Rems-Murr-Kreis

Lupenrein? Nein! Was Rems-Murr-Gäste in Dmitrow über Putins Russland lernten

Partnerschaftsreise des landkreis rems Murr  nach Rayon Dmitrow russland
Dmitrow im Jahr 2004: Die Reise offenbarte vieles über Putins Russland. © nipkau

„Ein lupenreiner Demokrat“? Gerhard Schröders Ehrenerklärung von 2004 für Wladimir Putin wirkt heute bizarr. Die Fragwürdigkeit der Behauptung hätte man allerdings schon damals erkennen können. Das offenbart eine Zeitreise in eben jenes Jahr 2004, nach Dmitrow, in den Partner-Rayon des Rems-Murr-Kreises: Was ich dort seinerzeit beobachtet habe, empfinde ich noch immer als bedrückend aufschlussreich.

Renaissance: Das Wunder von Dmitrow

Kollegen hatten mich gewarnt. Einer war bereits Mitte der 90er in Dmitrow gewesen, ein anderer Anfang der 2000er Jahre. Von Kakerlaken in der Dusche hatten sie erzählt, von blätterndem Putz und der Allgegenwart der Farbe Grau, von Bruchflächen und Staub, Wohnklötzen mit zersplissenen Fassaden, von postkommunistischer Tristesse.

Dies aber sah ich 2004 in der für die 850er-Jahr-Feier herausgeputzten 60.000-Einwohner-Stadt nördlich von Moskau: frisch gepflasterte Plätze, frisch gepflanzte Alleen, frisch gesäte Rasen; Wasserspiele, Skateranlagen, knallbunte Spielplatz-Ensembles; eine Flaniermeile mit Blumenrabatten wie auf der Insel Mainau; einen Kulturtempel, strahlend renoviert, außen mächtige Fresken, breite Freitreppe und eine Säulenparade wie auf der Akropolis, innen spiegelnde Granitböden, Stuckverzierungen, Kronleuchter, Wandteppiche; einen Eispalast mit blau schimmernden Glasfronten, die sich zu einer in Wellen fließenden Avantgarde-Fassade formierten; ein Museum voller Geschmeide und ölfarbenstrotzenden Historienschinken. „So was“, murmelte Landrat Johannes Fuchs, „kann sich der Rems-Murr-Kreis nicht leisten.“

In der Dmitrower Kirche hatten vor nicht langer Zeit noch meterlange Risse die verblassten Heiligenköpfe auf den Wandgemälden gespalten. Nun aber: Gold, Prunk, welch ein Wiedererblühen! Die hohen Geistlichen, ausgegrenzt im Kommunismus, saßen nun bei Festakten an der Seite des Rayon-Vorsitzenden Waleri Gawrilow.

Der Kommunismus: überwunden. Die Zukunft: ein Versprechen. Und der Präsident: ein lupenreiner Demokrat.

Geldfragen: Dmitrow und der Fall Chodorkowski

Die „Gewährleistung der demokratischen Rechte“ sei ein „Hauptziel der Innenpolitik Russlands“, sprach Wladimir Putin als Gastredner im Bundestag, er hielt seine Rede auf Deutsch, die Abgeordneten spendeten Ovationen. 2001 war das. Aber im November 2004 gärten schon Zweifel: Talkmaster Reinhold Beckmann fragte den Kanzler, ob Putin wirklich ein lupenreiner Demokrat sei. „Ja, ich bin überzeugt, dass er das ist“, antwortete Gerhard Schröder.

Wer zwei Monate zuvor in Dmitrow gewesen war, musste über diese Worte stolpern. Denn eine wichtige Frage blieb dort, wem immer man sie stellte, mehr oder weniger unbeantwortet: Woher haben die bloß all das Geld? 15 Millionen Dollar seien aus Moskau geflossen, Sonderbudget zum Stadtjubiläum, hieß es vage. Gawrilow, tuschelten Kenner in unserer Delegation, gelte als Putins geschätzter Gefolgsmann.

Doch damit ließ sich all dies nicht erklären. Wenn man nervtötend genug nachhakte, deuteten manche Offiziellen etwas von „freiwilligen Spenden“ an. Der Rest blieb Spekulation: Wie viel hatten Geschäftsleute entrichtet, die Gawrilows Gunst brauchten? Wuschen Moskauer Neureiche und Halbseidene hier ihr Geld? Oder mussten Oligarchen Tribut entrichten, um nicht enteignet und angeklagt zu werden?

