Rems-Murr-Kreis

Mit dem Autoführerschein Motorrad fahren – (k)eine gute Entscheidung?

Motorrad Symbol Zweirad
Symbolbild. © pixabay.com

Motorrad-Gegnern dürfte die Entscheidung ein Dorn im Auge sein. Seit dem 01.01.2020 ist es möglich, mit dem Autoführerschein Motorrad zu fahren. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat Ende 2019 eine Neuregelung durchgewunken, wonach Autofahrer eine Maschine mit einem Hubraum bis 125 Kubikzentimeter und 15 PS fahren können, ohne dafür eine Prüfung ablegen zu müssen. Völlig um eine Ausbildung kommen die Anwärter allerdings nicht (siehe Infokasten). Doch reichen die vom Verkehrsministerium vorgegebenen Auflagen, um fit für den Straßenverkehr zu sein?

Wir haben bei Fahrschulen im Rems-Murr-Kreis nachgefragt. Vier von ihnen haben uns geantwortet, drei bieten den neuen Motorradunterricht an. Die Frage, die am brennendsten Interessiert, ist: Kann die Neuregelung die bisherige Fahrausbildung ersetzen?

Fahrschule Gutbrod: "Zehn Fahrstunden reichen nicht für jeden"

Bernd Gutbrod (Fahrschule Gutbrod in Waiblingen) steht der Neuregelung skeptisch gegenüber. Aus Erfahrung könne er sagen, dass die zehn Fahrstunden (fünf mal 90 Unterrichts-Einheiten) nicht für jeden reichen. Zudem würden viele denken, dass sie nach zwei Jahren über die Stufenregelung auf die nächst größere Zweiradklasse A2 aufsteigen könnten. Dem ist aber nicht so.
Zudem sei manch angehendem Motorradfahrer nicht bewusst, dass die Schlüsselzahl 196 (Fahrerschulung für das Führen von Krafträdern der Klasse A1) nur in Deutschland Gültigkeit hat. Im Ausland dürfen sie mit dem erweiterten Führerschein kein Motorrad fahren. Gutbrod weist seine Schüler auch klar darauf hin, dass seine Unterschrift nach den zehn Fahrstunden nicht automatisch auf der Teilnahmebescheinigung landet, sondern nur dann, wenn der Unterricht auch erfolgreich abgeschlossen wurde.

Fahrschule Ginter: "Motorrad könnte Parkplatzprobleme lösen"

Jens Ginter (Fahrschule Ginter in Backnang) steht der Neuregelung positiver gegenüber. Das Motorrad könnte in Ballungsräumen etwa am Arbeitsplatz bei Parkplatzproblemen Abhilfe schaffen. Da die Fahrschüler mindestens fünf Jahre einen Auto-Führerschein besitzen müssen, bevor sie den erweiterten Führerschein erwerben können, brächten sie zudem genug Erfahrung mit. "Bedenken muss man nur haben, wenn das Können nicht ausreichend ist", sagt Ginter. In dem Fall könnten die Teilnehmer aber weitere Fahrstunden buchen.

Gine's Fahrschule: "Es gibt wenigstens ein Pflichtprogramm für Theorie und Praxis"

Erleichtert über die Entscheidung, "dass der Gesetzgeber wenigstens ein Pflichtprogramm in Sachen Theorie und Praxis vorschreibt", ist Gine Lutz (Gine's Fahrschule in Urbach). Sie fühlt eine große Verantwortung auf sich zukommen, da sie als Fahrlehrerin den Erfolg der Ausbildung bescheinigen muss und nicht mehr der TÜV-Prüfer. Auch Lutz betont, dass es sich bei dem Unterricht um ein Mindestprogramm handele und je nach Fall durchaus mehr als die vorgeschriebene Anzahl an Fahrstunden nötig sei, ehe sie eine ausreichende Fahrzeugbeherrschung bescheinigt.


Vorgeschriebene Unterrichtseinheiten nur Mindestprogramm

Doch was bedeutet die neue Verordnung für den Straßenverkehr? Müssen wir jetzt mit einem Anstieg an Unfällen rechnen?

"Das befürchte ich stark", sagt Bernd Gutbrod. Durch einen Anstieg von Zweirädern sei auch das Risiko, mehr Unfälle mit Zweirädern zu verzeichnen, natürlich gegeben. Doch wenn Fahrschüler und Fahrschule vernünftig zusammenarbeiten, kämen da auch gute Fahrer bei raus. Auch auf die Vorkenntnisse komme es dabei an.

"Je mehr Motorradfahrer unterwegs sind, umso mehr Unfälle", sagt Jens Ginter und sieht darin ein statistisches Problem. Die meisten Unfälle von Motorradfahrern geschehen in der Begegnung mit anderen Verkehrsteilnehmern im Stadtverkehr. Außerdem hätte man schon immer mit dem Autoführerschein Fahrzeuge der Klasse AM (50 ccm, 45km/h) fahren dürfen. Das sei also nicht das Problem, sondern vielmehr die Alleinunfälle. Stürze in der Kurve wegen zu schnellen Fahrens würden sich erhöhen. Von einem "Hype" geht Ginter aber nicht aus, allein schon wegen der Einschränkung durch den Eintrag B196. 

Gine Lutz sieht das Problem an anderer Stelle. Sie macht sich vor allem Sorgen darüber, dass mancherorts in die Ausbildung der B196 Anwärter zu wenig Energie und Gewissenhaftigkeit gesteckt werden könnte, da keine Prüfung diesen Umstand aufdeckt. Sie selbst freut sich auf die Ausbildung mit Menschen, die bereits „Rollererfahrung“ haben und sich nun ein bisschen mehr Motorradfeeling wünschen. Dem puren Anfänger will sie klarmachen, "dass es beim Motorradfahren um sehr viel mehr geht, als billig an einen 'Freischein' zu kommen".

Das Interesse ist überraschend groß

Und wie groß ist nun das Interesse? "Überraschend groß", sagt Gine Lutz. Auch Ginter und Gutbrod verzeichnen mehrere Anmeldungen bzw. Vertragsabschlüsse. Und wäre nicht Corona dazwischen gekommen, hätten die Fahrschüler bei dem schönen Wetter längst erste Fahrversuche unternehmen können.

Motorrad-Gegnern dürfte die Entscheidung ein Dorn im Auge sein. Seit dem 01.01.2020 ist es möglich, mit dem Autoführerschein Motorrad zu fahren. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat Ende 2019 eine Neuregelung durchgewunken, wonach Autofahrer eine Maschine mit einem Hubraum bis 125 Kubikzentimeter und 15 PS fahren können, ohne dafür eine Prüfung ablegen zu müssen. Völlig um eine Ausbildung kommen die Anwärter allerdings nicht (siehe Infokasten). Doch reichen die

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