Rems-Murr-Kreis

Matthias Jung aus Birkmannsweiler webt in seinen Collagen "seelische Realitäten in das Alltägliche hinein"

Matthias Jung
„In jedem von uns ist ein Künstler am Werk, der die Wirklichkeitsschnipsel zu aufwendigen Collagen zusammensetzt, die wir dann Welt nennen“, schreibt Matthias Jung auf www.zabadu.de. © Alexandra Palmizi

Kunst ein- oder abgrenzen zu wollen, das ist, „als würde man versuchen, eine Wolke anzubinden“. Matthias Jung lässt Wolken ziehen und selbst Häuser. Sie heben ab in manchen seiner Collagen und entschweben. Fotografien zerteilt er in Stücke, fügt sie neu zusammen. Wie sich in einem Traum Reales und Surreales zu einem neuen Ganzen finden, so erschaffen seine Collagen neue Zusammenhänge. Etwas nicht Fass- und Greif- und Beschreibbares bricht sich Bahn. Und dann wirken quer verortete Äste wie ein Schweif am fliegenden Haus, getragen von Gesichtern. Oder eine gekrönte Dame in Gold behält ein Dreiecks-Haus im Blick.

Im Seelenhaus aufgehoben und doch unterwegs sein

Ein Haus bleibt ein Haus, ein Haus bleibt ein Zuhause, ein Haus bleibt eine Behausung, und wer hat eigentlich festgelegt, ein Haus müsse dort stehen bleiben, wo es steht? Ein Mensch kann zu Hause sein, im Seelenhaus aufgehoben und doch unterwegs sein. Das Hier-Sein und das Unterwegssein, „das wird versöhnt“, wenn das Haus schwebt, sagt Matthias Jung.

Seit kurzem entsteht seine Kunst in „BMW“. Das Kürzel steht für Birkmannsweiler. Dort lebt Jung nahe einem blauen Haus unterm Dach.

Bildsprache erzeugt Klänge in Menschenseelen

Man scheut sich, ihm Etiketten anhaften zu wollen. Er ist ein Mensch, der erst atmet vor der Antwort, und der, so scheint es, die Schönheit seiner Sätze unterschätzt.

Als „eher erzählend“ beschreibt er seine Kunst. Mit dem Erzählen verbunden ist ein Zuhören, ein Verstehen, ohne dass Worte im Spiel wären. Es existiert unter Menschen eine unausgesprochene Übereinkunft darüber, was „stimmig“ ist. „Wie ein kleines Wunder“ wirke das auf ihn. Bildsprache erzeugt Klänge in Menschenseelen – hörbar für jeden, der sich der Idee einer universellen Verbundenheit öffnen möchte.

Für seine Collagen schaufelt Jung Stunden beiseite: „Ich gönne mir das dann mal“, und damit meint er, er gönnt sich den Sog, das „Suchtartige“, das Nicht-aufhören-Können, während das Bild am PC entsteht, während Detail für Detail sich an- und einfügt, sich neu formiert, verschwindet, auftaucht – bis es passt, bis wirklich alles passt. Das spürt man dann, wenn es so weit ist. Wenn das Bild stimmig ist. Wenn klar ist, dass es die Wildpflanze Wiesen-Pippau sein muss, deren zarte Blätter eine Flugzeugmotoren-Übermaschine gen Osten schicken – weil nur Wiesen-Pippau nicht albern wirkt in diesem Kontext.

Von Flugzeugmotoren geht eine Faszination aus

Flugzeugmotoren wirken auf Matthias Jung wie Magnete. Er reist ihnen hinterher, sucht sie in Museen auf, fertigt Fotografien von ihnen. Ihre Funktionsweise interessiert ihn nicht die Bohne. Ihr Wesen durchaus. Er setzt das Gewirr aus metallenen Kanälen und Kanülen, aus Steckern und Ösen und Schrauben in Beziehung zu etwas Organischem, Zartem – einem Wiesen-Pippau. Die „materielle Bedingtheit“ und „das seelische Zuhause“ finden zueinander, und dann ist es wie im Leben: „Oft schmerzhaft. Oft schön.“

Beim Kaffee mit Matthias Jung im blauen Haus in Birkmannsweiler möchte man – eigentlich – nicht über Profanes reden. Die Profit-Frage kommt dann doch auf den Tisch. Und ob man denn davon leben kann. Von Kunst, die einer Logik folgt, „wie sie Träumen zu eigen ist“, die „sozusagen seelische Realitäten in das Alltägliche hineinwebt“.

Nein, man kann nicht davon leben. War ja leider mal wieder klar.

Internationale Kunstpreise gewonnen

Der 47-Jährige arbeitet freiberuflich als Grafik-Designer, hat irgendwann ganz früher mal ein Studium als Diplom-Kaufmann abgeschlossen, dies und das und jenes erprobt – und den ersten internationalen Kunstpreis 2016 gewonnen. Es folgten Ausstellungen in St. Petersburg, Tel Aviv, Chicago – und Stuttgart. Der klassische Kunstmarkt tickt unterdessen nach eigenen Regeln. Wer sich dort etablieren möchte, darf sich wegen 50 Nicht-Antworten auf 50 Mails an Galerien nicht grämen. Galerien wollen finden, nicht gefunden werden.

Matthias Jung setzt längst auf Eigenvertrieb im Internet. Das Netz „demokratisiert vieles und gleicht vieles aus, was die Rigidität des Kunstmarktes betrifft“. Einen Kunstbetrieb würde er sich wünschen, „der die Vielfalt der Künstler und der Kunstbetrachter achtet und abbildet. Vor allem aber wünsche ich mir Kunstliebhaber, die sich auf das Kunstwerk einlassen und nicht auf seine Präsentation.“

Nahe Birkmannsweiler beginnt "das Auenland"

Unterdessen präsentiert sich ihm, dem gebürtigen Nordrhein-Westfalen, die Landschaft rund um sein Zuhause in BMW ruhig und grün und „schön“. Davor schreckt er nicht zurück, vor diesem Wort: „schön“.

Nicht weit entfernt von Jungs Haustür in Birkmannsweiler beginnt das „Auenland“, wie Jung es nennt. Im Auenland liegen Orte mit Namen wie Oppelsbohm oder Ödernhardt. „Eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg“, sagt Jung, und joggend durchstreift er dauernd die Auenland-Wälder. „Etwas Geborgenes“ haftet dem Landstrich an, findet Jung, der schon als Junge gern durch Wälder streifte.

Persönliches und Poetisches im Blog

In seinem Blog „Wollnashornbaby“ erzählt er davon, und dort fügt er Bildern Texte hinzu. Zu jenem fliegenden Haus mit dem Schweif aus Ästen heißt es – erzählend, poetisch, schön:

„Zuerst dachte ich mein Leben

als Schloss um mich herum.

Dann fand ich den Treppenturm.

Auf jeder Tür steht mein Name anders.

Seltsam: Je höher und tiefer ich steige,

desto mehr riecht es nach Wald.“

Kunst ein- oder abgrenzen zu wollen, das ist, „als würde man versuchen, eine Wolke anzubinden“. Matthias Jung lässt Wolken ziehen und selbst Häuser. Sie heben ab in manchen seiner Collagen und entschweben. Fotografien zerteilt er in Stücke, fügt sie neu zusammen. Wie sich in einem Traum Reales und Surreales zu einem neuen Ganzen finden, so erschaffen seine Collagen neue Zusammenhänge. Etwas nicht Fass- und Greif- und Beschreibbares bricht sich Bahn. Und dann wirken quer verortete Äste wie

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