Rems-Murr-Kreis

Mauerfall jährt sich - Ein Winnender schrieb 1957: Wiedervereinigung? Unmöglich!

Mauerfall
Jochen Bernhard fand seinen historisch höchst interessanten Aufsatz zum Thema deutsche Wiedervereinigung in seinen Studienunterlagen von ‘57 bis ‘60 © Alexandra Palmizi

Am 9. November jährt sich wieder einmal der Tag des Mauerfalls. 32 Jahre ist dieses Ereignis inzwischen her. Eine krumme Zahl, also eigentlich kein besonderer Anlass für eine Erinnerung? Jochen Bernhard aus Winnenden-Breuningsweiler hat uns doch einen geliefert. Er hat die Unterlagen seines Ingenieurstudiums an der FH in Esslingen von 1957 bis 1960 herausgekramt. In seinem ersten Semester hatte er noch das Fach Deutsch. Dafür musste er einen Aufsatz schreiben. Thema: „Wie stelle ich mir eine Wiedervereinigung vor?“

Bernhard ist 1936 in Berlin-Charlottenburg zur Welt gekommen. Sein Vater war Buchhalter und Revisor, bekleidete sogenannte „kriegswichtige“ Posten, zunächst in Berlin-Zehlendorf, dann, als die Bombardements zu heftig wurden, in Mecklenburg, später im Sudetenland. Von dort musste die Familie fliehen. Zunächst mit Militärlastern, dann zu Fuß ging es quer durch Deutschland nach Wuppertal zur Oma.

Man sah in den Deutschen den Weltfeind Nummer 1

Später trat der Vater eine Stelle in Dingolfing an. Dort ist heute ein großes BMW-Werk. Doch kurz nach dem Krieg war dort die Firma Glas. Man baute das Goggo-Mobil, später auch Sportwagen unter dem Namen des Firmenpatriarchen Hans Glas. 1966 wurde Glas von BMW übernommen. Als der Vater 1957 in Dingolfing seine Stelle antrat, hatte er die Vorstellung, dass Sohn Jochen dort eine Buchhalterlehre machen sollte. Doch am ersten Tag begegneten Vater und Sohn Bernhard dem alten Herrn Glas: „Nichts da“, hat er gesagt, „Buchhalter gibt’s wie Sand am Meer. Der Bub lernt Werkzeugmacher!“ Niemand wagte zu widersprechen. Nach der Ausbildung bewarb sich Jochen Bernhard um ein Ingenieurstudium. So kam er nach Esslingen, wo er den besagten Aufsatz verfasste.

Zunächst analysierte er damals die Lage: „Vor jetzt 12 Jahren ging für Deutschland der Zweite Weltkrieg verloren,“ schrieb er, „damals sah man in den Deutschen den Friedensbrecher und Weltfeind Nummer 1.“

In Jalta wollten die drei Großen Churchill, Stalin und Roosevelt eine Teilung Deutschlands ausarbeiten. Churchill schlug Kleinstaaten vor, wie sie vor 1871 bestanden hatten. Roosevelt wollte einen Agrarstaat (Morgenthauplan) und Stalin wollte Deutschland in zwei Teile spalten, einmal in Österreich und Bayern, zum anderen in Preußen und die anderen Länder.

Niemals wäre eine ewige Freundschaft zwischen Kapitalismus und Kommunismus möglich

Doch sehr bald, so Bernhard weiter, hätten sich zwischen den ehemals im Kampf gegen Hitler Verbündeten Zwistigkeiten ergeben. Denn niemals wäre eine ewige Freundschaft zwischen Kapitalismus und Kommunismus möglich. Deshalb will keiner von den Besatzungsmächten auf sein deutsches besetztes Territorium verzichten. Daher sei es nun so, dass in Ostdeutschland die SED dem Kreml zu gehorchen habe, während im Westen alles so gehe, wie die USA es vorschreiben.

Und Bernhard schließt haarscharf: „Dass es uns bis heute so gut geht, ist nur dem Zustand zu verdanken, dass wir als Freunde der Russen dem Westen arg drohen könnten.“ Bernhards damaliges Fazit: „Eine Wiedervereinigung der zwei deutschen Teile ist unmöglich.“

Was wäre denn für eine Wiedervereinigung nötig? Bernhards Vorstellungen waren 1957 sehr klar: Abzug aller ausländischen Truppen, anschließend eine allgemeine geheime Wahl eines Reichstags, auf den Listen sind alle Parteien vertreten. Danach Bildung des Reichstags beziehungsweise einer Regierung mit Sitz in Berlin. Die Nation solle dann demokratisch und neutral sein, außerdem Mitglied der UN. Nichtangriffspakte mit allen größeren Mächten sollten abgeschlossen werden. Es gelte der freie Welthandel.

Doch Bernhard war damals hoffnungslos: „Da die Besatzungsmächte auf solch einen Vorschlag niemals eingehen würden, kann ich mir eine friedliche Wiedervereinigung nicht vorstellen. Denn solche Großzügigkeit traue ich weder den Russen noch den Amerikanern und noch weniger den Engländern und Franzosen zu. Man wird also weiterhin auf ein Wunder warten müssen.“

 „Mr. Gorbatschow, turn this wall down“

Am 9. November 1989 ist das Wunder geschehen. Die Russen und Michail Gorbatschow hatten mit Perestroika und Glasnost ihre liebe Mühe. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan, von vielen als schlechter Cowboy- und Präsidentendarsteller verspottet, wollte einen außenpolitischen Erfolg: „Mr. Gorbatschow, turn this wall down“ hatte er bei einem Besuch in Berlin gerufen. Und die Franzosen und Engländer waren wohl mit sich selbst beschäftigt.

Und dann brauchte es nur noch ein Politbüro-Mitglied, das völlig unvorbereitet in einer Pressekonferenz konfuses Zeug verlautbart und am Ende in einem Nebensatz kurz mal die Grenzen öffnet.

Das größte Wunder aber war, dass in dieser Nacht kein Grenzsoldat die Nerven verlor und auch kein Befehlshaber die rücksichtslose Durchsetzung des Schießbefehls gegen die ausreisefordernde Menge befahl. Es fiel kein einziger Schuss. Ost- und Westbürger fielen sich um den Hals: „Waaaaahnsinn! Unglaublich! So ein Tag, so wunderschön wie heute ...!“

Am 9. November jährt sich wieder einmal der Tag des Mauerfalls. 32 Jahre ist dieses Ereignis inzwischen her. Eine krumme Zahl, also eigentlich kein besonderer Anlass für eine Erinnerung? Jochen Bernhard aus Winnenden-Breuningsweiler hat uns doch einen geliefert. Er hat die Unterlagen seines Ingenieurstudiums an der FH in Esslingen von 1957 bis 1960 herausgekramt. In seinem ersten Semester hatte er noch das Fach Deutsch. Dafür musste er einen Aufsatz schreiben. Thema: „Wie stelle ich mir eine

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