Michail Chodorkowski war genau dies widerfahren. Woher der Chef des Ölkonzerns Yukos seinen märchenhaften Reichtum hatte, darf man gewiss hinterfragen. In der Raubritterphase nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hatten sich viele Leute unter dubiosen Umständen vormals staatliche Unternehmen unter den Nagel gerissen. Chodorkowski hatte selbst einmal vom „Gesetz des Dschungels“ gesprochen. „Keiner wusste genau, welche Vorschriften noch galten – ich nutzte das aus.“

Das aber hätte Putin wohl geduldet, wie er es bei anderen Oligarchen tat. Nur: Chodorkowski wurde politisch. Finanzierte Oppositionsparteien. Nannte Putins Staat eine „gelenkte Demokratie“, die Gerichte seien nicht unabhängig, die Menschenrechte gefährdet. Im Februar 2003 stritt Chodorkowski vor laufender TV-Kamera mit Putin, verdächtigte die Regierung der Korruption – und wurde wenige Monate später verhaftet und wegen Steuerhinterziehung angeklagt.

Als wir Rems-Murr-Reisenden 2004 in Dmitrow waren, lief das Verfahren. Es endete im September 2005 mit acht Jahren Haft.

Der Untergebene: Exkurs zum russischen Journalismus

Kleiner Zeitsprung – mein Kollege Frank Nipkau war im Juni 2008 in Dmitrow und wurde Zeuge eines denkwürdigen Wortwechsels: Vier Jahre lang, seufzte Landrat Johannes Fuchs, diskutiere der Rems-Murr-Kreis nun schon über einen Klinik-Neubau in Winnenden. Kollege Waleri Wassiliewitsch Gawrilow staunte. Und antwortete: „Was ich sage, wird gemacht.“ Als aber im Gegenzug Fuchs sich wunderte, dass russische Journalisten keine Fragen stellen, und erzählte, dass die Waiblinger Kreiszeitung „nicht immer das schreibt, was ich gerne lesen möchte“, da lächelte Gawrilow.

Zurück ins Jahr 2004: Gawrilow erzählte unserer Delegation etwas über eines der neuen Gebäude, daneben stand einer und notierte getreulich, was der Chef sprach. Plötzlich stockte Gawrilow: Er hatte ein Detail zu dem Bauwerk nicht parat. Er blickte zur Seite – und dann, ohne dass er auch nur ein Wort gesagt, geschweige denn eine Anweisung erteilt hätte, huschte der Mitschreiber auch schon in telepathischem Gehorsam davon, um kurze Zeit später mit einem Zettel zurückzukehren; die gewünschte Information stand darauf.

Wer war das? Gawrilows persönlicher Referent? Sein Diener? Einer aus unserer Gruppe wusste es: Das sei der örtliche Zeitungsredakteur.

Bei einem der Festbankette in jener Woche hielt ein Bauunternehmer, der schon mit mehreren Aufträgen bedacht worden war und auf weitere hoffte, eine Preisrede: „Vertrauen Sie mir, Waleri Wassiliewitsch!“ Gawrilow antwortete: „Ich vertraue dir.“ Der stehende Redner, der an der Stirnseite der Tafel thronende Gawrilow: eine feudalherrschaftliche Szene. Landrat und Bauunternehmer? Der König und sein Fürst. Wurden Bauaufträge hier so vergeben?

Überwältigung: Eine Monumentalfeier - und ein Rätsel

In jenem Dmitrower September 2004 fühlten wir uns im Rausch der Sinne: Die Stadt zelebrierte ihre 850-Jahr-Feier mit sagenhafter Opulenz. Die Freilichttribüne auf dem Hauptplatz war mit Teppichboden ausgelegt, für kaum mehr als hundert hier sitzende Auserwählte entfaltete sich eine Orgie aus Klang und Farben. Mongolische Reiter und Feuerspeier, sich bäumende Pferde und aufdonnernde Chöre, Gaukler und Soldaten, ein Mahlstrom der Eindrücke, eine atemlose Choreografie, die den Zuschauer übermannte mit Szenenwechseln, Stimmungsumschwüngen. Schwertkämpfer schlugen einander krachend auf die Schilde, Stelzengänger tanzten, Jungen in Schwalbenschwänzen und Mädchen in strassglitzernden Flittergewändern kreiselten im Walzertakt. Zarenprunk, Disneyland und kommunistischer Monumentalitätskult: eine Ästhetik der Überwältigung.

Orthodoxe Geistliche saßen auf den besten Plätzen. Aber wo war, in dieser Demokratie, das Volk? Eine Handvoll Neugierige stand, Hunderte Meter entfernt, hinter einer Absperrung. Bizarr genug. Wie beklemmend diese Feier aber wirklich war, ging mir erst danach auf, als ich nach Hause telefonierte: Ist ja schrecklich, sagte meine Frau, was da in Russland gerade passiert.

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redet.

331 Tote: Was im September 2004 sonst noch geschah

Dies, hatten mir Kundige erzählt, sei hier normal: Wenn Putin bisweilen zum Skifahren in die Dmitrower Gegend komme, riegle ein Heer aus 300 Polizeibeamten alle Zufahrtswege ab, damit die Karawane auf der Hauptstraße herandonnern könne, sie nähere sich wie ein Wetterleuchten – 15 Begleitfahrzeuge mit Blaulicht, und irgendwo mittendrin: des Staatschefs Limousine.

