Rems-Murr-Kreis

Lohnt sich der Kauf eines Gebraucht-E-Bikes?

Radladen voll
Der Boom bei E-Bikes ist unübersehbar. Doch Probleme bei der Ersatzteillieferung machen den Händlern zu schaffen. Daher kann es problematisch werden, wenn ein E-Bike zum Service muss. Manche Händler bieten Service gar nur an für Fahrräder, die bei ihnen gekauft wurden. © MICHAEL FAISS

Fahrradfahren boomt, besonders in Corona-Zeiten. Und auch der Erfolg der E-Bikes hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen auf zwei Rädern in der Stadt und auf dem Land unterwegs sind. Doch der Fahrradboom in der Corona-Krise hat auch Schattenseiten: leere Lager, fehlende Komponenten und Verschleißteile, monatelange Lieferzeiten und steigende Preise. Die langfristige Folge daraus: Manch einer schaut sich auf dem Gebrauchtmarkt um.

Die weltweit gestiegene Nachfrage nach Fahrrädern und Teilen sei so nicht absehbar gewesen, sagt Uwe Wöll, Geschäftsführer vom Verbund Service und Fahrrad (VSF), der mehr als 300 Händler, Hersteller und Dienstleister in Deutschland vertritt. Die Produktionsstätten seien an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen, sagt Wöll und spricht von mehreren Faktoren, die zusammengekommen sind.

Wegen des Lockdowns haben demnach im Frühjahr 2020 viele Fahrradhersteller und Großhändler vorsichtiger agiert und Bestellungen teils storniert oder zurückgestellt. Weil China selbst im Lockdown war und die Industrie runtergefahren hatte, wurde dort zudem nur sehr eingeschränkt produziert. Die Nachfrage nach Rädern und Zubehör ist gleichzeitig „exorbitant“ gestiegen. Dies gilt weltweit, wobei allein in Deutschland rund eine Million Fahrräder mehr verkauft wurden. „All das hat sich zu einem plötzlichen Lieferengpass kumuliert“, sagt Wöll.

Auch die Frachtpreise seien enorm gestiegen, sagt der Branchenexperte. Es fahren weniger Schiffe, dadurch sind weniger Seecontainer verfügbar. Die Kosten für die Verschiffung eines Containers aus Fernost hätten sich im Vorjahresvergleich mittlerweile verachtfacht, sagt Wöll.

Ein Bauteil könne darüber entscheiden, ob der Kunde sein bestelltes Rad bekomme oder nicht, sagt er. Die monatelangen Lieferzeiten für Teile hätten sich teils verdoppelt, bei manchen Teilen sind es 18 Monate.

E-Bikes sind allemal eine kostspielige Anschaffung, und angesichts langer Lieferfristen kommt manch einer auf den Gedanken, sich ein Gebraucht-Bike zuzulegen, denn auch hier steigt das Angebot.

Doch Vorsicht ist geboten. Auch wenn auf Ebay die Versuchung auf ein Schnäppchen lauert, ist gesundes Misstrauen angebracht. Der E-Bike-Markt hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt, sowohl technisch als auch in Sachen Design. Ein E-Bike, das vor sechs, sieben Jahren State of the Art war, ist heute möglicherweise nur noch schwer vermittelbar. Wer sich also auf den Gebrauchtmarkt begibt, um ein passendes E-Bike zu finden, sollte ein paar grundlegende Regeln beachten.

Drei Tipps geben die Profis des Fahrrad-Magazins Velomotion für den E-Bike-Kauf vorab:

  • Ruhig und misstrauisch bleiben - keine überstürzten Spontankäufe!
  • Niemand hat etwas zu verschenken - vermeintliche Schnäppchen könnten zum Draufzahlgeschäft werden!
  • Vorab eine Checkliste machen und diese abhaken.

Sollte ein E-Bike Schwächen zeigen, die einen Werkstattbesuch nötig machen, sollte man daran denken, dass die Wartezeiten für einen Termin aktuell mehrere Wochen lang und viele Ersatzteile Mangelware sein können - gerade auf einfache Basis-Teile wie Ketten oder Bremsscheiben wartet man möglicherweise wochenlang.

Ein Waiblinger Fahrradhändler erklärte auf unsere Anfrage, dass zudem viele Werkstätten wegen des unglaublichen E-Bike-Booms nur noch den Service für Fahrräder anbieten könnten, die auch bei ihnen im Laden gekauft wurden.

Wie also vorgehen, wenn im Internet ein interessantes E-Bike angeboten wird?

Laut Velomotion sollte ein Besichtigungstermin Pflicht sein. Niemals die Katze im Sack kaufen. Dazu kommt, dass es teuer und aufwendig ist, ein E-Bike zu verschicken (Gefahrgut durch den Akku!) und dass das neue Bike beim Transport beschädigt werden könnte. Den Besichtigungstermin nur bei schönem Wetter machen. Viele Macken entdeckt man nur bei Tageslicht, und die Probefahrt will man nicht durch den strömenden Regen machen.

Größe: Passt das Bike?

Nicht aus Verzweiflung ein Rad kaufen, das zu groß oder zu klein ist. Leichte Anpassungen über Sitzhöhe oder am Lenker lassen sich vornehmen. Ist das Rad aber deutlich zu groß oder zu klein, Finger weg!

Wo wird das E-Bike aufbewahrt?

Ist eine Garage vorhanden? Stand es trocken und frostsicher? Ein Bike, das lange und oft draußen geparkt wurde, leidet.

Hat der Vorbesitzer „Ahnung von Fahrrädern“?

Ein leidenschaftlicher Radfahrer ist leicht daran zu erkennen, wie er (oder sie) über sein Bike und die Ausstattung spricht. Man kann davon ausgehen, dass ein Bike-Nerd sein Bike besser pflegt als derjenige, der das E-Bike nur als Fortbewegungsmittel, also als Mittel zum Zweck, sieht oder möglicherweise gar nicht oft damit gefahren ist.

Gibt es Nachweise über Service in der Fachwerkstatt?

Zwar wird für E-Bikes üblicherweise kein offizielles Serviceheft wie beim Auto geführt, doch ein gewissenhafter Vorbesitzer geht wenigstens einmal jährlich zum Service in eine Qualitätswerkstatt und bewahrt die Dokumentationen auf.

Auch ein Nachweis über den Kauf des Bikes sollte vorhanden sein. E-Bikes werden gestohlen und zum Kauf angeboten - das kann böse enden.

Handelt es sich um ein ehemaliges Leasing-Bike?

Das kann sogar ein Vorteil sein. Leasing-Bikes werden normalerweise gut gewartet, da Service und Verschleiß in den Leistungen beim Leasing inkludiert sind.

Welcher Preis ist fair?

Die Knappheit an E-Bikes lässt auch die Preise für Gebrauchte steigen. Als Faustregel gilt ein jährlicher Wertverlust von rund 20 Prozent. Hat ein E-Bike 3000 Euro gekostet, sind bei guter Pflege und nach einem Jahr 2400 Euro, nach drei Jahren 1200 Euro als Verkaufspreis realistisch.

Finger weg vom Billigbike!

Bleiben Sie bei Fachhandelsmarken. Dies gilt sowohl für die Radmarken selbst als auch für Motor und Akku: Bosch, Shimano, Brose, Yamaha - hier ist auch für die nächsten Jahre eine gute Ersatzteillage garantiert. Billigbikes aus dem Internet sollte man schon neu nicht kaufen und gebraucht erst recht nicht.

Bei der Besichtigung des Bikes empfiehlt der Fachmann, folgende Punkte zu checken:

  • Erster Gesamteindruck: Ist das Rad gepflegt und sauber?
  • Wurden Umbauten vorgenommen? Im Internet lassen sich von jedem Modell Bilder des originalen Ausstattungszustandes finden. Bitte vergleichen: Wurde der Sattel gewechselt, wurden Schutzbleche oder Gepäckträger demontiert, was ist mit der Lichtanlage?
  • Zeigt das E-Bike Sturzspuren? Kratzer an den Bremsgriffen, an Pedalen oder dem Schaltwerk sind die ersten Indizien, da diese immer zuerst Bodenkontakt haben.
  • Lässt sich das Bike ohne Murren einschalten? Vor allem Bikes mit Einschalttaster am Akku können zickig sein.
  • Display: Ein älteres kann Pixelfehler haben oder durch Schläge von außen schlecht oder gar nicht mehr lesbar sein, obwohl es keinerlei Beschädigung zeigt.
  • Schlüssel: Sind alle Schlüssel vorhanden? Lässt sich damit der Akku sauber und leichtgängig entnehmen und auch wieder sicher verriegeln? Bei E-Bikes mit Rahmenschloss sollte dieses gleichschließend mit dem Akkuschloss sein.
  • Gibt es eine Code-Karte zum Nachbestellen von Schlüsseln (bspw. Abus)?
  • Läuft die Gangschaltung sauber durch alle Gänge? Bei Kettenschaltungen ist das Schaltauge (die kleine Öse, an der das hintere Schaltwerk festgeschraubt ist) eine Soll-Bruchstelle. Dieses Schaltauge verbiegt leicht. Vor allem, wenn ein Bike auf diese Seite gefallen ist (Sturzspuren) oder im Auto auf dieser Seite liegend transportiert wurde. Ein Schaltauge kann vom Fachmann leicht getauscht werden; doch ist es verbogen, wirkt sich dies negativ auf die Schaltung aus.
  • Bremsen: Ein modernes E-Bike verfügt in der Regel über hydraulische Scheibenbremsen - diese sind kein Muss, aber bei teureren E-Bikes eigentlich Standard. Lassen sich die Bremshebel bis zum Lenkergriff durchdrücken? Dann ist die Bremspower eingeschränkt, und vermutlich müssen die Hydraulikleitungen entlüftet werden. Machen die Bremsen ein unangenehm metallisches Schleifgeräusch oder quietschen laut? Dann müssen die Beläge getauscht werden. Zeigt auch die Bremsscheibe kreisförmige Schleifspuren, sind die Bremsbeläge schon länger „runter“, die Scheiben müssen getauscht werden.
  • Licht: Funktioniert die Lichtanlage? Frontstrahler und Rücklicht werden am E-Bike in der Regel aus dem Akku gespeist - deshalb sollten sie anstandslos funktionieren.
  • Akku: Wurde der Akku sachgemäß gelagert und geladen? Bei längeren Standzeiten (vor allem im Winter) sollte er im Haus gelagert werden - idealerweise bei einem Ladestand von rund 75 %.
  • Den Akku entnehmen und die Kontakte prüfen. Sind diese sauber und zeigen keine Korrosion? Das Akkugehäuse darf auf keinen Fall Spuren von Manipulation zeigen. Die Akkus, von denen die gruseligen Brandgeschichten zu hören sind, sind praktisch immer Akkus, die vorher runtergefallen sind oder die geöffnet wurden und an denen gebastelt wurde.
  • Motor: Wurden beim Service die Updates der Motorsoftware gemacht (Belege)? Wurde am Motorgehäuse manipuliert? Finger weg von Bikes mit Motortuning. Der Motor, wie das gesamte Bike, leidet unter den höheren Geschwindigkeiten, für die ein E-Bike nicht ausgelegt ist.
  • Laufleistung: Einem modernen E-Bike machen Laufleistungen von mehreren Tausend Kilometern nichts aus, sofern es gut gepflegt ist und Verschleißteile gewechselt werden. Ein Bike, das allerdings als Pendler-Fahrzeug genutzt wurde und deutlich fünfstellige Laufleistungen aufweist, muss besonders kritisch begutachtet werden. Das Display zeigt die Gesamtlaufleistung eines E-Bikes an. Räder ohne Display, die über eine Smartphone-App gesteuert werden, zeigen in der App sogar noch einige Informationen mehr über den Gebrauch an.
  • Reifen sind meist kostengünstig und einfach selbst zu wechseln. Entsprechend sollte ein Bike zur Probefahrt auch nicht mit völlig abgefahrenen oder sogar platten Reifen negativ auffallen.
  • Federgabel und Dämpfer: Auch City- und Trekkingbikes sind fast immer mit Federgabeln ausgestattet; vollgefederte Mountainbikes zusätzlich mit einem Hinterbau-Dämpfer. Darauf achten, dass die Tauchrohre von Gabel und Dämpfer sauber und kratzerfrei sind. Es sollten keine Spuren von ausgetretenem Öl zu sehen sein. Natürlich müssen Gabel und Dämpfer ordnungsgemäß funktionieren und auf das Fahrergewicht anpassbar sein.
  • Vorbau/Steuersatz: Zur Prüfung die Vorderradbremse ziehen und am Lenker mit beiden Händen nach vorne und hinten wackeln. Ist ein Klackern bzw. Lagerspiel im Bereich des Lenkervorbaus (Gabelschaft) zu spüren, so ist das Spiel auf jeden Fall zu beheben.
  • Kette und Ritzel: Am E-Bike muss, wegen der höheren Kräfte, die Kette spätestens alle 1500 bis 2000 Kilometer gewechselt werden. Sonst leiden nämlich auch die Zahnkränze (Ritzel). Diese zu wechseln ist aufwendig und teuer. Eine neue Kette kostet nur rund 20 bis 30 Euro und kann auch selbst gewechselt werden.

Fazit der Velomotion-Profis: Wer sich obige umfangreiche Checkliste selbst nicht zutraut, sollte einen fahrraderfahrenen Freund mit zur Probefahrt nehmen. Wer schon öfters E-Bike gefahren ist, dem fallen Unzulänglichkeiten ungleich schneller auf als einem Neuling.

Und wer auf Nummer sicher gehen will oder ein besonders teures Bike kaufen möchte, der besteht auf einen Qualitätscheck durch eine Fachwerkstatt, die das E-Bike mit speziellen Analyse-Tools genauestens untersuchen kann. So ist der Zustand des Akkus (Anzahl der Ladezyklen, Kapazität) auslesbar. Idealerweise, oder sogar notgedrungen, sollte das bei dem Händler geschehen, der das Fahrrad einst verkauft hat.

Diese Prüfung im Fachbetrieb kostet zwar ein wenig Zeit und Geld, sollte aber vom gewissenhaften Verkäufer ohnehin schon vorab durchgeführt werden, da es die Verkaufschancen erhöht und damit auch den erzielbaren Verkaufspreis. Und der Käufer bezahlt das dann auch gerne.

Fahrradfahren boomt, besonders in Corona-Zeiten. Und auch der Erfolg der E-Bikes hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen auf zwei Rädern in der Stadt und auf dem Land unterwegs sind. Doch der Fahrradboom in der Corona-Krise hat auch Schattenseiten: leere Lager, fehlende Komponenten und Verschleißteile, monatelange Lieferzeiten und steigende Preise. Die langfristige Folge daraus: Manch einer schaut sich auf dem Gebrauchtmarkt um.

Die weltweit gestiegene Nachfrage nach Fahrrädern und

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