Rems-Murr-Kreis

Nordostring: Stimmen zu den Tunnel-Plänen

Nordostring Tunnel_0
Symbolbild. © Joachim Mogck

Rems-Murr.
Der Nordostring als Tunnel, vierspurig von Waiblingen bis Kornwestheim, unterm Neckar durch – mit diesem spektakulären Vorschlag hat Dr. Rüdiger Stihl eine Uralt-Debatte ordentlich neu geölt. Charmant: Eine unterirdische Straße würde das ökologisch wertvolle Schmidener Feld nicht zerstören. Uncharmant: Dabei würden nicht nur elf Kilometer Straße, sondern wohl an die 1,2 Milliarden Euro versenkt.

Am Dienstag präsentierte Stihl sein Konzept bei einer Pressekonferenz – am Mittwoch um 8.49 Uhr mailte der grüne Verkehrsexperte Matthias Gastel aus Stuttgart bereits sein fundamentales Widerwort: „Sanierung und Ausbau vorhandener Straßen“ sei in Ordnung, monumentale Neubauten „passen nicht mehr in die heutige Zeit – weder ober- noch unterirdisch“.

Nachmittags legte der grüne Landtagsabgeordnete Willi Halder, Winnenden, nach: „Im wahrsten Sinne des Wortes eine unterirdische Idee“. Die Umsetzung würde Unsummen verschlingen und „über viele Jahre“ die Straßenbauverwaltung binden. „All diese Ressourcen fehlen dann klar an anderer Stelle im Land und auch im Kreis.“ Es sei ein alter Hut, dass „mehr Straßen immer mehr Verkehr anziehen. Die Mobilität muss aus Klimaschutzgründen neu gedacht werden, mit mehr ÖPNV und weniger Kfz-Anteilen im Gesamtverkehrsaufkommen.“

Wir ahnen es: Grün dagegen, Pfeiffer, Hesky, Paal dafür

So weit die erwartbaren Donnerworte dagegen. Andere sind sanfter: Tunnelring? Apart, sagen sie; aber unrealistisch. Sogar manche Ringbefürworter witzeln hinter vorgehaltener Hand resigniert: Der Nordostring sei das „toteste Pferd“, das je gesattelt wurde – der Kadaver lasse sich auch nicht zum Galoppieren bringen, wenn man ihn unter die Erde zu scheuchen versuche.

Führt dieser Tunnel also gar nicht nach Kornwest-, sondern nach Wolkenkuckucksheim? Man kann es auch anders sehen. „Kein einziges Projekt in der ganzen Republik hat einen solch hohen Kosten-Nutzen-Faktor“ wie der Nordostring, sagt der Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer, CDU. Und wenn das Ding nun unterirdisch 1,2 Milliarden schlucken sollte, statt 209 Millionen in der oberirdischen Variante? „Es könnte das Zehnfache kosten wie ursprünglich veranschlagt und wäre immer noch volkswirtschaftlich sinnvoll!“

Beim Bund sei „genug Geld vorhanden, um auch solche Vorhaben zügig anzugehen“, es gebe derzeit in Baden-Württemberg kein einziges Bundesstraßenprojekt, „das an der Finanzierung scheitert“. Ohnmächtig grimmiger Nachsatz: „Sofern der Hermann“ – der grüne Landesverkehrsminister, Vorname Winfried – „die Ausschreibung macht.“ Denn das ist zu Pfeiffers Leidwesen die Aufgabenverteilung: Der Bund zahlt – das Land plant. Theoretisch.

Praktisch denkt Hermanns Ressort bislang gar nicht daran, sondern sitzt den Streit tiefenentspannt aus. Lapidare Antwort am Mittwoch von Hermanns Amtschef Prof. Uwe Lahl auf unsere Zeitungsanfrage, was er von Stihls Vorstoß halte: „Das ist ein neuer, aber auch sehr teurer Vorschlag“; man werde ihn prüfen.

IHK-Präsident Paal: Nicht sofort wieder die Bäume besteigen

Hermann und sein Team wirken in dieser hektischen Debatte so entschleunigt, als hätten sie einen Achtsamkeitskurs bei der AOK besucht. Kein Wunder, sie wissen, dass sie sich jederzeit auf ein starkes Argument zurückziehen können: Warum sollten wir aufs Tempo drücken, solange sich die Anwohner-Kommunen noch nicht mal einig sind, ob sie den Ring überhaupt wollen?!

In Remseck und Waiblingen nämlich gibt es zwar Mehrheiten dafür. Kornwestheim und Stuttgart aber sind dagegen – von Fellbach ganz zu schweigen: Dort, so frotzeln manche mit nachtschwarzem Humor, dürfe man eher den Holocaust leugnen, als sich offen zum Nordostring zu bekennen.

Bevor man sich zum Tunnelkonzept äußere, müsse erst „analysiert werden, auf welcher Datenbasis die Studie erstellt wurde“ und welche Auswirkungen die neue Verkehrsführung für die Landschaft und das bestehende Straßennetz habe: So lautet die schriftliche Stellungnahme aus dem Fellbacher Rathaus. Ähnlich vorsichtig klangen die Diplomaten im Kalten Krieg.

Aber könnte die Tunnel-Idee, die ja immerhin das Schmidener Feld einigermaßen heil lässt, die Fronten nicht doch aufbrechen? Der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky hofft das: Wenn es gelinge, „alle an der Strecke liegenden Kommunen“ auf eine „gemeinsame Haltung“ einzuschwören, seien auch 1,2 Milliarden kein K.o.-Kriterium. Rüdiger Stihls Vorstoß sei „bravourös“, diese Straße „wichtig und notwendig“.

IHK-Präsident Claus Paal sieht das ähnlich: Er rate „allen, nicht sofort wieder die Bäume zu besteigen“, sondern sich auf den Dialog einzulassen.

Joseph Michl hat Einwände, aber spart auch nicht mit Lob

Und Joseph Michl, Frontmann der legendären Ringgegner-Initiative Arge Nordost? Er glaubt zwar weiterhin, dass der Ring noch mehr Fernverkehr „in ein sowieso schon überlastetes Straßennetz“ locken würde. Den Stihl-Vorstoß sieht er dennoch „sehr positiv. Erstmalig wird auch von Industrieseite bestätigt, welchen überragenden Wert die Landschaft hat. Die Industrie sagt: Jawohl, wir dürfen die Landschaft nicht zerstören! Das ist ein ganz gewaltiger Fortschritt.“ In der Broschüre zum „Landschaftsmodell Nordostring“, die Stihl hat erarbeiten lassen, heißt es: Das „Angebot an Natur- und Erholungsflächen“ müsse „selbstverständlicher Bestandteil aller siedlungs- und verkehrsplanerischen Überlegungen sein“. Das, lobt Michl, „hätte auch ich nicht besser schreiben können“.

Der Mann ist halt ein alter Fuchs; er weiß: Wozu schon heute hyperventilieren, wenn morgen und übermorgen sowieso nichts entschieden wird? Denn selbst wenn der Tunnel sich eines Tages als politisch mehrheitsfähig und bezahlbar entpuppen sollte – bis er geplant und gebaut wäre, würde es wohl 2040; plus x. Auch Rüdiger Stihl macht sich da keine Illusionen – er sagte am Dienstag bei der Pressekonferenz: „Ich werd’s sowieso nicht mehr erleben.“

Rems-Murr.
Der Nordostring als Tunnel, vierspurig von Waiblingen bis Kornwestheim, unterm Neckar durch – mit diesem spektakulären Vorschlag hat Dr. Rüdiger Stihl eine Uralt-Debatte ordentlich neu geölt. Charmant: Eine unterirdische Straße würde das ökologisch wertvolle Schmidener Feld nicht zerstören. Uncharmant: Dabei würden nicht nur elf Kilometer Straße, sondern wohl an die 1,2 Milliarden Euro versenkt.

Am Dienstag präsentierte Stihl sein

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper