Rems-Murr-Kreis

Mehr Gewalt in Partnerschaften und Familien auch im Rems-Murr-Kreis

Gewalt gegen Frauen
Schnelle Hilfe und Spurensicherung nach einer Vergewaltigung: Rems-Murr-Klinik Winnenden ist Anlaufstelle. © Benjamin Büttner

Corona zermürbt. Noch im Sommer gab’s Anlass zur Hoffnung, die Krise könnte in absehbarer Zeit überwunden sein. Das Gegenteil ist eingetreten. Jeden Tag prasseln besorgniserregende Nachrichten auf die Menschen ein. Die Anspannung steigt. Gewalt in Familien war immer schon ein Thema, die Polizei meldet Jahr für Jahr mehr Fälle von häuslicher Gewalt auch im Rems-Murr-Kreis – und die Coronakrise dürfte das Problem weiter verschärfen. Für dieses Jahr geht die Polizei laut Sprecher Rudolf Biehlmaier davon aus, dass sich die „stetig leicht steigende Tendenz“ fortsetzt. Vor allem während des zweiten Lockdowns „hatten wir einen Anstieg zu verzeichnen“, so Biehlmaier, und auch in den Sommerferien registrierte die Polizei etwas mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Die Vermutung ist, dass viele in den Ferien bedingt durch Kurzarbeit, Geldmangel und coronabedingte Einschränkungen mehr Zeit zu Hause verbracht haben – was leicht zu Konflikten führt.

In welchem Ausmaß es tatsächlich zu Gewalt in Familien, in Partnerschaften und nach Ende einer Beziehung kommt, bleibt im Verborgenen. „Es muss von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden“, heißt es bei der Polizei.

Spuren sichern nach einer Vergewaltigung

Anlässlich des Gewaltschutztages diesen Donnerstag, 25. November, rückt der Rems-Murr-Kreis ein spezielles Hilfsangebot ins Blickfeld: Nach einer Vergewaltigung können Betroffene, fast immer sind es Frauen, am Klinikum Winnenden Spuren sichern lassen, ohne dass sie gleich eine Entscheidung treffen müssten, ob sie Anzeige erstatten wollen oder nicht. Ein Jahr lang bleiben die Beweismittel, etwa DNA-Spuren, sicher verwahrt. Sollten Betroffene noch Monate nach der Tat zur Polizei gehen wollen, können sie Nachweise vorlegen, die in der Strafverfolgung eine bedeutende Rolle spielen werden.

2021 haben (Stand Ende Oktober) zehn Frauen die Soforthilfe nach Vergewaltigung in Anspruch genommen, darunter drei Jugendliche unter 18 Jahren und drei Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Weitere drei Betroffen waren zwischen 26 und 40 Jahre alt. Eine Frau im Alter über 60 wandte sich nach einer Vergewaltigung ans Rems-Murr-Klinikum, um Spuren sichern zu lassen. In sechs Fällen erhielten Frauen die Pille danach, und in vier Fällen bestand der Verdacht, dass K.o.-Tropfen im Spiel waren.

"Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall"

Seit Sommer wird die Soforthilfe weniger in Anspruch genommen. Warum das so ist, „weiß ich nicht“, sagt Oberärztin Dr. Anna Bott, die sich seit Anfang dieses Jahres um die Koordination der Soforthilfe kümmert. Mit Plakataktionen beispielsweise am Waiblinger Bahnhof und via Social Media macht der Rems-Murr-Kreis nun erneut auf das Hilfsangebot aufmerksam: „Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall“, und Betroffene sollten sich so schnell wie möglich nach einem Vorfall ans Klinikum wenden. In diesem Jahr hatten zwei der betroffenen Frauen so schwere Folgen erlitten, dass sie stationär im Krankenhaus aufgenommen werden mussten.

Demütigung, Beleidigung, Bedrohung

Gewalt im sozialen Nahraum hat viele Gesichter. Es beginnt schon mit subtilen Verhaltensweisen, die mit Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen und Befindlichkeiten des anderen einhergehen. Demütigung, Beleidigung, Einschüchterung und Bedrohung – all das ist bereits als Gewalt zu werten.

Die Abläufe folgen oftmals einem bestimmten Muster, berichtet die Polizei. Typisch sei, dass sich die Situation nach einem Gewaltausbruch zunächst beruhigt, der Täter oder die Täterin sich entschuldigt und Besserung gelobt – bevor es zu einem erneuten Vorfall kommt. Die Gefahr besteht, dass die Abstände kürzer und die Übergriffe gewalttätiger werden, wobei Abhängigkeiten und ungleiche Machtverhältnisse innerhalb einer Beziehung eine große Rolle spielen.

Polizei kann Täter aus der Wohnung verweisen

„Häusliche Gewalt betrifft alle Bildungs- und Einkommensschichten gleichermaßen. Sie existiert in allen Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen und Kulturen“, betont die Polizei. Etwa ein Viertel aller Frauen in Deutschland erleben Studien zufolge im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt.

Das Gewaltschutzgesetz sieht eine Reihe von Hilfen vor. Die Polizei kann einen Täter sofort aus der Wohnung verweisen, zumindest für ein paar Tage. Betroffene können sich an ein Familiengericht wenden und eine Schutzanordnung beantragen. Je nach Lage der Dinge wird ein Gericht einem Täter verbieten, mit dem Opfer Kontakt aufzunehmen oder in die gemeinsame Wohnung zurückzukehren. Das ist selbst dann möglich, wenn dem Täter/der Täterin die Wohnung gehört oder er/sie Mieter ist.

Gefährdungsmanagement bei der Polizei

Mehr als 80 Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt, die 2020 beim Polizeipräsidium Aalen aktenkundig geworden sind, waren Körperverletzungsdelikte. Im Rems-Murr-Kreis registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 549 Fälle von häuslicher Gewalt. Im Jahr davor wurden 521 Fälle gezählt. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 registrierte die Polizei im Rems-Murr-Kreis 387 Vorkommnisse dieser Art.

Zum Schlimmsten kam es in den vergangenen Jahren mehrfach auch im Rems-Murr-Kreis: 2017 wurde eine junge Mutter in Backnang-Strümpfelbach von ihrem Ex-Partner getötet. In Endersbach erwürgte ein Mann im Sommer 2019 seine Ex-Freundin im Streit. Ein 29-jähriger Backnanger gestand vor kurzem vor Gericht, seine Partnerin erstochen zu haben.

Im Frühjahr 2020 hat die Polizei eine Koordinierungsstelle Gefährdungsmanagement eingerichtet. In Fallkonferenzen wird das Vorgehen je nach Risikolage abgestimmt und geklärt, wer wofür zuständig ist, wer sich worum kümmert – damit möglichst das Schlimmste verhindert wird.

Corona zermürbt. Noch im Sommer gab’s Anlass zur Hoffnung, die Krise könnte in absehbarer Zeit überwunden sein. Das Gegenteil ist eingetreten. Jeden Tag prasseln besorgniserregende Nachrichten auf die Menschen ein. Die Anspannung steigt. Gewalt in Familien war immer schon ein Thema, die Polizei meldet Jahr für Jahr mehr Fälle von häuslicher Gewalt auch im Rems-Murr-Kreis – und die Coronakrise dürfte das Problem weiter verschärfen. Für dieses Jahr geht die Polizei laut Sprecher Rudolf

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