Rems-Murr-Kreis

Mehr als doppelt so viele Briefwähler wie in der Vergangenheit: Verpufft die heiße Wahlkampfphase?

Symbolfotobriefwahl
Ein Drittel der Wählerinnen und Wähler hat bereits abgestimmt. © Gaby Schneider

Die Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer laufen zu Hochform auf. Noch vier Tage bis zum Wahlsonntag. Die Uhr tickt. Ein Termin jagt den nächsten, die Kandidaten zeigen sich an Wahlständen, bieten Telefonsprechstunden und locken mit prominenten Gästen Leute vor die Monitore. Wir sind mitten drin in der heißen Wahlkampfphase. Doch was bringt das Buhlen um Wählerstimmen, wenn ein Drittel der Wähler die Stimme bereits abgegeben hat? Die Zahl der Briefwähler wird sich bei der Landtagswahl am 14. März mehr als verdoppeln, zeigt unsere Umfrage bei Städten und Gemeinden im Rems-Murr-Kreis.

Die Dramaturgie des Wahlkampfes in Coronazeiten unterscheidet sich nicht von der all der Wahlkämpfe zuvor. Bis zur letzten Stunde wird um jede Stimme gerungen. Denn: „Wahlkampf ist ein Marathonlauf“, wusste Altbundeskanzler Helmut Kohl 1998 während seiner letzten Wahlschlacht: „Es kommt nicht darauf an, wer auf den ersten Metern vorn liegt, sondern wer am Schluss gewinnt.“ Dauerläufer wie Kohl plagt im Coronawahlkampf ein gravierendes Handicap. Der Endspurt auf der Zielgeraden verpufft, wenn fast die Hälfte der Stimmzettel vor der letzten Kurve abgegeben worden sind.

Die Kommunen haben sich auf die starke Zunahme der Briefwahl in Pandemiezeiten vorbereitet. Vielerorts haben Rathäuser die Stimmbezirke geändert, weil deutlich weniger Wählerinnen und Wähler persönlich ihre Stimmen abgeben werden, sondern auf Briefwahl umschwenken. Zum Beispiel in Welzheim. Dort haben nach Auskunft des Rathauses bis Anfang der Woche rund 2200 Wähler die Briefwahl beantragt und 1760 hatten eine Woche vor dem Wahltag auch schon ihre Entscheidung getroffen. Zum Vergleich: 2016 zählt Welzheim lediglich 996 Briefwähler. Ausgehend von einer Wahlbeteiligung am 14. März von circa 75 Prozent - 2016 lag die Beteiligung in Welzheim bei exakt 70,9 Prozent - heißt das, dass für ein Drittel der zu erwartenden 6000 Wähler die „heiße Wahlkampfphase“ nur noch heiße Luft ist. Denn bei Briefwahl gibt es kein Zurück.

In den von uns angefragten Rathäusern ist das Bild ähnlich wie in Welzheim. In Weinstadt (rund 19 000 Wahlberechtigte) haben am Dienstag 6672 Wähler Briefwahl beantragt. Mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren, als in Weinstadt 3052 Wähler per Brief abgestimmt hatten. In der Stadt Waiblingen liegt die Zahl der Briefwähler bei fast 12 000 (2016: 6061): bei rund 36 000 Wahlberechtigten und voraussichtlich 26 000 Wählern ein erklecklicher Anteil.

Verdoppelt hat sich die Zahl der Briefwähler auch in Schorndorf. Fast 8000 der mehr als 28 000 wahlberechtigten Schorndorfer haben Briefwahl beantragt. „Über die Zahl der Rückläufer können wir keine genaue Auskunft geben, da die Briefe ungezählt in die Wahlurnen eingeworfen werden“, erklärt eine Sprecherin der Stadt. „Allerdings sind bereits knapp vier Wahlurnen voll, was deutlich mehr ist als sonst.“ Auch die Anzahl der Briefwahlanträge sei deutlich höher als sonst, „allerdings in dem Rahmen, wie wir es geplant hatten“.

Höher als in Großen Kreisstädten ist der Anteil der Briefwähler in kleineren Gemeinden, wie die Beispiele Korb und Schwaikheim zeigen. So wollen in Schwaikheim (rund 6500 Wahlberechtigte) 2225 Bürger per Brief abstimmen. 2016 waren es 968 Briefwähler.

In Korb (7600 Wahlberechtigte) haben sich 2700 Wähler für Briefwahl entschieden. Bei einer erneut hohen Wahlbeteiligung von 77 Prozent bedeutet dies, dass fast die Hälfte der Wähler am 14. März nicht mehr persönlich im Wahllokal auftaucht, sondern die Stimme mit der Post schickt.

Welche Parteien profitieren von dem Mehr an Briefwählern?

Welcher Partei das Mehr an Briefwählern zugutekommt, ist strittig. Der Trierer Politikwissenschaftler Uwe Jun geht davon aus, dass CDU und Grüne mehr profitieren werden als SPD und AfD. „Für viele CDU-Wähler haben Wahlen eine Art Pflichtcharakter, und die Grünen haben die größte politikinteressierte Klientel“, erklärte Jun gegenüber der dpa. Vor allem der AfD falle es schwer, ihre Wähler zur Briefwahl zu mobilisieren, da diese im Grunde weniger an Politik interessiert seien und sich spontan entscheiden.

Ein Blick auf die Briefwähler von 2016 in den Städten und Gemeinden im Rems-Murr-Kreis ergibt kein klares Bild. Tatsächlich lag in vielen Kommunen das Briefwahl-Ergebnis der AfD unter dem Gesamtergebnis, so beispielsweise in Weinstadt (minus vier Prozentpunkte) oder in Welzheim (minus drei Prozentpunkte). In Korb, Schwaikheim oder Schorndorf hingegen hat die Differenz nur minus ein Prozentpunkt gelegen.

Auch die Grünen konnten sich nicht überall auf eine engagierte Briefwählerschaft verlassen. Zumindest nicht in Schorndorf oder Schwaikheim. Wohl aber in Welzheim, wo das grüne Briefwahlergebnis fünf Prozentpunkte höher war als das Gesamtergebnis.

Auch die Christdemokraten schafften es nicht überall, ihre Wählerschaft für die Briefwahl zu mobilisieren. Bis auf Schwaikheim (plus vier Prozentpunkte) war das Briefwahlergebnis meist nur geringfügig höher als das Gesamtergebnis.

Und noch ein Faktor dürfte bei der Corona-Landtagswahl 2021 eine Rolle spielen: die aktuellen Umfragen. Laut denen liegen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Grünen klar vor der CDU und ihrer Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann. Eine Prognose, die grüne Wähler am Sonntag nicht gerade mobilisieren dürfte, sich zum Wahlgang aufzuraffen. Aber auch potenzielle CDU-Wählerinnen und Wähler könnten frustriert sein und auf den Spaziergang zum Wahllokal verzichten.

Die Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer laufen zu Hochform auf. Noch vier Tage bis zum Wahlsonntag. Die Uhr tickt. Ein Termin jagt den nächsten, die Kandidaten zeigen sich an Wahlständen, bieten Telefonsprechstunden und locken mit prominenten Gästen Leute vor die Monitore. Wir sind mitten drin in der heißen Wahlkampfphase. Doch was bringt das Buhlen um Wählerstimmen, wenn ein Drittel der Wähler die Stimme bereits abgegeben hat? Die Zahl der Briefwähler wird sich bei der Landtagswahl am 14. März

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper