Rems-Murr-Kreis

Marianne Klein vom ZfP Winnenden: „Guter Moment für Mut und Corona-Lockerungen“

keine Maskenpflicht
Beim Einkaufen muss keine Maske mehr getragen werden. © Alexandra Palmizi

Gut zwei Jahre lang haben Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht und Abstandsregeln den Alltag geprägt. Seit dem 3. April sind nun viele Corona-Schutzmaßnahmen weggefallen. Annina Baur hat mit Dr. Marianne Klein, der Ärztlichen Direktorin des Klinikums Schloss Winnenden, darüber gesprochen, was das bedeutet und wie man zu einer (neuen) Normalität zurückfindet.

Zwei Jahre haben wir unsere Kontakte beschränkt, Abstand gehalten und Masken getragen. Was hat das mit uns gemacht?

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, warum das etwas mit uns macht. Der Mensch ist ein lernendes Wesen. Küsschen zur Begrüßung, Umarmungen oder ein Handschlag sind tief verwurzelte soziale Gewohnheiten. Dieses Verhalten plötzlich zu verändern war ein krasser Einschnitt. Die Menschen waren zu Beginn der Pandemie schwer verunsichert, wussten kaum etwas über das Virus, haben schreckliche Bilder und Berichte über Todeszahlen gesehen und gehört. Alle waren in einer Art Schockstarre, in Habachtstellung.

Erst nach einigen Wochen wurde vielen dann klar, dass ihnen Nähe und Austausch fehlen. Vor allem betraf das natürlich diejenigen, die allein leben. Wer Familie hat, hat zumindest in dieser Kohorte die körperliche Nähe zu seinem Partner oder seinem Kind. Berührungen geben uns ein Gefühl der Zugehörigkeit. Fallen sie weg, verstärkt sich das Gefühl der Vereinsamung. Aber wir können umlernen, so sind zum Beispiel neue Formen der Begrüßung per Faust oder Ellenbogen entstanden.

Am 3. April sind die meisten Corona-Maßnahmen gefallen. Werden Berührungen nun wieder selbstverständlich?

Wir haben uns umgestellt und ich hoffe, wir werden aus diesen Erfahrungen etwas mitnehmen. In geschäftlichen Beziehungen beispielsweise muss man sich nicht unbedingt die Hand geben. Den Handschlag zu vermeiden ist der beste Schutz vor allen durch Kontakt übertragbaren Erkrankungen. Kultur darf sich auch verändern! In persönlichen Beziehungen ist das anders. Berührungen wie eine tröstende Umarmung oder körperliche Kontakte unter Liebenden sind eine wichtige Ebene dieser Beziehungen.

Wie lange wird es dauern, sich nun wieder umzustellen, wieder mehr Nähe zuzulassen?

Ich denke, wir machen uns da gerade mehr Gedanken als nötig. Natürlich müssen wir jetzt alle wieder in die neue Situation hineinwachsen, innere Zuversicht zurückgewinnen. Gerade sind die Gefühle gemischt, wir sind in der Gewöhnungsphase. Aber das Gefühl der Gefahr wird schnell weniger werden. Vor allem weil wir nun zurückgehen zu einer Situation, die wir bereits kennen.

Wie lange die Gewöhnungsphase dauert, ist individuell. Es hängt davon ab, ob ein Mensch schnell zu verunsichern ist und wie ängstlich er ist. Auch die eigenen Erfahrungen spielen eine Rolle. Wer einen oder gar mehrere Corona-Todesfälle in der Familie oder im Freundeskreis erlebt hat, wird sich schwerer tun, Schutzmaßnahmen aufzugeben.

Was raten Sie Menschen, die sich ohne die Schutzmaßnahmen im Supermarkt oder in der Fußgängerzone unsicher fühlen?

Man muss sich nicht gleich ins Getümmel stürzen und kann die Maske erst einmal noch auflassen und ein Gefühl dafür entwickeln, wie es sich anfühlt, zusammen mit Menschen im Geschäft zu sein, die sie nicht mehr tragen. Ich rate aber auch zu etwas Mut. Nach ein paar Tagen sollte man auch ausprobieren, wie es sich anfühlt, sie abzunehmen, und sich so langsam an die neue, alte Realität herantasten. Man kann zum Beispiel zuerst noch mit Maske anfangen, die Abstände zu anderen Menschen verkleinern. Oder man setzt die Maske ab, hält aber zunächst noch etwas mehr Abstand. Jetzt ist ein guter Moment für diesen Mut und die Lockerungen, weil eine Corona-Erkrankung mit der Omikron-Variante keine so akute Gefahr fürs Leben darstellt wie bei früheren Virusvarianten.

Welche der Corona-Maßnahmen hat die Menschen am meisten beeinflusst?

Die Kontaktbeschränkungen. Kontakte mit Abstand und Maske sind allemal besser als keine Kontakte. Denn ohne Kontakte vereinsamen die Menschen. Gewohnheiten wie der Arbeitsalltag, die Schule und das Vereinsleben sind aber nicht nur wichtig für die sozialen Kontakte, sondern geben auch Struktur. Die Maske wiederum ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Mensch ein lernendes Wesen ist. War es zu Anfang ein beklemmendes Gefühl, sie zu tragen, spüren viele sie heute schon kaum mehr. Das Störende ist in den Hintergrund getreten zugunsten des Schützenden. Außerdem haben wir gelernt, die Augen stärker einzusetzen, um emotionale Informationen durch Mimik wie zum Beispiel beim Lachen zu transportieren. Die Maske nun fallen zu lassen, kann ein Gefühl der Nacktheit auslösen. Im therapeutischen Bereich allerdings ist die Maske trotz allem ein Hindernis. Aus der Mimik lesen zu können ist wichtig für Patient und Therapeut und die Therapie mit Maske dauert in der Regel länger.

Wie gehen Menschen mit psychischen Erkrankungen mit den Lockerungen um?

Das kommt ganz darauf an, um welche psychische Erkrankung es sich handelt. Menschen mit einer Angst- oder einer Zwangsstörung haben es schwerer, sich umzustellen. Auch Personen mit einer sozialen Phobie tun sich in der Regel schwer, beispielsweise wieder zu ihrer Büro-Routine zurückzufinden. Solche Erkrankungen können sich nun stärker zeigen. Menschen mit einer depressiven Störung hingegen können häufig profitieren, da sie wieder mehr Kontakte haben können, was ihnen hilft.

Gut zwei Jahre lang haben Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht und Abstandsregeln den Alltag geprägt. Seit dem 3. April sind nun viele Corona-Schutzmaßnahmen weggefallen. Annina Baur hat mit Dr. Marianne Klein, der Ärztlichen Direktorin des Klinikums Schloss Winnenden, darüber gesprochen, was das bedeutet und wie man zu einer (neuen) Normalität zurückfindet.

Zwei Jahre haben wir unsere Kontakte beschränkt, Abstand gehalten und Masken getragen. Was hat das mit uns

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