Rems-Murr-Kreis

Mit dem Elektroauto in den Urlaub: Meine Erfahrungen auf der Insel Rügen

Es wird eng an den Ladesäulen
Sonntagmittag an der Raststätte Demminer Land: Mehr Elektroautos als Ladesäulen. © Frank Nipkau

Die Insel Rügen ist die größte Insel Deutschlands. Im vergangenen Jahr wurden 5,5 Millionen Übernachtungen gezählt. Die Zahl der Urlauber mit Elektroautos steigt und viele fragen sich vor der Reise: Wie viele Schnellladesäulen für Elektroautos gibt es auf der Insel? Ich kenne jetzt die Antwort: Es gibt eine Schnellladesäule und die ist nicht besonders schnell. Das Abenteuer Elektroauto geht weiter - diesmal mit einem Urlaub im Elektro-Entwicklungsland Mecklenburg-Vorpommern.

Mit dem Elektroauto Kia EV 6 ins Ostseebad Binz: 1000 Kilometer vollelektrisch

Ich fahre seit Ende März einen vollelektrischen Kia EV 6. Ich bin schon nach Flensburg gefahren. Aber jetzt kommt die bisher längste Strecke: 1000 Kilometer von Winnenden ins Ostseebad Binz. Die Hinfahrt war Ende Mai, die Rückfahrt im Juni - noch vor dem Beginn der Sommerferien in Deutschland. Ein erstes Fazit: Mit den steigenden Temperaturen sinken die Ladezeiten deutlich. Die Insel Rügen eignet sich hervorragend für das Fahren mit dem Elektroauto - mit enormen Reichweiten. Auf den Autobahnen wird es aber an den Ladesäulen eng. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es zu wenig Schnellladesäulen. Und auf Rügen sind die Ladesäulen nicht dort, wo die Urlauber sind. Aber der Reihe nach.

Start an einem Samstag. Die Strecke führt über die A 71 durch Thüringen. Auf dieser Autobahn kann man an Wochenenden entspannt fahren. Der erste Ladestopp ist aber noch auf der A 7 geplant, an der Raststätte Riedener Wald. Gleich die erste Enttäuschung: Die vier Ionity-Ladesäulen sind in Wartung und können nicht genutzt werden. Deshalb ist es gut, bei der Reiseplanung immer einen Plan B und noch Reichweite in der Batterie zu haben: Also geht es nach Oerlenbach an der A 71.

Dort ist eine EnBW-Schnellladestation. Ionity hat ein Ladenetz an Autobahnraststätten aufgebaut. Die EnBW sucht sich dagegen Gewerbegebiete an Autobahnausfahrten. Die großen Ladeparks sind fast nie ausgeschildert und nur in den Lade-Apps zu finden. Deshalb findet sich hier immer eine freie Ladesäule. Gerade in der Ferienzeit sollte man bei der Reiseplanung auf diese Ladeparks achten.

In Oerlenbach steht ein Logistik-Zentrum von Amazon. Eine Tankstelle mit Kaffee und Toilette ist auch in der Nähe. Es ist kühl, knapp über zehn Grad. Die Batterie läuft den ganzen Urlaub noch im Wintermodus. Sie wird beheizt, um das Laden zu beschleunigen. In 23 Minuten ist die Batterie von 33 auf 83 % geladen.

Reichweite des Kia EV 6: 540 Kilometer auf Rügen, 340 Kilometer auf der Autobahn

Die Reichweite des Kia EV 6 auf den Autobahnen bleibt konstant bei 340 bis 360 Kilometer. Egal ob es über die Thüringer Berge oder durch das flache Brandenburg geht. Man sollte aber die Reichweite nicht voll ausfahren, denn es gibt keine Garantie, dass das Laden an der nächsten Säule funktioniert.

Nach einer Zwischenübernachtung in Dessau geht es am Sonntag über den östlichen Berliner Ring und die A 11 / A 20 weiter Richtung Rügen. Bis Berlin ist das Schnellladenetz an den Autobahnen gut ausgebaut. Danach gibt es eine sehr große Lücke von rund 200 Kilometern bis zur Raststätte Demminer Land. Hier herrscht Sonntagmittag Chaos an den 6 Schnellladesäulen. Denn die Elektroautos aus Richtung Berlin wollen nachladen, um die Ostsee zu erreichen. Und die Rückkehrer von der Ostsee wollen nachladen, um in Berlin anzukommen.

Immerhin, niemand schimpft, es gibt viele Gespräche und wir finden eine Ladesäule, die nach 2 Fehlversuchen tatsächlich lädt. Dieses Sonntagschaos ist ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahre - wenn die Elektroautos weiter boomen, aber das Wachstum des Ladenetzes nicht mitkommt.

Die Insel Rügen ist für Elektroautos ein Traum - bis auf die Ladesäulen

Rügen ist eigentlich ideal für Elektrofahrzeuge. Der Kia EV 6 braucht wenig Leistung für das Fahren auf der Insel. Der Verbrauch wird in Kilowattstunden auf 100 Kilometer angezeigt. Dieser Wert geht auf der Autobahn schon mal auf 30 hoch, in der Region Stuttgart liegt er im Sommer knapp unter 16, auf Rügen aber teilweise unter 13. Dazu muss man wissen, dass die Batterie 77,4 Kilowattstunden speichern kann. Deshalb steigt die Reichweite auf Rügen im Schnitt auf 540 Kilometer und liegt damit weit über den optimistischen Angaben des Herstellers. Hätte ich den Wintermodus der Batterie ausgeschaltet, wäre die Reichweite auf der Insel auf 560 Kilometer gestiegen.

Der große Schwachpunkt ist aber die Zahl und die Lage der Ladesäulen auf der Urlaubsinsel Rügen. Nach der EnBW-Mobility-App, die ich für die Reiseplanung empfehle, sind auf der Insel insgesamt 37 Ladesäulen verzeichnet, darunter auch eine für Schnelllader. Das klingt aber besser als es ist. Denn in dieser Zahl finden sich auch Ladesäulen in Hotelanlagen, die nur eingeschränkt nutzbar sind.

In Binz, Sellin und Göhren fehlen Elektro-Ladesäulen

Außerdem sind die Ladesäulen dort, wo es weniger Tourismus gibt. Vor allem die großen Ostseebäder auf der Insel haben zu wenig öffentliche Ladesäulen. In Binz mit bis zu 2,5 Millionen Übernachtungen gibt es eine Ladesäule in Prora und jeweils eine am Haus des Gastes sowie am Kleinbahnhof. Letztere sind kostenlos, aber nur während der Öffnungszeiten nutzbar. Hier fehlen wie in Sellin oder Göhren Ladesäulen auf den Großparkplätzen. Das vorhandene Angebot reicht auf Dauer in der Ferienzeit nicht.

Dafür gibt es auf der Insel Ummanz mit 274 Einwohnern eine Ladesäule mit 50 Kilowatt. Sie findet sich hinter der Brücke zur Insel 100 Meter auf der linken Seite. Man sollte aber Taschentücher mitnehmen, um die großen Spinnweben vom Display der Ladesäule zu wischen. Solche Ladesäulen müssten in Binz stehen.

Es gibt zu wenig Schnellladesäulen in Mecklenburg-Vorpommern und auf Rügen

Warum brauchen wir Schnellladesäulen? Damit Elektroautos auf Dauer erfolgreich sind, müssen sie auf langen Strecken unkompliziert fahren können. Dazu braucht es Schnelllader in einem dichten Netz, die dann verfügbar sind, wenn man sie braucht.

Der Kia EV 6 lädt so schnell wie kein anderes Auto in der Mittelklasse. Aber das nützt nichts, wenn es nicht Ladesäulen mit entsprechend hoher Leistung gibt. Deshalb braucht dieses Auto, damit es schnell geht, Ladesäulen mit mindestens einer Leistung von 300 Kilowatt (KW).

Die einzige Schnellladesäule auf der Insel Rügen hat aber nur 100 KW. Der Standort auf dem Kaufland-Parkplatz in Bergen ist gut, weil man immer wieder an Bergen vorbeifährt, aber wirklich schnell ist das nicht. Und für einen längeren Aufenthalt gibt es schönere Plätze auf der Insel als dieses Gewerbegebiet.

Auch in Stralsund gibt es keine 300 Kilowatt-Säule, die nächsten sind 100 Kilometer oder mehr von Binz entfernt: die Raststätte Demminer Land und die Aral-Tankstelle Dummerstorf bei Rostock.

Immerhin, es gibt einen Geheimtipp für Stralsund: Die Total-Tankstelle an der Werftstraße, kurz vor dem Rügendamm. Total rüstet wie Aral, Shell oder BP immer mehr Tankstellen mit Elektroladesäulen aus. Und diese Ladesäulen sind eine gute Adresse. 175 Kilowatt Leistung haben die Säulen in Rostock, der Kia zieht in der Spitze 160 KW. Das schaffen an manchen Tagen nicht einmal die Ionity-Schnellladesäulen, die 350 Kilowatt ausweisen. Die Ladesäulen von Total sind in der EnBW-Mobility-App leicht zu erkennen, weil sie fälschlicherweise mit einer Leistung von 475 Kilowatt ausgewiesen werden. Diese Ladesäulen werden in der App oft als belegt angezeigt - auch das ist meist eine Falschinformation.

Im Sommer sinken die Ladezeiten beim Kia EV 6

Wenn der Sommer kommt, sinken die Ladezeiten drastisch. Das zeigt sich auf der Rückfahrt. Es ist warm, die Sonne scheint, 26 Grad und die Ladesäulen stehen meist voll in der Sonne. Wir sind wieder in Oerlenbach. Von 34 auf 80 Prozent Batteriekapazität dauert es nur noch zwölf Minuten. Das Auto zieht in der Spitze 223 Kilowatt.

Das gleiche Bild in Ellhofen. Am Autobahnkreuz von A 6 und A 81 hat die EnBW einen Schnellladepark mit zwölf Ladesäulen geschaffen, überdacht und kaum genutzt. Von 40 auf 80 Prozent dauert es nur zehn Minuten. Bei mehr als 80 Prozent regelt das Auto die Leistung herunter. Je nach Ladesäule und Temperatur macht es Sinn, noch ein paar Prozentpunkte dazu zuladen. Dann wird es an der Schnellladesäule richtig langsam und es wird Zeit, weiterzufahren.

Was kostet die Fahrt mit dem Elektroauto?

Ich nutze die Kia Charge Card. Hier hat das Schnellladen an den meisten Säulen auf der Hinfahrt noch 0,47 Cent pro Kilowattstunde gekostet, auf der Rückfahrt bereits 0,55 Cent. Bei 540 Kilometer Reichweite auf Rügen ist das deutlich günstiger als mit Benzin. Auf der Autobahn wird der Abstand zum Benziner immer geringer. Die Rechnung ist aber abhängig von Benzinverbrauch und Preisen. Aber ich vermute, dass sich beim Schnellladen die Fahrtkosten zwischen Elektroautos und Benzinern angleichen werden.

In der Region Stuttgart brauche ich aber im Alltag keine Schnellladesäulen. Hier fahre ich eher kürzere Strecken. Da reichen die normalen Säulen, die beim Kia 11 Kilowatt pro Stunde laden und die mit der Kia Charge Card 0,39 Cent kosten. Das sind bei einer Batterie mit 77,4 Kilowattstunden und ungefähr 480 Kilometer Reichweite in der Region Stuttgart Kosten von 30,19 Euro. Benzin ist im Vergleich (je nach Verbrauch und Preis) deutlich teurer.

Noch günstiger wird es, wenn der eigene Arbeitgeber - wie der Zeitungsverlag Waiblingen - Ladesäulen für seine Mitarbeiter anbietet. Diesen geldwerten Vorteil muss man nicht versteuern. Und noch gibt es kostenlosen Strom - etwa bei Lidl oder an einigen Schnellrestaurants.

Wir stöhnen derzeit über die Hitzewelle. Für das Elektroauto wäre jetzt die ideale Zeit für die nächste Langstreckenfahrt. Das Abenteuer Elektromobilität geht weiter.

Die Insel Rügen ist die größte Insel Deutschlands. Im vergangenen Jahr wurden 5,5 Millionen Übernachtungen gezählt. Die Zahl der Urlauber mit Elektroautos steigt und viele fragen sich vor der Reise: Wie viele Schnellladesäulen für Elektroautos gibt es auf der Insel? Ich kenne jetzt die Antwort: Es gibt eine Schnellladesäule und die ist nicht besonders schnell. Das Abenteuer Elektroauto geht weiter - diesmal mit einem Urlaub im Elektro-Entwicklungsland Mecklenburg-Vorpommern.

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