Rems-Murr-Kreis

Nicht nur Schlotterbeck ist schuld! Der ZVW-WM-Stammtisch vor dem Spanien-Spiel

WM-Stammtisch
WM-Stammtisch im Schorndorfer Café Moser mit Stargast Lorenz-Günther Köstner (Dritter von links) und ZVW-Stammtisch-Legende Hans Pöschko (mit Kugelschreiber in der Hand). © ALEXANDRA PALMIZI

Niederlage gegen Japan – wie konnte das passieren? Match gegen die Spanier – wie kann man die stoppen? Schlotterbeck in der Kritik - machen wir es uns damit nicht zu einfach? Der ZVW-Stammtisch beantwortet all diese Fragen mit geballtem Sachverstand. Mit dabei: Lorenz-Günther Köstner, der 1992 als Christoph Daums Co-Trainer Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart wurde.

Wenn ein Spiel 60 Minuten dauern würde, wären wir super

Es hätte vermutlich am WM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen viel zu loben gegeben am deutschen Spiel gegen Japan, wenn die Mannschaft eine ihrer vielen Chancen genutzt und das Spiel 2:0 oder 3:0 gewonnen hätte. Oder wenn sie es wenigstens mal geschafft hätte, durch eine kompakte Mannschaftsleistung ein 1:0 über die Runden zu bringen. (Übrigens ahnte der Stammtisch schon vor dem Japan-Spiel, dass das nicht leicht werden würde ...)

„Hat bis zur 60. Minute bis dahin im Turnier eine Mannschaft so gespielt wie Deutschland?“, fragt denn auch der in Breuningsweiler lebende ehemalige Bundesligaspieler (unter anderem Borussia Mönchengladbach) und Bundesligatrainer (unter anderem 1. FC Köln) Köstner, konstatiert aber gleichzeitig, dass es die deutsche Mannschaft von der 60. Minute an nicht mehr geschafft hat, die Spielkontrolle zu behalten. Wofür es aus Sicht von Klaus Bihlmaier einen einfachen Grund gibt: „Als die Japaner ihre Viererkette aufgelöst und auf eine offensivere Spielweise umgestellt haben, muss die deutsche Bank reagieren - und zwar richtig.“ Was sie nicht getan habe, ganz im Gegenteil: „Die falschen Auswechslungen haben zu einem Bruch im System geführt.“

Die Schlotterbeck-Frage: Eine etwas tiefer gehende Analyse

Ist es also falsch, die deutsche Niederlage allein an den Aussetzern der beiden Dortmunder Verteidiger Süle und Schlotterbeck festzumachen? Ja und nein. Lorenz-Günther Köstner (der übrigens schon öfter am ZVW-Stammtisch saß) analysiert: Am ersten Gegentor ist der für Gündogan eingewechselte Goretzka, der in Strafraumnähe den Zweikampf verweigert hat, genauso schuld wie Niklas Süle, der einfach kein rechter Verteidiger ist. Und beim zweiten Tor, das vor allem dem zuerst mit einem langen Freistoßball überspielten und dann (aus Angst vor einem Elfmeter?) zu zögerlichen Nico Schlotterbeck angelastet wird, „muss der Süle einfach sehen, dass der Rüdiger und der Schlotterbeck auf Abseits spielen“. (Auch andere Fußballexperten aus dem Rems-Murr-Kreis verteidigen übrigens Schlotterbeck.)

Bei alledem dürfe aber auch nicht vergessen werden, dass vor der zu Recht viel gescholtenen deutschen Abwehr die defensive Ordnung im Mittelfeld gefehlt habe – nach Einschätzung von Lorenz-Günther Köstner ein Grundübel im deutschen Spiel. „Diese Abwehrprobleme hatten wir auch schon gegen England und den Oman“, gibt Dietmar Heinle zu bedenken, der einem Niklas Süle glattweg die Spielintelligenz abspricht und in Übereinstimmung mit Jürgen Knappenberger die Frage aufwirft, ob es nicht doch besser gewesen wäre, Mats Hummels mitzunehmen, der zudem als Führungsspieler getaugt hätte.

Wir müssen auch über Hummels, Kimmich und Neuer reden

Joshua Kimmich ist keiner und der Kapitän Manuel Neuer, von dem Volker Ziesel zwischendurch mal ein paar deutliche Worte in Richtung seiner Abwehr erwartet hätte, auch nicht.

Der telefonisch zugeschaltete Axel Schmieg stimmt voll zu: „Natürlich schimpfen jetzt alle auf die Abwehrspieler, aber guckt doch mal auf die, die die Tore nicht gemacht haben.“ Dieser deutschen Mannschaft ist vor dieser WM eine auf vielen Positionen herausragende individuelle Qualität zugeschrieben worden.

Lorenz-Günther Köstner widerspricht nicht, als der Moderator zu bedenken gibt, dass genau das das Problem sein und die Sinne auf der deutschen Bank vernebelt haben könnte. Köstner formuliert es so: Was nützt dir diese individuelle Qualität, wenn sie nicht zum System passt oder wenn Spieler auf Positionen eingesetzt sind, wo sie ihre Qualität nicht optimal zum Tragen bringen können? „Du musst als Trainer Spielern auch mal wehtun können“, sagt der ehemalige Bundesligatrainer Köstner zur stellenweise fragwürdigen deutschen Aufstellung, die nach Einstellung des Moderators auch von Jogi Löw hätte stammen können. Was, so Klaus Bihlmaier, erst recht für die Auswechslungen gelte.

Nicht nur nach vorne denken, sondern auch nach hinten arbeiten

Was bedeutet das alles für das Endspiel gegen Spanien am Sonntagabend?

Es braucht, sagt Köstner, die vor allem auch von Herbert Kiess nicht erst bei dieser WM vermisste und geforderte „Gier“, und zwar nicht nur im Spiel nach vorne, sondern vor allem auch in der Defensive.

Er lasse sich von dem 7:0 der Spanier gegen Costa Rica nicht blenden, betont Köstner, der überzeugt ist, dass die deutsche Mannschaft das Spiel gegen den Angstgegner gewinnen kann, „wenn wir die richtigen Leute auf den richtigen Positionen haben und wenn wir die Lust mitbringen, den Spaniern ihre Lust am Spiel zu nehmen“.

Die wichtigste Voraussetzung dafür: Eine stabilere Abwehr eventuell mit Süle in der Innenverteidigung neben Rüdiger („dort weiß er, was er zu tun hat“) und zwei neuen Außenverteidigern, von denen einer der Freiburger Christian Günter sein könnte, und ein kompaktes Mittelfeld, in dem nicht nur nach vorne gedacht, sondern auch nach hinten gearbeitet wird.

Kimmich sollte nicht überall auf dem Platz herumturnen

„Wer ist bereit, die Fehler des anderen auszubügeln?“, fragt der 70-jährige Köstner und macht deutlich, dass jede gute Mannschaft ungeachtet ihrer individuellen Qualität auch Spieler braucht, die bereit sind, „sich für andere den Arsch aufzureißen“. Anders gesagt: „Es gibt nichts Schöneres für einen Trainer, als wenn du zwei so richtige Drecksäcke auf der Bank hast.“ Adressiert ist diese Botschaft unter anderem an Joshua Kimmich, der aus Köstners und Klaus Bihlmaiers Sicht ein wesentlich wertvollerer Spieler wäre, wenn er nicht überall auf dem Platz herumturnen, sondern sich auf seiner ihm zugedachten Position im defensiven Mittelfeld mehr in den Dienst der Mannschaft stellen würde.

Was andere Positionen angeht, so würde Köstner am Bayern-Urgestein Müller festhalten („von der Einstellung her musst du ihn bringen“), während Klaus Bihlmaier im vorderen Bereich auf Mario Götze und eventuell sogar auf den Bremer Mittelstürmer Füllkrug anstelle des gegen Japan kaum zu sehenden Kai Havertz setzen würde. Und auf Sané anstelle von Gnabry.

Wobei nach Einschätzung von Lorenz-Günther Köstner jede Personalie einem großen Ziel untergeordnet sein muss: „Wir müssen die Spanier mit Kompaktheit bekämpfen und offensiv und defensiv im Block agieren.“

Niederlage gegen Japan – wie konnte das passieren? Match gegen die Spanier – wie kann man die stoppen? Schlotterbeck in der Kritik - machen wir es uns damit nicht zu einfach? Der ZVW-Stammtisch beantwortet all diese Fragen mit geballtem Sachverstand. Mit dabei: Lorenz-Günther Köstner, der 1992 als Christoph Daums Co-Trainer Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart wurde.

Wenn ein Spiel 60 Minuten dauern würde, wären wir super

Es hätte vermutlich am WM-Stammtisch des

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