Rems-Murr-Kreis

Missbrauch: Prozess gegen Fellbacher Jugendtrainer - erste Lehren, offene Fragen

Justitia
Justitia mit der Waage – wird die Frage, wie glaubwürdig einsichtig der Angeklagte ist, bei der Strafzumessung eine Rolle spielen? © Pixabay

Der Angeklagte hat doch bereits am ersten Verhandlungstag all die mehrhundertfachen Missbrauchstaten gegen acht junge Spieler eingeräumt – was gibt es da überhaupt noch zu klären? Tag zwei der Verhandlung gegen einen ehemaligen Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach zeigte: allerhand. Polizeiaussagen offenbarten Beklemmendes. Eine Schlüsselfrage indes ist noch immer offen; und eine erste wichtige Lehre zeichnet sich ab, die Vereine ziehen können.

Wie ein Missbrauchssystem funktioniert, wie es sich abschottet, wie es sich tarnt, wie es unentdeckt bleiben kann über 15 Jahre – die Aussagen einer Polizistin und ihres Kollegen machen das drängend deutlich an diesem zweiten Prozesstag. Der Angeklagte spielte offenbar einige Trümpfe wieder und wieder und wieder mit hoch entwickeltem – man ist geneigt zu sagen: mit virtuosem – manipulativen Geschick aus.

Die manipulative Virtuosität des Täters

Die Opfer des heute 53-Jährigen waren in der Regel, wenn es begann, 13, 14 Jahre alt, der Kindheit eben erst entwachsend. „Handball hat bei allen eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt“, sie hatten Freude daran, entwickelten Ehrgeiz, hegten sportliche Träume. Diese Begeisterung nutzte der Trainer als Türöffner: Er förderte die Jungen, band einen als Co-Trainer mit ein, baute einen anderen zum Mannschaftsfotografen auf, gewährte Gunst und Verantwortung, auch Geschenke, Tickets für Spiele. Trikots. So baute er Vertrauen auf, knüpfte Beziehungen. Und lud einzelne Jungen zu sich nach Hause ein: zu „Spiel-Analysen“.

Die Gespräche – sie sind auf Video dokumentiert, der Trainer filmte heimlich sein Treiben – begannen beim Handball, mündeten in Fragen nach sexuellen Erfahrungen, verknüpften sich mit einem beiläufigen Griff ans Knie, einem Streicheln am Rücken, einem Kuss auf den Hinterkopf, und mündeten in Hand- und Mundverkehr. Der Mann zimmerte eine schiefe Ebene, auf der er die Oper in den Missbrauch rutschen ließ. Er muss sie förmlich gefügiggequatscht haben.

Er wusste zu dosieren – wenn einer abweisend reagierte, wechselte der Mann zurück in den Modus des unverfänglichen Gespräches, um sich bald darauf erneut vorzutasten. Bisweilen, berichtet die Polizistin, habe er selbst dann noch „ganz normal weitergesprochen“, als der Missbrauch bereits im Gange war, redete darüber hinweg, wattierte, was geschah, mit Geplauder.

Er forderte („Du kommst alle zwei Wochen zu mir“), machte Zugeständnisse („Na gut, aber alle drei Wochen ist ein Deal, komm, schlag ein“), setzte nach („Auf, das ist jetzt so ausgemacht“), verharmloste (dies sei „mein Fehler“, aber Fehler habe doch jeder Mensch, „du bestimmt auch“, und so schlimm sei das doch nicht), drängte („Wieso stellst du dich so an, dein Mitspieler hat doch auch kein Problem damit“), appellierte ans schlechte Gewissen („Ich tue so vieles für euch, aber du kommst mir gar nicht entgegen“). So entstand „psychisch wirklich ein enormer Druck“, sagt die Polizistin.

Was Mut macht: Sich zu offenbaren, hat sich gelohnt

Den Jungen war das alles „hochpeinlich“, berichtet ihr Kollege, sie sprachen offenbar nicht einmal im engen Kameradenkreis darüber, jeder trug es allein mit sich herum. Nach 15 Jahren erst durchbrach einer das System, indem er den bewundernswerten Mut fand, sich zu offenbaren.

