Rems-Murr-Kreis

Notaufnahme Mutlangen: Kind blutet, Vater aus Alfdorf empört - die Hintergründe

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Für Image und Außenwirkung jeder Klinik ist die Notaufnahme die Schlüsselstation schlechthin. © Alexandra Palmizi

Ein Unding? Oder alles richtig gelaufen? Die folgende Geschichte handelt von einem vor Sorge bebenden Vater aus Alfdorf, seiner vor Schmerz schreienden, aus dem Munde blutenden kleinen Tochter und von der Notaufnahme in der Mutlanger Klinik. Was dort geschah, ist in Teilen strittig. Der Fall, auch wenn es nicht um Leben und Tod ging, verdient eine nähere Aufarbeitung, aus vier Gründen ...

Erstens: Er kreist um die Frage, was Eltern in einer so aufwühlenden Situation zugemutet werden kann - und was nicht.

Zweitens: Er eignet sich, um die Rollenverständnisse der beteiligten Hilfsinstitutionen auszuleuchten - und zu hinterfragen.

Drittens: Er hat eine besondere regionale Komponente. Wenn Menschen im östlichen Rems-Murr-Kreis eine Notaufnahme brauchen, kommt die Klinik in Mutlangen ins Spiel. Von Alfdorf aus sind es bis dorthin etwa acht Kilometer; während Schorndorf und Winnenden 25 beziehungsweise mehr als 30 Kilometer entfernt liegen.

Viertens: Dieser Einzelfall regt dazu an, über grundlegende strukturelle Nöte des klinischen Gesundheitssystems insgesamt nachzudenken.

"Fahren Sie nach Stuttgart": Die Sicht des Vaters

Ein Mittwoch Ende Juni, der 29. gegen 16 Uhr. Das Mädchen, anderthalb Jahre alt, stolperte und biss sich beim Sturz heftig auf die Zunge. Der Vater packte das Kind ins Auto und raste aus Alfdorf nach Mutlangen.

In der Notaufnahme habe ein Arzt erklärt: Die Wunde – ein anderthalb Zentimeter langer Cut in der Zunge – müsse man nähen; gleich. In ein paar Stunden bringe es nichts mehr. Dazu müsse man das Kind „schlafen legen“, betäuben. Was wiege es?

Der Vater wusste es nicht. Man brauche das Gewicht aber zur Berechnung der Narkose, habe der Arzt gesagt. Der Vater antwortete: Es müsse doch irgendwo eine Waage geben, und sei es in der Küche.

Worauf der Arzt verschwunden sei und bei der Rückkehr erklärt habe: Für die Narkose benötige man einen Kinderanästhesisten; es gebe aktuell aber keinen. Deshalb: „Fahren Sie nach Stuttgart ins Olgäle.“

Wenn der Vater seiner schreienden Tochter den Waschlappen aus dem Mund nahm, floss immer noch das Blut heraus. Abgesehen von der Schmerznot des Kindes – könnten Folgeschäden drohen, wenn nicht gleich gehandelt würde? Beeinträchtigungen beim Schmecken, Riechen, Reden?

Er wollte aber nicht selber nach Stuttgart fahren, sich nicht in den spätnachmittäglichen Werktagsverkehr stürzen, womöglich am Kappelberg im Stau hängenbleiben; und was, wenn die Kleine unterwegs einen Schock erlitte? Dass er einen Euro-4-Diesel fährt, kam hinzu; aber das „war mir in dem Moment ehrlich gesagt scheißegal“.

Der Arzt indes habe darauf beharrt, dass der Mann selber nach Stuttgart fahren könne und keinen Krankentransport brauche.

Andere Wartende hätten sich eingemischt: „Das Kind schreit, das Kind blutet!“

Der Vater beschloss: Es reicht. Er rief die 112 an. Integrierte Leitstelle. Ein Team des Roten Kreuzes kam. Nach einigem Hin und Her übernahm das DRK die Fahrt nach Stuttgart. Dort – es war mittlerweile 18.40 Uhr und der Unfall mehr als zweieinhalb Stunden her – habe ein Kinderchirurg im Olgahospital gesagt: Zum Nähen sei es jetzt zu spät. Sein Rat habe gelautet: „Beobachten. Wenn es sich entzündet, kommen Sie sofort wieder direkt zu uns.“

Immerhin, sagt der Vater, der Tochter gehe es „mittlerweile prima“. Ob „Folgen bleiben in Form von Problemen, wenn sie sprechen lernt, oder geschmackstechnisch – das wissen wir nicht.“ Der Arzt am Olgahospital habe gesagt: „Das zeigt die Zeit.“

"Organisation Transport verweigert": Die Sicht des Roten Kreuzes

Ja, heißt es in der schriftlichen Antwort des Roten Kreuzes auf unsere Zeitungsanfrage, die Wagenmannschaft sei über die Rettungsleitstelle alarmiert worden, nicht durch die Klinik. Erst, als die DRK-Leute bereits in Mutlangen waren, hätten sie letztlich doch noch von der Klinik den „Auftrag“ zur Fahrt nach Stuttgart bekommen.

In dem Statement steht noch ein bemerkenswerter Satz: „Die Frage, ob oder ob wir nicht transportieren, hatte sich nie gestellt.“ Das lässt sich eigentlich nur so interpretieren: Die Fahrt zu übernehmen, den Vater nicht allein zu lassen in dieser Lage, scheint aus Sicht des DRK eine Selbstverständlichkeit gewesen zu sein; nichts, worüber man diskutieren müsste.

Es gibt auch ein Einsatzprotokoll des DRK, das uns vorliegt. Darin heißt es: Das schreiende Kind sei „mangels Behandlungsmöglichkeit nach Stuttgart überwiesen“ worden – die Klinik habe den Eltern die „Organisation Transport“ zunächst allerdings „verweigert“.

"Kein akuter Notfall": Die Sicht der Klinik Mutlangen

Wir haben auch bei der Mutlanger Klinik nachgefragt. Dies ist die schriftliche Antwort in voller Länge:

„Der Vater kam am 29. Juni zusammen mit seinem 1,5-jährigen Sohn in die Notaufnahme des Stauferklinikums. Dort wollte zunächst der diensthabende Arzt die verletzte Zunge vor Ort nähen. Nach Rücksprache mit einem Kollegen wurde jedoch entschieden, dass eine Weiterbehandlung in der Kinderchirurgie des Olgahospitals erfolgen soll. Dies hatte nichts mit Personalengpässen zu tun, vielmehr ging es darum, dem Kind die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen. Da es sich um ein anderthalbjähriges Kind handelte, war – auch rückblickend – der Entschluss richtig, an die Kollegen am Olgahospital zu verweisen, die mit der Fachabteilung Kinderchirurgie bei Eingriffen dieser Art die höhere Expertise haben. Unser Team in der Unfallchirurgie am Stauferklinikum hat deshalb Kontakt mit dem Olgahospital aufgenommen. Nachdem auch die Stuttgarter Kollegen empfohlen haben, dass sich die Familie am Olgahospital vorstellt, wurde die Familie gebeten, nach Stuttgart zu fahren. Dies war möglich und auch geboten, da zwar die Wunde geblutet hat, aber kein akuter Notfall vorlag. Warum der Vater nicht mit seinem Kind nach Stuttgart gefahren ist, kann aus unserer Sicht nicht nachvollzogen werden. Nachdem von der Familie die Fahrt nach Stuttgart abgelehnt wurde, haben die Kollegen in der Unfallchirurgie einen Transportschein zur Verbringung ins Olgahospital mittels Krankentransportwagen ausgestellt.“

Es gibt auch dazu ein Dokument: den Bericht der Stauferklinik an den Kinderarzt des Mädchens. Das Schreiben trägt die Überschrift: „Notfallbehandlung“.

Die „klinische Untersuchung“, heißt es darin, habe eine „ca 1,5 cm große Bisswunde an der Zunge“ ergeben, „Zahnstatus intakt, Mundöffnung problemlos, restliche körperliche Untersuchung unauffällig“. Unterm Stichwort „Nachbehandlung“ steht: „Verlegung der Patientin mit KTW [Krankentransportwagen] nach Olgahospital Stuttgart, Kinderchirurgische Ambulanz.“

Im Kleingedruckten steht: „Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass oben genannte Behandlung nur eine Notfallbehandlung mit Durchführung medizinischer Erstmaßnahmen darstellt.“

"Ein Recht auf Transport": Die Sicht eines Kinderarztes

Wie lässt sich all das einordnen? Ein Gespräch mit einem nicht in den Fall involvierten Kinderarzt (dessen Namen wir deshalb an dieser Stelle weglassen) liefert zwei bedenkenswerte Perspektiven.

Erstens: Zungenwunden bei Kleinkindern seien „immer ein Eiertanz“. Selbst für erfahrene Ärzte sei die Abwägung oft schwierig: auf Selbstheilung vertrauen? Oder nähen? Nähen sei „furchtbar aufwendig“, weil in der Regel Narkose nötig sei und „die Nähte oft schlecht halten“. Insofern: Dass Mutlangen an die Stuttgarter Spezialisten verwies, sei „absolut okay“.

Zweitens: Der Kinderarzt sagt, er habe selber schon solche Fälle erlebt. Er frage dann immer die Eltern: „Fühlen Sie sich wohl damit“, selber das Kind nach Stuttgart zu fahren, „trauen Sie sich das zu?“ Falls ja – okay. Wenn er aber den Eindruck gewinne, dass Eltern „lieber nicht selber fahren wollen“, sage er ihnen, dass sie „absolut ein Recht haben, einen Krankentransport zu kriegen“.

"Wir treffen eine gemeinsame Entscheidung": Die Sicht der Rems-Murr-Kliniken

Wir haben auch eine Anfrage an die Rems-Murr-Kliniken gerichtet. Die Pressestelle bittet um „Verständnis, dass wir uns zu konkreten Fällen, deren Sachzusammenhänge wir nicht kennen, nicht äußern können“ – aber „ganz allgemein gesprochen“ könne Prof. Ralf Rauch, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin, eine „Einordnung“ geben.

„Zunächst einmal gibt es keinen Facharzt für Kinderanästhesie, sondern die Versorgung von Kindern erfolgt durch darin erfahrene Ärzte der Anästhesie.“

Im Zweifelsfall komme eine Überweisung ans Olgahospital durchaus infrage. „Das hängt auch von der Befundschwere ab: Ist der Riss oberflächlich oder die Zunge durchtrennt? Kann das ein Unfallchirurg oder benötigen wir Mund-Kiefer-Gesicht-Chirurgen, die hier auf dem Klinik-Campus in Winnenden eine Praxis führen, aber nicht rund um die Uhr verfügbar sind? Zu der genannten Uhrzeit“ – Mittwochnachmittag – „wäre ein MKG-Chirurg verfügbar“.

Im konkreten Fall war die Zunge nicht durchtrennt. Spekulative Vermutung des Reporters: Die Winnender Klinik hätte das wohl eher selber übernommen.

„Grundsätzlich nehmen wir Kontakt mit den spezialisierten Kollegen auf, besprechen den Fall und treffen eine gemeinsame Entscheidung – einschließlich der Eltern. Bei schwerer Blutung und klarer Beeinträchtigung des Kindes würden wir mit Transport verlegen, zumal ein aufgeregter Vater alleine nicht gut fahren und sich gleichzeitig um sein Kind kümmern kann.“

Die Schlüsselstation: Grundsätzliche Gedanken zur Notaufnahme

Eine Notaufnahme ist nicht der Ort für die medizinisch avanciertesten Maßnahmen; wenn es wirklich kompliziert wird, übernehmen die Spezialisten. Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme an den Rems-Murr-Kliniken, hat es einmal so ausgedrückt: Oben in den Abteilungen arbeiten „die Sterneköche. Wir hier unten sind eher die Systemgastronomie“.

Für Image und Außenwirkung eines Krankenhauses aber gibt es kaum eine wichtigere Stelle: In die Notaufnahme kommen Menschen, denen es dreckig geht, viele sind emotional durch den Wind, in Sorge um sich selbst oder ihre Liebsten, die Nerven liegen blank. Und alle zugleich wollen dasselbe: schnelle, verständnisvolle, Kompetenz ausstrahlende, Sicherheit vermittelnde Hilfe.

Das Problem ist im Rems-Murr-Kreis sattsam bekannt: Nachdem 2014 der Winnender Neubau eröffnet worden war, gab es anfänglich heftige Probleme in der Notaufnahme – lange Wartezeiten und chaotische Abläufe an dieser einen Schlüsselstelle färbten aufs ganze Haus ab, untergruben das Vertrauen in die komplette Einrichtung. Erst ein Umbau nebst grundlegender, systematischer Neujustierung der organisatorischen Abläufe brachte die Wende.

So wichtig sie aber sind – zugleich gelten die Notaufnahmen quer durch die Republik als notorisch unterfinanziert: Rund um die Uhr Personal und Diagnostik vorzuhalten, ist teuer; die kargen Vergütungssätze pro ambulantem Patienten aber reichen oft nicht für einen kostendeckenden Betrieb. Und wenn dann bisweilen auch noch Leute in Massen gleichzeitig um Hilfe suchend anströmen – der Vergleich mit der Systemgastronomie passt, es geht manchmal zu wie bei McDonalds –, kann es passieren, dass Ärzte und Pflegekräfte an Grenzen stoßen.

Wie auch immer man den hier vorgestellten Einzelfall bewerten mag – eines lässt sich wohl grundsätzlich sagen: Notaufnahmen sind immer wieder die Orte, an denen Fehlsteuerungen der Krankenhausfinanzierung (mehr dazu hier und hier und hier) explosiv sichtbar werden.

Ein Unding? Oder alles richtig gelaufen? Die folgende Geschichte handelt von einem vor Sorge bebenden Vater aus Alfdorf, seiner vor Schmerz schreienden, aus dem Munde blutenden kleinen Tochter und von der Notaufnahme in der Mutlanger Klinik. Was dort geschah, ist in Teilen strittig. Der Fall, auch wenn es nicht um Leben und Tod ging, verdient eine nähere Aufarbeitung, aus vier Gründen ...

Erstens: Er kreist um die Frage, was Eltern in einer so aufwühlenden Situation zugemutet werden

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