Rems-Murr-Kreis

Nicht mal der versprochene Bonus wird bezahlt: Pflegekräfte demonstrieren vor dem Rems-Murr-Klinikum Winnenden

Demo
Demo vor dem Rems-Murr-Klinikum Winnenden am Mittwochabend (15. Juli) © Alexandra Palmizi

Im Wort „Wertschätzung“ steckt der „Wert“, und in diesem Fall beläuft er sich auf null: Keine Sonderprämie fürs Pflegepersonal in Krankenhäusern will der Bund bezahlen, obwohl ein Bonus versprochen war. Bis zu 1500 Euro Corona-Prämie erhalten Beschäftigte in der Altenpflege; das Krankenhauspersonal geht leer aus. Das Bundesgesundheitsministerium begründet die Entscheidung damit, „dass die Entlohnung in der Altenpflege aktuell noch nicht so hoch ist wie zum Beispiel die Entlohnung von Pflegekräften in Krankenhäusern.“

Am Mittwochabend haben sich Krankenpflegekräfte vorm Winnender Krankenhaus versammelt. Während des Lockdowns wurden sie fleißig mit Beifall bedacht – aber wenn’s ums Geld, bleiben sie buchstäblich im Regen stehen. Verdi hatte zur Demo gerufen.

Auf insgesamt drei Millionen Euro beliefe sich die Sonderprämie für Pflegekräfte an den Rems-Murr-Kliniken Winnenden und Schorndorf, sagt die DGB-Kreisvorsitzende Christa Walz. Ob nicht jemand anders zahlen will – vielleicht der Landkreis?

Der Landkreis wird nicht in die Bresche springen

Landrat Richard Sigel zeigt sich solidarisch mit dem Krankenpflegepersonal – was aber nicht heißt, dass jetzt der Landkreis den Bonus zahlt. Sigel hält es für „unverständlich“, dass der Bund die Pflegekräfte in Kliniken vom Bonus ausnimmt, obwohl sie doch „Schwerstarbeit“ in der Corona-Krise geleistet und sich dazu noch einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt hätten. „Vom Bund erwarte ich, dass beim Tarifvertrag für die Beschäftigten in den Kliniken nachgebessert wird“, heißt es in einer Stellungnahme Sigels: „Wenn man schon keine Prämien für Pflegepersonal in Kliniken zahlen möchte, dann sollte zumindest der Tarifvertrag eine angemessene Entschädigung, beispielsweise für die Tätigkeit auf Infektionsstationen, vorsehen.“

Ohnehin gleicht ein Einmalbonus einem Bonbon: Schmeckt kurz gut und schmilzt dann weg. Auf Dauer höhere Gehälter nutzen mehr, weshalb sich jetzt aller Augen auf die bevorstehende Tarifrunde richten. Natürlich geht’s um mehr Geld, so Christa Walz – und um Arbeitsbedingungen, die „lebbar“ sind, wie es die Gewerkschafterin formuliert: „Ganz viele halten es in der Pflege nur aus, weil sie ihre Arbeitszeit reduziert haben.“ Die Fallpauschalen müssen weg, das Gesundheitswesen braucht eine am Menschen, am Gemeinwohl statt am Profit orientierte Ausrichtung– so fasst Christa Walz die Gewerkschaftsforderungen zusammen.

Intensivpflegekraft ist selbst an Corona erkankt: "Es war viel Angst dabei"

Volkmar Kersten, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender an den Rems-Murr-Kliniken und früher leitende Intensivpflegekraft wünscht sich „definitiv mehr Personal. Und zwar qualifiziertes Personal. Am Bett.“ Er selbst hat sich vermutlich genau dort, am Bett Coronakranker, angesteckt: „So krank war ich noch nie“, sagt Volkmar Kersten. Über 40 Grad Fieber, die ganze Familie natürlich in Quarantäne – und „viel Angst dabei“ im Wissen, „wie schnell es gehen kann“.

Am Mittwochabend demonstrierte Volkmar Kersten zusammen mit rund 60 Gleichgesinnten, darunter vielen Pflegekräften, aber auch Leuten von der IG Metall und aus anderen Branchen, vor dem Rems-Murr-Klinikum in Winnenden. Natürlich geht’s auch ums Geld, um bessere Bezahlung, um die Enttäuschung wegen der nicht ausbezahlten Prämie. Doch als drängendsten Wunsch nennen Demo-Teilnehmer immer wieder: Zeit. Mehr Zeit wünschen sie sich für die Kranken. Krankenhäuser arbeiten aber „profitorientiert“, sagte eine 22-jährige angehende Krankenpflegerin, die in Ludwigsburg arbeitet. Sie spürt’s dauernd an ganz praktischen Dingen: Die Handschuhe seien von schlechterer Qualität, „man zieht sie an und sie reißen gleich.“

Schnelles Entlassen der Patienten führt zu Rattenschwanz an Folgen

„Wir haben uns wie Kanonenfutter gefühlt“, sagt Sabine Diener, Vertrauensfrau bei Verdi. Stress und Überstunden bestimmen den Alltag in den Krankenhäusern; für immer mehr Patienten werde immer weniger Zeit eingeplant. Das spüren auch jene Frauen deutlich, die im Sozialdienst des Winnender Krankenhauses arbeiten und nicht namentlich in der Zeitung genannt sein möchten. Das Fallpauschalen-System prangern sie an: Patienten würden immer schneller entlassen, was einen Rattenschwanz an Folgen nach sich zieht. Sie würden gern im Entlassmanagement für jeden Patienten die bestmögliche Lösung anbieten. Viel zu oft lasse sich aber nur „irgendeine“ Lösung verwirklichen – weil die Mitarbeitenden im Sozialdienst sich um zu viele Fälle gleichzeitig kümmern müssen, weil die Rehas voll sind, weil Pflegeplätze fehlen.

Nichts weniger als einen Systemwandel fordern die Demonstranten, wie auf vielen Plakaten zu lesen war: Der Mensch sollte im Gesundheitswesen im Vordergrund stehen, nicht der Profit, und: „Personalmangel tötet.“

Im Wort „Wertschätzung“ steckt der „Wert“, und in diesem Fall beläuft er sich auf null: Keine Sonderprämie fürs Pflegepersonal in Krankenhäusern will der Bund bezahlen, obwohl ein Bonus versprochen war. Bis zu 1500 Euro Corona-Prämie erhalten Beschäftigte in der Altenpflege; das Krankenhauspersonal geht leer aus. Das Bundesgesundheitsministerium begründet die Entscheidung damit, „dass die Entlohnung in der Altenpflege aktuell noch nicht so hoch ist wie zum Beispiel die Entlohnung von

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