Rems-Murr-Kreis

Nachdenken über den ÖPNV nach Corona: Mehr Busse sollen im Viertelstunden-Takt der S-Bahnen fahren

Bahnersatzverkehr
Die Anschlüsse zwischen Bussen und S-Bahnen sollen verbessert werden. © ALEXANDRA PALMIZI

Der Öffentliche Personennahverkehr hängt in den Seilen. Wegen der Corona-Pandemie und den Lockdowns sind die Fahrgastzahlen dramatisch eingebrochen. Dem Verkehrsverbund Stuttgart drohen hohe Verluste; das Landratsamt macht sich Sorgen um die Existenz von Busfirmen, die von der Pleite bedroht sind, weil ihnen Einnahmen aus den Ticketverkäufen fehlen.

Vor diesem düsteren Hintergrund wird derzeit der Nahverkehrsplan für den Rems-Murr-Kreis fortgeschrieben. Der verspricht bei Bussen und Bahnen sonnige Aussichten. So sollen künftig eine Reihe von Bussen im Berufsverkehr ebenfalls im 15-Minuten-Takt fahren und somit bessere Anschlüsse an die S-Bahnen ermöglichen. Die fahren seit Dezember werktags ebenfalls von morgens bis abends durchgängig im Viertelstundentakt.

Fahrpläne der Züge, S-Bahnen und Busse aus einem Guss

Das Land, die Region und die Landkreise teilen sich beim Personennahverkehr die Aufgaben. Das Land sitzt im Führerstand der Regionalzüge, die Region steuert die S-Bahnen und die Landräte sitzen am Steuer der Busse. Die Nahverkehrspläne dienen nicht zuletzt dazu, dass Regionalzüge, S-Bahnen und Busse nicht aneinander vorbeifahren. So ist der 15-Minuten-Takt bei einigen Buslinien eben eine logische Konsequenz aus der Tatsache, dass inzwischen die S-Bahnen im 15-Minuten-Takt unterwegs sind. Damit die Fahrgäste das verbesserte Angebot nutzen können, ist es geradezu zwangsläufig, auch mehr Busse fahren zu lassen. Denn was nutzt die schnellste S-Bahn bis Schorndorf, wenn man dort eine gefühlte Ewigkeit auf den Bus nach Welzheim warten muss.

Diese Verbesserungen sind bei der Fortschreibung des Nahverkehrsplanes bei den Bus-Verkehren geplant:

  • Die „verlässlichen S-Bahn-Zubringer“ sollen künftig nicht nur im Halbstundentakt verkehren, sondern in Hauptverkehrszeiten von 6 bis 8.30 Uhr sowie 16 bis 19.30 Uhr sogar im Viertelstundentakt. Kosten: rund 600 000 Euro pro Jahr.
  • An Samstagen soll auf den verlässlichen S-Bahn-Zubringerkorridoren ein Halbstundentakt gelten. Kosten: rund 200 000 Euro.
  • Bessere Anschlüsse soll es auch zu Regionalzügen geben, so zum Beispiel aus Welzheim und Alfdorf montags bis samstags im Halbstundentakt nach Lorch oder Schorndorf. Kosten: 75 000 Euro. Diese Verbesserung ist der Tatsache geschuldet, dass auch samstags viele Leute unterwegs sind, zum Beispiel zum Einkaufen nach Stuttgart. Generell sieht der VVS noch größere Marktchancen im Freizeitverkehr und will dem Bedarf von Wanderern und Spaziergängern mit einem erhöhten Angebot entgegenkommen.
  • Mehr als 300 000 Euro lässt sich der Rems-Murr-Kreis die Erhöhung des Basisangebotes kosten. Das heißt: Viele kleinere Ortschaften werden häufiger als bisher mit Bussen angefahren.

Die Ruftaxis sollen durch Linienbusse ersetzt werden

Nicht als Verbesserung im eigentlichen Sinn können die Pläne gelten, keine Ruftaxis fahren zu lassen. Und zwar in den Fällen, in denen Ruftaxis das Basisangebot oder die verlässlichen S-Bahn-Zubringer ersetzt haben. „Die Nachfrage von Ruftaxi-Leistungen ist üblicherweise gegenüber Linienbussen immer geringer“, schreibt das Landratsamt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Fahrt eine Stunde vorher bestellt werden muss. Künftig sollen Linienbusse fahren – und zwar bis spät in den Abend.

Die Zukunftspläne für Busse und Bahnen hören sich anbetrachts der aktuellen Lage im ÖPNV geradezu verwegen an. Der Verkehrsverbund Stuttgart rechnet nämlich erst ab dem Jahr 2023 damit, dass sich die Situation wieder normalisiert und die Menschen nach Corona wieder Bus und Bahn fahren.

Eine Erhöhung der Verkehrsnachfrage im öffentlichen Verkehr gilt als ein wesentliches Ziel dieses Nahverkehrsplans. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung passen sich die Fahrpläne an die Interessen vor allem der wachsenden älteren Zielgruppe an. „Vor allem im Freizeitverkehr bestehen noch größere Marktchancen, da die potenziellen Fahrgäste in diesem Nachfragesegment in ihrer Zielwahl vergleichsweise flexibel sind.“ In der Verkehrswissenschaft bestehe weitgehende Einigkeit, „dass kommende Seniorengenerationen ein verändertes Verkehrsverhalten gegenüber den heutigen Senioren praktizieren werden.“ Jedoch seien sie überwiegend an eine freizügige Nutzung von Individualverkehrsmitteln gewöhnt und würden diese Praxis wohl bis in das hohe Alter fortführen.

Ziel ist eine „vollständige Barrierefreiheit“

Umso wichtiger sei es, die Verkehrsinfrastruktur, die Fahrzeuge und die Verkehrsangebote im ÖPNV so zu gestalten, dass eine vollständige Barrierefreiheit erreicht wird. „Das betrifft insbesondere die Zugänglichkeit der Fahrzeuge sowie die Bereitstellung von Informationen zur Nutzung der Angebote.“ Ein barrierefreier ÖPNV komme körperlich und in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen sowie auch älteren Personen, werdenden Müttern, Kindern und Fahrgästen mit kleinen Kindern, Kinderwagen, Fahrrädern oder Traglasten zugute.

Personennahverkehr gibt es nicht zum Nulltarif. Der Rems-Murr-Kreis lässt sich den Bus- und Bahnverkehr jährlich mehr als 28 Millionen Euro kosten. „Wenngleich innerhalb des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart mit rund 55 Prozent ein bundesweit respektabler Kostendeckungsgrad erreicht wird, so bedeutet dies umgekehrt, dass circa 45 Prozent des Aufwands für die Leistungserstellung aus öffentlichen Mitteln gedeckt werden muss“, heißt es im Entwurf des Nahverkehrsplans.

Trotz der leeren Parkplätze an Bahnhöfen und S-Bahn-Haltestellen in Corona-Zeiten plant der Landkreis, die Verknüpfung der unterschiedlichen Verkehrsmittel zu verbessern. „Für private Kraftfahrzeuge und Zweiräder wird hier ein ausreichend bemessenes Parkierungsangebot (P+R, B+R) benötigt.“ Zur Förderung klimaschonender Elektromobilität setze sich der Landkreis dafür ein, dass ein Teil der Stellplätze künftig mit Ladepunkten ausgestattet wird. „Die Bereitstellung von P+R-Stellplätzen an einzelnen Bahnstationen ist jedoch, aufgrund der benötigten Flächen und Zufahrtsmöglichkeiten wie auch aus städtebaulichen Gründen, nicht beliebig steigerbar.“

Busse und Bahnen sind ein Teil des Mobilitätsmix

Im Sinne einer Stärkung eines zum klassischen Individualverkehr alternativen Mobilitätsverhaltens setzt sich der Landkreis generell für eine möglichst weitreichende Verknüpfung des öffentlichen Nahverkehrs mit anderen Mobilitätsformen ein. Außer Fahrzeug-Verleihsystemen seien hierbei zukünftig, sofern ein entsprechendes Angebot im Rems-Murr-Kreis besteht, auch App-basierte Ride-Sharing-/On-Demand-Verkehre zu berücksichtigen. „Diese können, insbesondere im Nahbereich, das System des öffentlichen Nahverkehrs unterstützen und insgesamt attraktiver machen.“ Allerdings sei eine Konkurrenzierung der klassischen Linienverkehre zu vermeiden.

Der Öffentliche Personennahverkehr hängt in den Seilen. Wegen der Corona-Pandemie und den Lockdowns sind die Fahrgastzahlen dramatisch eingebrochen. Dem Verkehrsverbund Stuttgart drohen hohe Verluste; das Landratsamt macht sich Sorgen um die Existenz von Busfirmen, die von der Pleite bedroht sind, weil ihnen Einnahmen aus den Ticketverkäufen fehlen.

Vor diesem düsteren Hintergrund wird derzeit der Nahverkehrsplan für den Rems-Murr-Kreis fortgeschrieben. Der verspricht bei Bussen und

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper