Besonderheiten traten wann zutage, gab es echte Freundschaften? Erst aus vielen Bausteinen entsteht ein Bild, auf dessen Grundlage sich eine Diagnose entwickelt.

Enge Kooperation mit der Diakonie Stetten und der Paulinenpflege

Am Klinikum Schloss Winnenden bieten Spezialist/-innen sowohl im stationären wie im ambulanten Umfeld Diagnostik an. Die Klinik betreibt ferner als eine von fünf in Baden-Württemberg eine Spezialstation für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Mit der Diakonie Stetten und der Paulinenpflege gibt’s im Rems-Murr-Kreis Einrichtungen, die eine große Bandbreite von Angeboten für Menschen mit Autismus im Repertoire haben. Mit allen, etwa mit der Ambulanz in der Diakonie Stetten, arbeitet das Klinikum Schloss Winnenden eng zusammen; Dominik Köppler ist dort auch im Einsatz. Coronabedingt wuchs der Bedarf: Dass die einschneidenden Veränderungen des Alltags, welche die Pandemie mit sich brachte, autistische Menschen vor extra große Herausforderungen stellte, versteht sich von selbst.

Kirstin Schletterer, Kira Cronjäger und Dominik Köppler mögen ihre Arbeit und diese besonderen Menschen, das ist deutlich zu spüren mit Gespräch mit den Fachleuten: „Das macht unheimlich viel Freude“, sagt Dominik Köppler; „es ist eine ganz eigene Welt.“

Vor mehr als 30 Jahren lief „Rain Man“ in den Kinos. Heute noch fehlt nie der Hinweis auf Dustin Hoffmans oscarprämierte Glanzleistung, sobald es um Autismus geht.

Wie auch immer man den Film interpretieren möchte, ein Aspekt sticht hervor: Der Autist Raymond, begnadet gespielt von Dustin Hoffman, bringt das zuvor reichlich gut versteckte Edle im Charakter seines Bruders Charlie zum Vorschein – einem ganz gewöhnlichen Charakterschwein.

Auffällig intensiv ausgeprägte soziale

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