Rems-Murr-Kreis

Mit dem Neun-Euro-Ticket von Waiblingen nach Hamburg? Funktioniert das?

GoAheadSymbolfoto
Das Foto stammt aus Vor-Corona-Zeiten: Pfingsten 2019. Wie viel am Pfingstwochenende 2022 an den Bahnsteigen im Land los sein wird, das wird spannend. © Gaby Schneider

Wer dreimal im Monat von Waiblingen nach Stuttgart mit der S-Bahn fährt, dafür jeweils ein Einzelticket löst und sonst nie Busse und Bahnen nutzt – profitiert bereits vom Neun-Euro-Ticket. Das Ticket ist jetzt schon überall zu haben, gilt vom 1. Juni an – und ist der Kracher. Das gab’s noch nie: Für neun Euro können Fahrgäste sämtliche Regionalzüge, S- und U-Bahnen sowie Busse nutzen – bundesweit. Klingt unglaublich, ist aber wahr: Das Ticket kostet neun Euro, gilt einen ganzen Monat lang, und man kann damit zum Beispiel von Schorndorf nach Stuttgart, von dort mit Regionalzügen nach Nürnberg und dort dann mit sämtlichen Straßenbahnen fahren, wie’s beliebt. Wie immer im verwöhnten Deutschland wird dennoch gemeckert. Die Hauptsorge:

Werden die Züge und Busse nicht völlig überfüllt sein?

Man wird sehen. Der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) geht davon aus, dass es „wahrscheinlich wieder voller werden wird.“ Man kann je ein Neun-Euro-Ticket für Juni, Juli und August kaufen, also in den Sommermonaten, „in denen ohnehin weniger Fahrgäste zu verzeichnen sind. Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Fahrzeuge auch noch nicht wieder so voll wie vorher.“

Die Go-Ahead Baden-Württemberg GmbH, deren Züge unter anderem auf der Strecke Waiblingen-Nürnberg unterwegs sind, geht davon aus, dass es „Verbindungen und Uhrzeiten geben wird, auf denen sich die Nachfrage nicht großartig verändert“, wie ein Sprecher auf Nachfrage mitteilt: „Und es wird Situationen geben – möglicherweise im Berufsverkehr rund um Stuttgart, und auch im Ausflugsverkehr – bei denen der Andrang sehr groß sein kann.“ Derzeit sei es „sehr schwer einzuschätzen, was wann der Fall sein wird. Was wir aber aus den Vorjahren wissen, ist, dass es am Pfingstwochenende auch ohne Neun-Euro-Ticket eine hohe Nachfrage geben dürfte. Mehrere seit langem geplante Baustellen rund um Stuttgart machen die Situation nicht leichter.“ Vor diesem Hintergrund bittet der Sprecher „schon jetzt alle Fahrgäste um Geduld und Nachsicht, falls eine Fahrt an diesen Tagen nicht ideal verlaufen sollte.“

Markus Dannenmann, Geschäftsführer des Weinstädter Busunternehmens Dannenmann, geht nicht von einem eklatant erhöhten Fahrgastaufkommen unter der Woche aus. Dannenmann-Busse bedienen Strecken im eher ländlichen Raum; höchstens an Wochenenden könnte es in Ausflugsgebieten etwas voller werden, prognostiziert der Geschäftsführer. Der Platz in den Bussen wird reichen, davon geht er aus. Der Unternehmer begrüßt die Neun-Euro-Ticket-Aktion ausdrücklich, weil sich viel mehr Leute für Busse und Bahnen entscheiden, so die Hoffnung, und sich auf diese Weise dem ÖPNV annähern werden: „Ich find’s super.“

Die Deutsche Bahn äußert sich weniger optimistisch: „Von Juni bis August werden die Züge sehr voll werden.“

Kann man nicht einfach mehr und längere Züge einsetzen?

Nein, die Kapazitäten reichen ja insbesondere in den Stoßzeiten eh schon nicht aus. Vor Corona mussten Pendler/-innen schon oft genug Verspätungen und Zugchaos ertragen, weil schon kleinste Störungen im völlig ausgereizten Takt einen Rattenschwanz an Folge-Störungen nach sich ziehen.

Ein Go-Ahead-Sprecher räumt offen ein, „wir haben weder das Zugmaterial noch das nötige Personal, um in den Spitzenzeiten zusätzliche Zugfahrten anzubieten. Zudem ist das Streckennetz rund um Stuttgart schon sehr voll, und die Bahnsteiglängen sind begrenzt, so dass man zusätzliche Züge oder Waggons auch nicht ohne weiteres unterbringt.“ Ein kleiner Trost: „Sollten sich Nachfragespitzen zeigen, bei denen wir ohne Probleme eine Verlängerung des einen oder anderen Zuges anbieten könnten, werden wir mit dem Land Baden-Württemberg, das uns mit dem Zugbetrieb beauftragt hat und dafür auch bezahlt, ins Gespräch gehen und gemeinsam Möglichkeiten zur kurzfristigen Änderung erörtern“, teilt der Sprecher weiter mit. Übersetzt heißt das: Während des Aktionszeitraums, also Juni bis August, wird sich nichts tun, denn diese Dinge dauern lang.

Inwieweit Pendler/-innen und Reisende noch wegen Corona lieber das Auto nehmen oder nach wie vor im Home-Office bleiben, lässt sich momentan nicht abschätzen: Das Neun-Euro-Ticket ist außer supergünstig gleichzeitig ein Riesen-Experiment, von welchem sich Verkehrsexpert/-innen reihenweise Erkenntnisse erhoffen.

Sollte Chaos ausbrechen an Bahnsteigen: Was tun?

Genau das sollte eigentlich nicht passieren: Das Land trifft eine Reihe von Vorkehrungen, damit alles möglichst in geordneten Bahnen verläuft. Das sollte auch gelingen, denn Ziel der Aktion ist laut Verkehrsminister Winfried Hermann, „den neuen Nutzerinnen und Nutzern den Nahverkehr schmackhaft zu machen, um mehr Dauernutzer zu gewinnen.“ Deshalb stellt das Verkehrsministerium „im Rahmen des Möglichen“, was auch immer das heißt, „bei zu erwartenden Engpässen zusätzliche Züge und Kapazitäten bereit.“ An neuralgischen Stellen sollen Helfer/-innen am Bahnsteig Reisenden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Jede Woche treffen sich zudem während des Aktionszeitraums Expert/-innen zwecks Check der Lage.

Welche Corona-Regeln gelten momentan in Bussen und Bahnen?

Die 3G-Nachweispflicht gilt nicht mehr, aber Fahrgäste müssen in öffentlichen Verkehrsmitteln in Baden-Württemberg eine Maske tragen. Ob Bürger/-innen eine FFP2-Maske bevorzugen oder sie eine medizinische Maske für ausreichend halten, bleibt ihnen selbst überlassen. Wer keine Maske trägt, muss mit einem Bußgeld von mindestens 70 Euro bis 250 Euro rechnen, informiert das Stuttgarter Verkehrsministeriums.

Das Neun-Euro-Ticket gilt bundesweit, weshalb Reisende sich über die Regeln in anderen Bundesländern informieren müssen, sofern sie außerhalb Baden-Württembergs unterwegs sind. Bisher konnte man noch einfach und schnell auf tourismus-wegweiser.de die entsprechenden Infos abrufen, doch zum 1. Juni endet dieser Service – also am besten jetzt noch schnell dort nachschauen.

Kann man mit dem Neun-Euro-Ticket bis Hamburg fahren – oder dauert das dann drei Tage?

Es dauert natürlich länger, weil das Neun-Euro-Ticket in Fernverkehrszügen, also etwa in einem IC, EC oder ICE, nicht gilt. Man kann aber damit in ganz Deutschland Regionalbahnen, den Regionalexpress und den Inter-Regio-Express nutzen. Damit gelangt man problemlos – als Beispiel – von Waiblingen nach Hamburg. Zwölf Stunden dauert die Reise, und es sind fünf Umstiege nötig: Diese Auskunft spuckt die Deutsche Bahn aus für den Reisetag Mittwoch, 1. Juni, Start um 7.05 Uhr in Waiblingen. In Geduld sollte sich üben, wer das wagt: Es reichen kleine Verspätungen, und aus dem Plan wird nichts, weil man Anschlusszüge verpasst. Weiteres Manko: In Regionalzügen kann man keinen Sitzplatz reservieren.

Wo kann man das Neun-Euro-Ticket kaufen?

Mittlerweile gibt es das Ticket an den Fahrkartenautomaten. Nicht vergessen: Name eintragen; das Ticket ist nicht übertragbar. In den Apps VVS Mobil oder SSB Move ist das Ticket ebenfalls bereits verfügbar. Auch via bahn.de oder im DB Navigator kommen Interessierte an das Ticket heran. In einer Reihe von Bussen regionaler Busunternehmen verkaufen die Fahrer/-innen das Ticket ebenfalls jetzt schon (Dannenmann zum Beispiel zählt dazu). In den Reisezentren oder bei den Agenturen der Deutschen Bahn ist das Ticket ebenfalls erhältlich. In den Bussen der SSB wird das Neun-Euro-Ticket nicht verkauft – aber in den SSB-Kundenzentren und an den SSB-Ticketautomaten.

Wer dreimal im Monat von Waiblingen nach Stuttgart mit der S-Bahn fährt, dafür jeweils ein Einzelticket löst und sonst nie Busse und Bahnen nutzt – profitiert bereits vom Neun-Euro-Ticket. Das Ticket ist jetzt schon überall zu haben, gilt vom 1. Juni an – und ist der Kracher. Das gab’s noch nie: Für neun Euro können Fahrgäste sämtliche Regionalzüge, S- und U-Bahnen sowie Busse nutzen – bundesweit. Klingt unglaublich, ist aber wahr: Das Ticket kostet neun Euro, gilt einen ganzen Monat lang,

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