Rems-Murr-Kreis

Medienkonsum in Krisenzeiten: Was machen negative Nachrichten mit uns?

Social Media Beiträge
Wir werden ständig mit negativen Nachrichten konfrontiert. Mit dem Handy können wir von überall auf Nachrichten zugreifen. © ALEXANDRA PALMIZI

Steigende Spritpreise, Corona, Krieg: Wir werden jeden Tag mit schlechten Nachrichten konfrontiert. Krisen sind ein Dauerthema und das kann ziemlich belastend sein. Was sind mögliche Auswirkungen und was können wir dagegen tun? Wir haben mit Dr. Arnd Engeln, Professor für Marketing und Werbeforschung an der Hochschule der Medien in Stuttgart, gesprochen.

Der Einfluss negativer Nachrichten

Nachrichtenkonsum gehört bei vielen Menschen zur täglichen Routine: Morgens Zeitung lesen, abends Tagesschau. Aber was macht das mit uns und wie kann Medienkonsum unsere Stimmung beeinflussen? Professor Arnd Engeln weiß: „Positive sowie negative Nachrichten wirken sich grundsätzlich auf die Gemütslage aus, davon können wir uns gar nicht frei machen. Wir haben zwar gelernt, rational zu argumentieren, aber tatsächlich werden wir sehr stark von unseren Emotionen gesteuert und beeinflusst.“ Der Hintergrund sei, dass ein großer Teil unseres Verhaltens gar nicht durch das Bewusstsein, sondern unterbewusst gesteuert wird. „Wir finden dann zwar immer Argumente, um das rechtzufertigen, man spricht von Rationalisierung, aber tatsächlich sind häufig ganz andere Beweggründe im Hintergrund. Wir streben danach, bestimmte Emotionen zu erreichen und andere zu vermeiden", erklärt Engeln.

Von überall können wir auf Nachrichten aus der ganzen Welt zugreifen. Zudem sind wir dank unseres Handys gefühlt ständig online: „Die sozialen Medien haben das noch einmal verstärkt", meint Engeln. Das Problem sei auch, dass nicht nur professionelle Nachrichten im Umlauf sind. „Das hat auch eine Wirkung auf Menschen und kann ihre Psyche belasten."

„Bedrohlich wird es immer dann, wenn ich in irgendeiner Form tangiert bin.“ Beispiel Ukraine-Krieg: „Bei vielen schwebt die unterschwellige Angst vor dem Dritten Weltkrieg mit.“ Eine mögliche Erklärung, warum die Aufmerksamkeit beim Ukraine-Krieg höher ist als beispielsweise beim Syrien-Krieg, sieht Engeln darin, dass der Ukraine-Krieg näher ist: „Auch wenn man nicht bewusst darüber nachdenkt, spürt man die Bedrohung in den Nachrichten. In diesem Fall ist das vielleicht sogar eine Gefährdung unserer Gesundheit, Unversehrtheit, Wohlstands und vielleicht sogar unseres Selbstbilds."

Der Begriff „Doomscrolling“ und was er bedeutet

Menschen reagieren auf schlechte Nachrichten tendenziell stärker als auf positive. „Das hängt natürlich immer vom Inhalt und der persönlichen Beziehung zu dem Thema ab. Die Psyche ist wie unser Körper: Jeder hat seine Stärken und seine Schwachstellen. Es gibt stabilere und weniger stabile Menschen, entsprechend sind die Wirkungen unterschiedlich“, weiß Engeln. Für die „Sucht“ nach schlechten Nachrichten, gibt es sogar einen Begriff: „Doomscrolling" oder auch „Doomsurfing".

Diese Bezeichnungen beziehen sich laut Stangl, dem Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik „auf die manchmal suchtähnliche Tendenz, weiterhin durch schlechte Nachrichten zu surfen oder zu scrollen, auch wenn diese Nachrichten traurig, entmutigend oder deprimierend sind." Weiter heißt es: „Das menschliche Gehirn hat bekanntlich einen Hang zu schlechten Nachrichten, wobei das Gehirn negative Informationen nicht nur schneller verarbeitet, sondern diese bleiben auch länger im Gedächtnis.“ Doomscrolling ist eine Wortschöpfung aus „doom“, Englisch für Untergang oder Verderben, und "scrollen", dem Verschieben des Bildschirms.

