Rems-Murr-Kreis

Obstbäume in Lebensgefahr: Schwarzer Rindenbrand im Rems-Murr-Kreis

Schutz vor Schwarzem Rindenbrand
Julia Goll, FDP-Landtagsabgeordnete, weißelt auf der Obstbaumwiese von Dieter Philipp aus Berglen (ganz rechts), um den Baum vor Sonnenbrand zu schützen. Diethard Fohr (Mitte), Winnender FDP-Gemeinderatsmitglied, engagiert sich ebenfalls für den Schutz der Streuobstwiesen. © privat

Die Streuobstwiesen sind in Gefahr. Den Apfel- und Birnbäumen droht der Pilztod. „Schwarzer Rindenbrand“ heißt der Fiesling, der vom Klimawandel mit seinen Hitzesommern und dem damit einhergehenden Wassermangel profitiert. Mindestens 800 Bäume, wahrscheinlich eher mehr, sind im Rems-Murr-Kreis befallen. Das Thema ist so brisant, dass sogar die FDP-Landtagsabgeordnete und Juristin Julia Goll sich fachfremd baumstammweißelnd auf die Streuobstwiese stellte. Wissenschaftlich kämpft das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg um Erkenntnis und Rettung.

An Sonnenbrandstellen verbrennt die Rinde und platzt auf

Ja, der Farbanstrich, dem sich Julia Goll gewidmet hat, ist schon mal ein guter, weil vorbeugender Ansatz. Denn das Weiß reflektiert die Sonnenstrahlung, die Rinde erhitzt sich in der Sommerglut weniger stark und ist so vor Sonnenbrand geschützt. Noch mal ja, Bäume können tatsächlich Sonnenbrand bekommen: „An Sonnenbrandstellen verbrennt die Rinde, verfärbt sich und platzt auf“, erklärt Julia Zugschwerdt, Fachfrau für Mykologie, also die Wissenschaft über die Pilze, und am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg LTZ in Karlsruhe tätig. Sie sagt: Die Platzwunde „kann als Eintrittspforte für den pilzlichen Schaderreger dienen. Denn die Pilzsporen des Schwarzen Rindenbrands nutzen gerne die Stellen am Baumstamm, die durch Sonnenbrand verletzt und damit geschwächt sind.“

Seit 2003 tritt der Schwarze Rindenbrand im Streuobst auf. Seitdem haben die Fachleute vom LTZ ein Auge auf ihn. „Nach den heißen Sommern 2017/2018 ist der Befall auch stark in Bioerwerbsanlagen aufgefallen“, sagt Julia Zugschwerdt. Die Pilzerkrankung tritt in ganz Baden-Württemberg auf. Ausgenommen seien nur noch Höhenlagen, zum Beispiel auf der Schwäbischen Alb, oder Standorte, die eine ausreichende Wasserversorgung aufweisen, etwa Gebiete in der Bodenseeregion.

Der Schwarze Rindenbrand ist ein Pilz aus der Gattung Diplodia. Die Diplodia-Pilze sind eine Großfamilie. Bekannt und gerade so gefürchtet ist der „Diplodia pinea“, der bei Kiefern dafür sorgt, dass die Triebe absterben. Kernobst wird von mehreren, üblicherweise nicht näher spezifizierten Diplodia-Varianten befallen, was mit „spp.“ – species pluralis – bezeichnet wird.

Die Diplodia-Pilze, sagt Julia Zugschwerdt, seien „ wärmeliebende Schwächeparasiten“ – Bäume mit verbrannter Rinde, großem Durst und womöglich noch Nährstoffmangel haben keine Chance. Die Rinde verfärbt sich an den befallenen Stellen schwarz und blättert irgendwann ab. Schreitet die Infektion voran, bilden sich warzige Strukturen auf der scheinbar noch gesunden Rinde, die irgendwann aufreißt. Aus diesen offenen Warzen kommen dann die schwarzen Fruchtkörper des Pilzes, die ihre Sporen bei der passenden Gelegenheit weiterverteilen. Gemeinerweise geschieht das mittels Wassertröpfchen. Das heißt, der Erreger greift genau dann auf weitere Bäume über, wenn die Natur endlich das bekommt, nach was sie dürstet: Regen.

Nicht jeder befallene Baum muss sofort gefällt werden

Dennoch müssen befallene Bäume nicht immer gefällt werden. Julia Zugschwerdt rät dazu, wenn auf einer Fläche nur ein einzelner Baum krank ist und die restlichen Kernobstbäume gesund sind. Auch wenn ein Baum schon am Absterben ist, sollte er weg. Aber: Sind die Stämme der Nachbarbäume gesund und ohne Wunde, kann der Pilz sie nicht befallen.

Das Holz des gefällten Baumes muss auch nicht unbedingt sofort entsorgt werden. Wenn der Lagerplatz weit genug von Kernobstbäumen entfernt sei, sagt Julia Zugschwerdt, könne es problemlos fürs winterliche Feuer im Kamin aufbewahrt werden.

Das LTZ beobachtet die Entwicklung der Pilzplage bei Weiler zum Stein auf insgesamt neun Obstbaumwiesen: Rindenproben werden genommen und auf Diplodia hin untersucht. Untersucht wird auch, welche Sorten besonders anfällig oder widerstandsfähig sind, an welchen Standorten die Bäume stehen und wie der Standort bewirtschaftet wird.

Auch Baumbesitzer werden gebeten, bei der Forschung mitzuhelfen: Erhebungsbögen für Baumwiesenbesitzer und Erwerbsobstbauern fragen ab, ob der Baum am Hang steht, in welche Himmelsrichtung dieser zeigt, wie’s mit der Wasserversorgung aussieht, welche Sorten befallen sind, wie oft die Bäume ausgeschnitten werden und so weiter. Auch Rindenproben sollen eingeschickt werden.

Das LTZ braucht Daten von Obstbaumwiesen

Von den baden-württemberg-weit 160 eingegangenen Fragebögen sind etwa 30 aus dem Rems-Murr-Kreis. Das LTZ würde sich sehr über noch mehr Proben und Daten freuen. Denn: Ein Medikament, also ein Pflanzenschutzmittel gegen die Krankheit gibt es nicht. Die Forscher können aber mit möglichst vielen Daten erkennen, unter welchen Bedingungen der Pilz die geringsten Chancen hat und welche Obstsorten nicht so anfällig sind.

Die Streuobstwiesen sind in Gefahr. Den Apfel- und Birnbäumen droht der Pilztod. „Schwarzer Rindenbrand“ heißt der Fiesling, der vom Klimawandel mit seinen Hitzesommern und dem damit einhergehenden Wassermangel profitiert. Mindestens 800 Bäume, wahrscheinlich eher mehr, sind im Rems-Murr-Kreis befallen. Das Thema ist so brisant, dass sogar die FDP-Landtagsabgeordnete und Juristin Julia Goll sich fachfremd baumstammweißelnd auf die Streuobstwiese stellte. Wissenschaftlich kämpft das

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