Rems-Murr-Kreis

Machtwechsel in der Manufaktur Schorndorf: Milo Tadic geht, Siegfried Dittler übernimmt

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Manufaktur
Milo Tadic hört auf. © Benjamin Büttner
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Siegfried Dittler
Siegfried Dittler fängt an. © nolle

Erst vor zwei Jahren wurde er zum Vorsitzenden des Schorndorfer Kultur-Mekkas Club Manufaktur gewählt, nun hört Milo Tadic schon wieder auf. Sein Nachfolger: Siegfried Dittler. Was steckt dahinter? Etwa mal wieder dicke Luft im Musentempel? Eine Spurensuche fördert Ernüchterndes zutage - und um zehntausendfache Selbstbefriedigung geht es auch ...

Einen behutsamer argumentierenden, weniger zu Polemik und Gepolter neigenden Menschen als Milo Tadic, 47, kann man sich schwer vorstellen – so sanft, wie man ihn während seiner Amtszeit erlebt hat, klingt er auch jetzt zum Abschied: Im Zwei-Jahres-Turnus gebe es bei der Manufaktur Wahlen, und er sei diese Woche eben nicht mehr angetreten. Selbstverständlich werde er weiter Konzerte hier besuchen, „ich liebe die Manufaktur!“ Man muss im weiteren Gespräch mit ihm schon arg die Ohren spitzen, um dann doch eine gewisse Ernüchterung erlauschen zu können.

Das mit der Beteiligungskultur hat offenbar nicht ganz funktioniert

Er wolle sich für eine „transparente Beteiligungskultur“ einsetzen, hatte Tadic vor zwei Jahren zum Start versprochen. Die Mitglieder besser informieren und einbinden; es ermöglichen, dass Leute nicht nur passiv konsumieren, sondern aktiv mitwirken ... Das, erzählt Tadic, sei ihm und seiner Stellvertreterin Yvonne Kiefer – die jetzt ebenfalls aufgehört hat – vorgeschwebt. Doch „im Innenleben“ der Manufaktur sei es „sehr schwer“ gewesen, das umzusetzen. Beim „Abgleich der Vorstellungen“ habe sich gezeigt: Einige Altgediente im ehrenamtlichen Beirat und auch die hauptamtliche Bürobesetzung hätten andere Ideen gehabt. Dass das nicht ineinandergriff, sagt Tadic, habe er letztlich „akzeptiert“.

Es sei „sehr viel Vertrauen nötig“ zwischen dem Vorsitzenden einerseits (dem Repräsentanten nach außen und Weichensteller nach innen) und Beirat und Büro andererseits (dem organisatorischen Kraftzentrum im operativen Geschäft). Ihm sei klargeworden: Solch ein Vertrauen „kann ich schlecht einfach einfordern“; man müsse es sich wohl unter Mühen und über Jahre „peu a peu“ erarbeiten. Diese „Zähigkeit“ habe er am Ende nicht mehr aufgebracht; das könne man ihm „vielleicht vorwerfen“.

Aber er freue sich nun „wie Bolle“, dass Siegfried Dittler übernehme: ein Nachfolger mit „hohem Standing“ und einiger Bekanntheit in der städtischen Kulturszene. Die Lösung sei „wunderbar“.

Wägender, auch selbstkritischer kann man das kaum formulieren. Letztlich aber klingt, ganz leise, mal wieder durch, was man im Umfeld der Manu seit Jahr und Tag hört: Das Büro arbeite zwar hochprofessionell, aber es mache eben sein Ding und lasse sich ungern dreinreden; und auch im Beiratsteam gebe es Platzhirsche. Die „Durchlässigkeit“ sei in der Manu nun mal nicht sonderlich hoch.

Und dann gab es auch noch Aufregung um Männer, die sich selbst befriedigen ...

10.000 W. oder: „Schwarz-weiß im Denken“

Die Manu steht traditionell für einen zwar sicherlich prononciert linken, aber nicht dogmatisch zementierten Kurs; Vielfalt, Freigeistigkeit, Liberalität gehört zur Geschichte des Hauses. Umso mehr stieß manchen Mitgliedern auf, dass unlängst nach einer Corona-Demo in Stuttgart auf dem vom Büro-Personal bespielten Facebook-Auftritt folgender, aus anderer Quelle stammender Text gepostet und mit den Lobesworten „Tweet des Tages“ beworben wurde: „Bei den 10.000 ,Querdenkern’ in Stuttgart handelt es sich übrigens um 10.000 Wichser. Ohne eine einzige Ausnahme.“ Selbst Leute, die mit der Corona-Protestszene nichts anfangen können, fanden das ein bisschen arg, hüstel, pauschal.

Ja, räumt Tadic auf Nachfrage ein: Hinter manchen öffentlichen Statements der Manufaktur könne auch er „nicht stehen“, das sei ihm „zu schwarz-weiß im Denken“.

Kurzum: Als Zeitungsveteran der Manufaktur-Berichterstattung wird einem da ganz nostalgisch zumute. Denn all das erinnert schnuckelig vertraut an jene sagenumwobene Zeit um 2006, als einige unzufriedene Manu-Mitglieder den Aufstand probten. Abschottungstendenzen der Altgedienten, Übermacht des Profi-Büros, wenig Willkommenskultur für Neulinge – das waren schon damals die Vorwürfe.

Erst Reichle, dann Tadic – und jetzt Siegfried Dittler

Seinerzeit profilierte sich Sabine Reichle als Schlichtungsgenie: Sie wurde zur neuen Vorsitzenden gewählt, blieb zwölf Jahre an der Club-Spitze und prägte eine Ära. Wunden vernarbten, Kritiker versöhnten sich mit dem Haus. Wobei es ein offenes Geheimnis ist, dass auch Reichle manchmal der Verzweiflung nahe war, wenn sie mal wieder als ehrenamtliche Flohzirkusdompteurin und Mediatorin vorbildlich deeskalativ mit den aus allen Himmelsrichtungen auf sie einflutenden Empfindlichkeiten und Empörungen umgehen musste und dabei auf ausnahmslos jede und jeden einfühlsam Rücksicht nahm außer auf sich selbst.

Zum Abschied räumte sie 2019 freimütig ein: Sie hätte es oft im Kopf nicht ausgehalten, wenn es eben nicht auch „so wahnsinnig viel Spaß gemacht hätte“.

Nach Reichle also Tadic; und nun, frisch gewählt, der Neue, der nicht wirklich ein Neuer ist: Siegfried Dittler. Bis 2007 war er Geschäftsführer des Schorndorfer Kulturforums, danach leitete er erst das E-Werk in Freiburg (ein soziokulturelles Zentrum wie die Manu), dann die Alte Feuerwache in Mannheim und schließlich das Waschhaus Potsdam, das sich seit Anfang der 1990er Jahre vom besetzten Haus zu einem der strahlkräftigsten Kulturbetriebe des Landes Brandenburg gemausert hat.

Mittlerweile lebt und arbeitet Dittler wieder im Südwesten, er ist aktuell Geschäftsführer der – Achtung, jetzt wird’s sperrig – „Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und Soziokulturellen Zentren in Baden-Württemberg“. Er ist damit quasi der Oberdachverbandschefnetzwerker aller Häuser im Ländle, die so oder so ähnlich sind wie die Manu!

Der Mann dürfte also durch überhaupt gar nichts mehr zu erschüttern sein.

Erst vor zwei Jahren wurde er zum Vorsitzenden des Schorndorfer Kultur-Mekkas Club Manufaktur gewählt, nun hört Milo Tadic schon wieder auf. Sein Nachfolger: Siegfried Dittler. Was steckt dahinter? Etwa mal wieder dicke Luft im Musentempel? Eine Spurensuche fördert Ernüchterndes zutage - und um zehntausendfache Selbstbefriedigung geht es auch ...

Einen behutsamer argumentierenden, weniger zu Polemik und Gepolter neigenden Menschen als Milo Tadic, 47, kann man sich schwer vorstellen –

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