Wie kann ich mit negativen Nachrichten umgehen?

Bei der Konfrontation mit schlechten Nachrichten fühlt man sich oft machtlos. Wenn man immer wieder damit konfrontiert wird, aber nichts machen kann, spricht man in der Psychologie von der erlernten Hilflosigkeit. Das führt kurzfristig zu Frustration, längerfristig zur Resignation und kann auch je nach Stabilität der Psyche und Intensität der Bedrohung zu einer depressiven Verstimmung führen oder auch Auslöser einer echten Depression werden", so der Hochschul-Professor. „Beim Thema Krieg, kann man versuchen die Folgen zu kompensieren, beispielsweise durch Spenden oder ehrenamtliches Engagement. Theoretisch kann man auch mit einem Konvoi in die Ukraine fahren. Dabei kommt es aber darauf an, was man bereit ist, aufzugeben. Meist hat man ja auch in seinem Umfeld eine gewisse Verantwortung zum Beispiel für seine Familie und Kinder.“

„Generell ist ein konstruktiver Umgang die effektivste Strategie, um seinen psychischen Ausgleich zu finden.“ Das ist aber nicht immer möglich oder von den gegebenen Umständen abhängig: „Ich muss akzeptieren, dass meine Möglichkeiten und Verantwortungen für bestimmte Situationen begrenzt sind.“ Arnd Engeln hat dafür ein Beispiel: „Jemand mit einem empfindlichen Rücken, der nicht so viel Kisten schleppen kann, muss einfach akzeptieren, weniger Kisten zu schleppen. So wie wir mit dem Körper arbeiten, sollten wir auch mit unserer Psyche arbeiten und eine hohe Sensibilität für uns selbst entwickeln. Wir sollen uns selbst reflektieren und fragen Was macht das mit mir? Außerdem ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass man niemandem hilft, wenn es einem selbst schlecht geht. Immer nur mit schlechten Nachrichten konfrontiert zu sein, kann auch dazu führen, dass der Blick auf das eigene Leben zunehmend negativ wird."

Kann man wenig Einfluss auf das Geschehen nehmen, müssen alternative Methoden her: „Dann kann ich nur empfehlen, sich selbst etwas Gutes zu tun und das in den Alltag zu integrieren, das heißt bewusst Genuss- und Wohlfühlmomente schaffen. Dabei muss man auf sich selbst hören und wenn einen etwas belastet, versuchen andere Strategien im Umgang zu wählen. Das fördert Stabilität und stärkt die Psyche, auch um in Krisen besser durchhalten zu können."

Auch gesunder Selbstschutz sei wichtig. „Wie viel Informationen kann ich überhaupt ertragen und verarbeiten? Macht der eigene Medienkonsum unzufrieden, sollte man etwas ändern. Möglichkeiten sind, seinen Konsum zeitlich zu limitieren, Kanäle zu selektieren oder Handypausen einzulegen. Das muss jeder für sich selbst ausprobieren", so Engeln.

Auswirkungen und Folgen

Hilft das alles nicht, ist es notwendig, die Notbremse zu ziehen: „Wenn man merkt, dass man es aus diesem Sog nicht aus eigener Kraft  herausschafft, macht eine Therapie Sinn", erklärt der Professor. Überhöhter Medienkonsum kann auch zur Sucht führen. „Das große Angebot macht die Verlockung größer.“ 

„Psyche und Gesundheit sind außerdem stark miteinander verbunden", sagt Engeln. „Wenn es der Psyche schlecht geht, wirkt sich das langfristig auf die Gesundheit insgesamt aus. Das kennt man auch unter dem Begriff Psychosomatische Folgen. Typische Auswirkungen könnten zum Beispiel auch Schlafstörungen oder ein geschwächtes Immunsystem sein. Die meisten Krankheiten haben psychische Komponente."

Steigende Spritpreise, Corona, Krieg: Wir werden jeden Tag mit schlechten Nachrichten konfrontiert. Krisen sind ein Dauerthema und das kann ziemlich belastend sein. Was sind mögliche Auswirkungen und was können wir dagegen tun? Wir haben mit Dr. Arnd Engeln, Professor für Marketing und Werbeforschung an der Hochschule der Medien in Stuttgart, gesprochen.

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