Rems-Murr-Kreis

Mobbing und Streit auf dem Schulhof: Wie Eltern ihren Kindern helfen können

Junge Traurig
Symbolfoto. © pixabay.com

Das Grundschulkind kommt weinend nach Hause. „Der hat mich gehauen.“ „Die hat mich nicht mitspielen lassen.“ Oder: „Alle sind gemein zu mir.“

Solche Konflikte kommen immer wieder vor, berichtet Jürgen Lutz, Fachberater für die Schulsozialarbeit der Waiblinger Grundschulen. Was dann aber manchmal zum wirklichen Problem ausartet, sei die Reaktion der Eltern.

„Ich habe schon erlebt, dass sich Eltern über Whatsapp-Gruppen hochschaukeln und gegenseitig anfeinden, während sich die Kinder schon wieder vertragen haben“, sagt er. „Andererseits gehen viele Nöte von Kindern unter, weil die leisen Zwischentöne im Alltagsstress nicht mehr gehört werden.“

Lutz: „Es ist ganz wichtig, aber leider immer schwieriger für Kinder, zu Hause und in der Schule Erwachsene zu finden, die wirklich auf sie eingehen, ihnen zuhören und versuchen zu verstehen, was sie bewegt.“ Ohne die Situation dabei mit der Erwachsenenbrille betrachtet mit einem „Ist doch nicht so schlimm“ herunterzuspielen oder zu dramatisieren. Auch für die Schulsozialarbeit gelte: Die kindliche Perspektive sei der Maßstab und nicht die Bewertung der Erwachsenen.

Doch elterlicher Stress und Druck führten häufig zu unangemessenen Reaktionen, frei nach dem Motto „Jetzt schau mal, wie ich dich verteidige“. Das wiederum aber sei ein fatales Signal und verhindere, dass Kinder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zur Konfliktlösung entwickeln und diese ausprobieren.

Keine Schuldzuweisungen

„Eltern sollten ihren Kindern vertrauen, aber als Rückhalt verfügbar sein“, sagt Lutz. Möglichst ohne Schuldzuweisung gegenüber dem Kontrahenten. „Der Begriff ‚Mobbing‘ wird beispielsweise inzwischen inflationär gebraucht. Das ist aber überhaupt nicht hilfreich.“

Auch die Kinder, die auf dem Schulhof als Streitschlichter ausgebildet werden, lernten als Erstes: „Wir schauen nicht danach, wer der Schuldige ist, sondern wo es Lösungen geben könnte.“ Zumal wirkliche Mobbing-Situationen häufig sehr komplex seien, häufig keine Ursache mehr auszumachen sei und es vor allem auch darum gehe, „Tätern“ wie „Opfern“ einen Ausweg aus der Situation aufzuzeigen.

Ob das Kind zurückschlagen darf, der ursprüngliche Arbeitstitel des Interviews, sei da die falsche Frage. „Kinder geraten ab und an in Gewaltsituationen – auch auf unseren Pausenhöfen. Das zu verneinen wäre weltfremd. Aber die Überbetonung körperlicher gegenüber verbaler Gewalt führt zu Schwarz-Weiß-Mustern, die nicht helfen, um die eigene Konfliktfähigkeit zu entwickeln“, erklärt Lutz. Es gehe darum, den Kindern für alle Situationen das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben, um Grenzen zu ziehen, sich selbst und andere vor Gewalt zu schützen und kreative Auswege zu finden.

Hauptproblem: Psychische Probleme und mehr Druck 

Aber nein, sagt Lutz, keine Sorge. Aus seiner Sicht habe die Gewalt zumindest an den Waiblinger Grundschulen während der Pandemie nicht spürbar zugenommen. Wohl aber habe der Druck enorm zugenommen. Und darunter litten viele Kinder. „Es gibt immer mehr Kinder mit Ängsten oder psychischen Problemen. Und auch immer mehr Kinder, die sich in der Schule abgehängt fühlen oder die nicht richtig gefördert werden können“, sagt er.

Das sei strukturell bedingt: „Leider stehen auch die Lehrer unter großem Druck und sind zunehmend gefrustet, weil sie den einzelnen Kindern nicht mehr gerecht werden können“, erklärt Lutz. Zu wenig Lehrer, zu wenig Kapazitäten für die Schulsozialarbeit, die eigentlich immer eine offene Tür und ein offenes Ohr bieten möchte, eben nicht nur für die eskalierten Probleme, sondern – Stichwort Vertrauen – für alle Grundschüler. Lutz findet diese Entwicklung fatal. „Damit wir unseren Kindern nicht jede Chance auf Bildungsgerechtigkeit nehmen, müssen wir ordentlich in die Grundschulen investieren, nicht nur in die Ausrüstung, sondern vor allem ins Personal.“

Grundschulen werden kaputtgespart

Andererseits stünden auch Eltern offenbar vermehrt unter enormem Druck, den sie auch an ihre Kinder weitergeben. Stichwort Kind-Optimierung. „Ich habe tatsächlich Grundschüler, die wünschen sich wenigstens einen einzigen freien Nachmittag in der Woche, um sich mit Freunden zu verabreden.“ Dabei bräuchten die meisten Kinder weniger Bespaßung oder Förderung, sondern mehr echten Rückhalt, das heißt zugewandte Ansprechpartner zu Hause und in der Schule und Vertrauen und Zeit. Um ihre Umgebung zunehmend ohne elterliche Kontrolle zu erkunden und Selbstvertrauen und Selbstständigkeit zu entwickeln. Für Lutz ist klar: „Wir müssen endlich etwas ändern - sonst vermasseln wir einigen Kindern ihre Zukunft.“

Das Grundschulkind kommt weinend nach Hause. „Der hat mich gehauen.“ „Die hat mich nicht mitspielen lassen.“ Oder: „Alle sind gemein zu mir.“

Solche Konflikte kommen immer wieder vor, berichtet Jürgen Lutz, Fachberater für die Schulsozialarbeit der Waiblinger Grundschulen. Was dann aber manchmal zum wirklichen Problem ausartet, sei die Reaktion der Eltern.

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„Ich habe schon erlebt, dass sich Eltern über Whatsapp-Gruppen hochschaukeln und gegenseitig anfeinden, während

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