Rems-Murr-Kreis

Motorsägenchamp Stihl stabil: Zuversicht und Gelassenheit trotz Corona-Krise

Kandziora
In Rundum-sorglos-Zeiten neigt er nicht zu Ekstase-Anfällen und in der Corona-Krise nicht zu Panikattacken: Stihl-Vorstandschef Bertram Kandziora ist ein Meister des mittleren Registers. Foto: Stihl © Stihl

Ein Wunder an Abwechslung waren die Stihl-Bilanzpressekonferenzen nie. Jahr für Jahr für Jahr schnurrten sie so ab: Vorne saß ein aller emotionalen Überhitzung abholdes Vorstandsteam, verwendete Vokabeln von durchweg maximal mittlerem Erregungswert – vorzugsweise „zufriedenstellend“ oder „zuversichtlich“ – und trug die üblichen Erfolgsmeldungen mit der immer gleichen Mischung aus leisem Selbstbewusstsein und stilvoller Tiefstapelei vor.

Im April 2020 aber geht weltweit das Coronavirus um, allerorten stöhnt und ächzt es, Rezession droht, Pleitegeier kreisen, das Pressegespräch muss, der Ansteckungsnot geschuldet, als Video-Livestream mit anschließender Telefonkonferenz stattfinden, die Begleitumstände sind diesmal dramatisch anders – und endlich bietet die jährliche Stihl-Show mal Grund zur Verblüffung: Sie läuft nämlich, man staune, atmosphärisch quasi haargenau so gelassen ab wie immer! Wer hätte das gedacht?


Stihl hat Vorräte angelegt - das zahlt sich jetzt aus

Sicher, sagt Vorstandschef Bertram Kandziora, Stihl werde 2020 im Vergleich zu 2019 einen Rückgang der Absätze hinnehmen müssen. Das erste Quartal sei zwar noch gut gelaufen, im zweiten aber werde es anders aussehen. Derzeit verkaufen die Vertriebsgesellschaften und Stihl-Fachhändler rund um die Welt weniger, also werden sie demnächst auch weniger nachbestellen – zeitversetzt kommt die Krise in Waiblingen an.

Aber Kandziora bejammert das nicht mit sorgenumflortem Kummerblick, er referiert es mit derselben Ruhe, mit der er sonst Rekorde runterbetet. Stihl habe in seiner mehr als 90-jährigen Geschichte schon manche wirtschaftliche Verwerfung überstanden und werde „auch diese weltweite Corona-Krise meistern“, da sei er – hallo, die klassische Vokabel: – „zuversichtlich“.

Das Unternehmen habe, erklärt Kandziora, schon früh systematisch „das Netzwerk der Lieferanten“ analysiert; habe abgewogen, in welchen Ländern es möglicherweise bald zu Engpässen kommen könnte; habe deshalb diverse Lieferungen früher bestellt; habe quasi „vorgesorgt“, Material gehamstert; und ist deshalb derzeit immer noch produktionsfähig.

 

Bei Stihl sind weder Kurzarbeit noch staatliche Hilfen nötig

Der Vorstand hat mit dem Betriebsrat zwar eine Vereinbarung unterschriftsreif vorformuliert, um „bereit zu sein“ für den Fall der Fälle – aber „aktuell“, sagt Kandziora, sehe er keinen Bedarf, Kurzarbeit anzumelden.

Nachfrage: Wird Stihl staatliche Hilfen brauchen, um durchs Krisenjahr zu kommen, günstige Kredite zum Beispiel?

„Wir haben nicht vor, derlei in Anspruch zu nehmen“, sagt Kandziora. Finanzvorstand Karl Angler fasst nach: „Das ist im Moment nicht vorgesehen, und in der näheren Zukunft auch nicht“, bei Stihl sei „ausreichend Liquidität vorhanden“. Und Vertriebsvorstand Norbert Pick: Stihl habe auch noch genug Luft, um Fachhändlern, falls sie in Nöte geraten, eine „Verlängerung von Zahlungszielen“ zu gewähren.

„Als Familienunternehmen“, sagt Kandziora, „tragen wir in der Corona-Krise ein hohes Maß an Verantwortung“ gegenüber der Belegschaft. „Dazu gehört auch, dass wir versuchen, Arbeitsplätze zu sichern und, soweit es möglich ist, weiter zu produzieren und unsere mehr als 53 000 Fachhändler“ rund um die Welt zuverlässig zu beliefern.

Mai und Juni könnten schwer werden – danach werde es „wieder bessere Zahlen“ geben, glaubt Bertram Kandziora. Mit einem „gewissen Rückgang aufs Gesamtjahr“ sei zu rechnen, aber das sei „nicht so dramatisch“ und „Stand heute beherrschbar“.

 

Das Erfolgsjahr 2019 bei Stihl im Schnelldurchlauf

Soweit der Ausblick – weil dies aber eine Bilanzpressekonferenz ist, hier noch die Rückblende auf 2019 in vier Kernsätzen:

 

  • Der Umsatz stieg: auf 3,93 Milliarden Euro – plus vier Prozent gegenüber dem Vorjahr.
  • Der Standort Deutschland bleibt stark: Von den 16 722 Stihl-Beschäftigten weltweit arbeiten 5090 im Stammhaus, davon allein 3626 in Waiblingen. Stihl verstehe sich als „Familienunternehmen“, sagt Kandziora, und investiert deshalb „weiterhin stark in den Standort Deutschland“: Im Jahr 2019 flossen 134 Millionen Euro in die Erweiterung des Logistikzentrums in Ludwigsburg, die Aufstockung des Produktionslogistikzentrums in Waiblingen-Neustadt, die Modernisierung des Stammsitzes und den Bau der Stihl-Markenwelt in Waiblingen.
  • Das Geschäft mit Akku-Geräten brummt: Während der Absatz in diesem Segment 2019 stieg, sank die Nachfrage nach Produkten mit Benzin-Antrieb. Akku-Geräte machen mittlerweile 15 Prozent des Gesamt-Absatzvolumens aus.
  • Neuentwicklungen gibt es wie jedes Jahr: aktuell zum Beispiel Akku-Vertikutierer, Akku-Motorsense, Akku-Laubbläser – und im Benzinerbereich die weltweite erste Motorsäge mit Magnesiumkolben. Der leichte Werkstoff ermöglicht ein Leistungsgewicht von weniger als 1,5 Kilogramm pro Kilowatt – bei bis zu 14 000 Umdrehungen pro Minute.

Ein Wunder an Abwechslung waren die Stihl-Bilanzpressekonferenzen nie. Jahr für Jahr für Jahr schnurrten sie so ab: Vorne saß ein aller emotionalen Überhitzung abholdes Vorstandsteam, verwendete Vokabeln von durchweg maximal mittlerem Erregungswert – vorzugsweise „zufriedenstellend“ oder „zuversichtlich“ – und trug die üblichen Erfolgsmeldungen mit der immer gleichen Mischung aus leisem Selbstbewusstsein und stilvoller Tiefstapelei vor.

Im April 2020 aber geht weltweit das Coronavirus

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