Im September 2004 aber war es noch extremer. Nicht nur, dass, wenn unser Delegationsbus vom Hotel zum Museum fuhr, ein Polizeiwagen mit Blaulicht vorausrauschte und ein zweiter hinterdrein; nicht nur, dass der Bus bei Rot über Kreuzungen bretterte, während rechts und links Polizeisperren den Verkehr tief in die Seitenstraßen hinein stauten – an der Rezeption unseres Hotels, neben der Empfangsdame, saß auch ein Uniformierter; und nachmittags, wenn wir aus dem Haus waren, filzten Gestalten in Tarnanzügen mit Stabtaschenlampen und Hund die Unterkunft. An den Eingängen zu Festbanketten: piepsende Schleusen, Metalldetektoren, Security-Muskelprotze. Auf Hügeln mit Überblickperspektive: Soldaten.

Die Sicherheitsbesessenheit hatte ihren Grund. Denn während Dmitrow feierte, tobte 1800 Kilometer südlich die Hölle. In Beslan hatten Schwerstbewaffnete eine Schule gestürmt, mehr als tausend Eltern, Kinder, Lehrer als Geiseln genommen und forderten nun die Freilassung tschetschenischer Terroristen. Nach drei Tagen kam es zu einer Explosion, Kinder verbrannten bei lebendigem Leib, starben im Kugelhagel oder wurden von der herunterkrachenden Sporthallendecke erschlagen. 331 Tote.

Das also meinte meine Frau. Sie erzählte am Telefon, was sie in deutschen Medien erfahren hatte: Sie wusste mehr als ich. Denn wenn ich abends im Hotelzimmer den Fernseher einschaltete, lief mal ein Film, mal eine Talkshow, mal eine Nachrichtensendung. Beslan aber kam darin nicht vor.

Danach gärten in Russland große Zweifel am Einsatzkonzept der Sicherheitskräfte. Putin stimmte einer Untersuchung nur widerwillig zu – und ernannte zum Leiter der Kommission einen engen Vertrauen. Der kam zu einem erwartbaren Ergebnis: Der Staat habe nichts falsch gemacht.

So nicht, Gerhard Schröder, oder: Was man wissen konnte

Was wir damals in Dmitrow nicht deutlich sahen, allenfalls untergründig ahnen konnten, beschreibt die Journalistin Catherine Belton in dem episch gründlich recherchierten 600-Seiten-Wälzer „Putins Netz“. Es handelt von schwarzen Kassen, Offshore-Konten, Reptilienfonds und einem Präsidenten, der beim Ausbau seiner Macht alte KGB-Verbindungen und Kontakte zur Petersburger Mafia nutzte.

Was wir sahen, aber noch nicht zu deuten wussten: Die orthodoxe Kirche, die seinerzeit bereits so auffällig hofiert wurde, verleiht dem Regime höhere Weihen. Patriarch Kyrill I. nennt Putins Präsidentschaft ein „Wunder Gottes“, schwärmt vom „heiligen Russland“ und preist den Überfall auf die Ukraine als „metaphysischen Kampf“ gegen das Böse.

Was wir damals noch nicht sehen konnten: die Serie der politischen Morde, die seither ihren Lauf nahm; von der Reporterin Anna Politkowskaja, die russische Kriegsgräuel in Tschetschenien und Korruption anprangerte, bis sie vor ihrer Wohnung umgebracht wurde, über Boris Nemzow, dem Putin-Kritiker, der mitten in Moskau erschossen wurde, bis zu Alexander Litwinenko, radioaktiv vergiftet mit Polonium.

Was wir nicht ahnen konnten: Wie viele Bündnisse Putins Russland schmieden würde mit rechten, rechtspopulistischen und rechtsextremen Kräften in Westeuropa, mit Leuten von Front National in Frankreich, FPÖ in Österreich, AfD in Deutschland.

Aber dass hier eher keine lupenreine Demokratie Gestalt annahm, das konnten wir sehen. Und dass Schröder, trotz all der Einblicke, die einem Kanzler offenstehen, weniger gesehen haben sollte als wir Rems-Murr-Touristen: Das mag glauben, wer will.

„Ein lupenreiner Demokrat“? Gerhard Schröders Ehrenerklärung von 2004 für Wladimir Putin wirkt heute bizarr. Die Fragwürdigkeit der Behauptung hätte man allerdings schon damals erkennen können. Das offenbart eine Zeitreise in eben jenes Jahr 2004, nach Dmitrow, in den Partner-Rayon des Rems-Murr-Kreises: Was ich dort seinerzeit beobachtet habe, empfinde ich noch immer als bedrückend aufschlussreich.

Renaissance: Das Wunder von Dmitrow

Kollegen hatten mich gewarnt. Einer war

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