Rems-Murr-Kreis

Mehr Gewalt in Familien im Zuge der Coronakrise?

Häusliche Gewalt
Die Frau auf dem Foto ist nicht wirklich verletzt; es handelt sich um ein Symbolbild, das bei einer Rot-Kreuz-Übung entstanden ist. © Alexandra Palmizi

Die Coronakrise erzeugt Stress. Niemanden kann das kaltlassen. Erwischt es mich oder meine Lieben, verliere ich den Job, wie geht das alles weiter? Selbst wenn Ängste nur unterschwellig gären und man glaubt, ganz Herr der Lage zu sein – knallt’s dann vielleicht doch.

Seit Wochen wird gewarnt, sicher zu Recht: Gewalt in den Familien wird jetzt zunehmen. Ohnehin schon benachteiligte Kinder trifft es jetzt heftig. Kreisjugendamtsleiter Holger Gläss hatte stets betont: Kinder- und Jugendhilfe ist jetzt nötiger denn je. Jugendamt und freie Träger sind im Einsatz, beraten und helfen – wenn auch an vielen Stellen auf andere Weise als vor der Krise.

Bedarf an Betreuung wird "dringlicher"

Von „sehr widersprüchlichen Trends“ berichtet das Jugendamt: Es melden sich weniger Menschen als erwartet. Die Behörde hat es nicht mit mehr gemeldeten Gefährdungen von Kindern zu tun. Andererseits haben jene, die Jugendhilfe leisten und im direkten Kontakt mit Familien sind, immer mehr den Eindruck, „dass die Situation in den Familien zunehmend schwierig und der Bedarf an Betreuung dringlicher wird“, wie Holger Gläss dem Sozialausschuss des Kreistags rückmeldet.

Von ähnlichen Eindrücken berichten Beratungsstellen und Polizei. „Keine signifikanten Steigerungen“ im Deliktfeld häusliche Gewalt hat das Polizeipräsidium Aalen bisher festgestellt, so Sprecher Holger Bienert.

Aus der Wohnung verwiesen – und dann wohin?

Es sind viele Gründe denkbar: Vielleicht kommen Familien doch in der Krise besser klar als gedacht, weil Corona andere Probleme in den Hintergrund rücken lässt und man jetzt zusammenhält. Oder Betroffene scheuen sich jetzt noch mehr, Vorfälle anzuzeigen. Oder Anzeigen werden erst mit Zeitverzug gestellt, was in diesem Bereich häufig vorkommt, so Bienert.

Frauen sind in der aktuellen Situation zurückhaltender, ihren gewalttätigen Partner aus der Wohnung verweisen zu lassen, weil er nirgendwo unterkommen kann. Diesen Eindruck hat Oranna Keller-Mannschreck, Leiterin der Waiblinger Pro-Familia-Beratungsstelle, in Beratungen gewonnen. Auch bei ihr sind in den vergangenen Wochen nicht mehr Hilfe-Anfragen angekommen, „als das üblicherweise der Fall ist“. – „Das Hilfe-Netzwerk funktioniert“, sagt Oranna Keller-Mannschreck, und Frauen, die sehr entschlossen sind, der Gewalt zu Hause ein Ende zu bereiten, die werden das auch in diesen Zeiten tun. Sehr oft nähmen Frauen aber auch Anzeigen zurück oder stoppten einen Platzverweis, auch diese Erfahrung macht Pro Familia in den Beratungen oft. Oranna Keller-Mannschreck glaubt nicht, dass Statistiken die tatsächliche Situation widerspiegeln: Häusliche Gewalt habe zugenommen, „da bin ich ganz sicher. Das kann gar nicht anders sein. Die Last, die auf Familien liegt, ist hoch“.

Rat und Hilfe per Videochat

Unterdessen hat die Sozialberatung Stuttgart reagiert und bietet jetzt Beratung auch per Videochat an. Die Fachberatungsstelle Gewaltprävention mit Sitz in Waiblingen, die zur Sozialberatung gehört, kümmert sich unter anderem um Menschen, die in ihrer Familie gewalttätig geworden sind oder im besten Fall etwas tun wollen, bevor die Situation eskaliert. Ferner erhalten bei dieser Stelle Männer Hilfe, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Das gibt es auch, wenn auch viel seltener als bei Frauen.

Die Fachberatungsstelle rechnete mit einer steigenden Zahl Hilfesuchender während der Coronakrise – und zeigt sich jetzt überrascht: „Wir vermuten, dass die Welle zeitverzögert auf uns zurollt“, so Markus Beck, der Leiter der Beratungsstelle, in einer Mitteilung.

Der Gewalt folgt Scham

Beratung per Videochat soll jetzt helfen, mehr Menschen zu erreichen, zumal die Gruppentrainings momentan ausgesetzt sind. „Für mich ist es wichtig zu sehen, wie meine Worte wirken, welche Emotionen sie bei meinem Gegenüber auslösen und ob sie ihm weiterhelfen. Bei uns geht es viel um Sicherheit und Vertrauen, damit sich die Klienten öffnen“, wird Thomas Säger von der Beratungsstelle in der Mitteilung zitiert: „Diejenigen, die Gewalt ausüben, schämen sich in der Regel für das, was sie den anderen antun.“

"Finde heraus, wie du dich selbst beruhigen kannst"

Wie sich Männer „unter Druck“ fühlen und wie sie diesen auf gewaltfreie Weise loswerden könnten, lässt sich in einer Schrift verschiedener Dachorganisationen für Jungen-, Männer- und Väterarbeit nachlesen:

„Du verlierst unnötig Kraft, wenn du gegen Corona rebellierst. Versuch lieber, dieser Zeit einen Sinn zu geben: Es ist eine neue Erfahrung, ein Abenteuer.“

„Tu dir Gutes. Sorge dafür, dass du dich jeden Tag auf etwas freuen kannst.“

„Teil dich mit.“

„Sag Stopp, wenn du dich bedrängt, beengt, genervt fühlst.“

„Finde heraus, wie du dich selbst beruhigen kannst, wenn alles zu viel wird.“

„Erlaube dir, Unterstützung zu holen.“

Die Coronakrise erzeugt Stress. Niemanden kann das kaltlassen. Erwischt es mich oder meine Lieben, verliere ich den Job, wie geht das alles weiter? Selbst wenn Ängste nur unterschwellig gären und man glaubt, ganz Herr der Lage zu sein – knallt’s dann vielleicht doch.

Seit Wochen wird gewarnt, sicher zu Recht: Gewalt in den Familien wird jetzt zunehmen. Ohnehin schon benachteiligte Kinder trifft es jetzt heftig. Kreisjugendamtsleiter Holger Gläss hatte stets betont: Kinder- und

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