So deprimierend der Fall ist – er spendet doch auch Trost: Die Polizei hat vorbildlich entschlossen, umsichtig, gründlich ermittelt. Am 27. Juli kam der junge Mensch zur Polizei, begleitet von seinem Anwalt Jens Rabe. Nach der Vernehmung – noch am selben Tag – beantragte die Polizei einen Wohnungsdurchsuchungsbeschluss; der bereits am 3. August vollstreckt wurde. Und bis Mitte November (der Fall wurde dann im Dezember öffentlich bekannt) hatte die Polizei rund 30 Zeugen vernommen, 15 Terabyte Daten gesichtet, sich durch 700 einschlägige Videos gequält und 14 mutmaßliche Geschädigte ermittelt. Bei acht von ihnen erschienen die Vorwürfe so wasserdicht belegbar, dass sie Eingang in die Anklageschrift fanden. 567 Einzeltaten.

Entschuldigung: Die Glaubwürdigkeitsprobe steht noch aus

Wie ernstzunehmen ist die Bitte um Entschuldigung, die der Angeklagte am ersten Prozesstag seinen Anwalt Bernd Kiefer vortragen ließ? Wie reuig ist der Mann wirklich, wie entschlossen, Verantwortung zu übernehmen? Bloßen Worten lässt sich das nicht ablauschen. Sie können aus tiefstem Herzen kommen oder mit kühlem Kalkül zurechtgefeilt sein. Glaubwürdigkeit kann sich in diesem Fall nur aus Taten speisen.

Ein Hinweis wäre es, sollte sich der Angeklagte aus freien Stücken auf die Zahlung von Schmerzensgeld einlassen. Aber auch das würde noch nichts beweisen. Denn ist er anwaltlich klug beraten, wird er wissen, dass er sowieso kaum darum herumkommt.

Ein mächtiges Indiz wäre es, wenn der Mann bereit ist, mit dem psychiatrischen Sachverständigen, den das Gericht bestellt hat, ehrlich, freimütig, schonungslos zu reden; über seine persönlichen Umstände, aber natürlich auch konkret über die Taten.

Ob er das bislang getan hat? Das wird sich am dritten Verhandlungstag zeigen, wenn der Gutachter seine Expertise abgibt. Dies wird die Nagelprobe darauf, was von der Entschuldigungsbitte zu halten ist.

Falle „Einzelgespräch“: Was Sportvereine lernen können

Eine erste Lehre für alle Sportvereine lässt sich indes bereits jetzt ziehen. Sie ist ganz simpel: Wann immer ein Trainer den Austausch mit einem Spieler in einem von außen nicht einsehbaren, hermetischen, zeugenlosen Rahmen sucht, muss Alarm schrillen. Denn es gibt keinen – keinen! – Grund dafür: Vieles lässt sich vor der ganzen Mannschaft erörtern; Einzelgespräche kann man problemlos am Spielfeldrand führen, während der Rest der Mannschaft in Sichtweite trainiert, oder zur Not in einem Café; und es gibt Vereinsgaststätten, in denen Video-Analysen möglich sind.

Dieses Prinzip allen Jugendtrainern, Spielern und ihren Eltern glasklar zu vermitteln und unbedingt einzufordern: Das kann jeder Verein sofort problemlos tun.

(Mehr zum Umgang des SV Fellbach mit dem Fall hier, weitere Empfehlungen für Vereine hier, ein Beispiel für einen weiteren Missbrauchsfall im Rems-Murr-Kreis hier.)

Der Angeklagte hat doch bereits am ersten Verhandlungstag all die mehrhundertfachen Missbrauchstaten gegen acht junge Spieler eingeräumt – was gibt es da überhaupt noch zu klären? Tag zwei der Verhandlung gegen einen ehemaligen Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach zeigte: allerhand. Polizeiaussagen offenbarten Beklemmendes. Eine Schlüsselfrage indes ist noch immer offen; und eine erste wichtige Lehre zeichnet sich ab, die Vereine ziehen können.

Wie ein Missbrauchssystem

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