Rems-Murr-Kreis

Ok, Boomer? O weh, Boomer! Der Rems-Murr-Kreis überaltert - das sind die Folgen

Roboter
Wer soll die ganze Arbeit machen, wenn die Baby-Boomer in Ruhestand gehen? Nur mit Robotern wird es nicht funktionieren. © Pixabay CCO/Gerd Altmann

Erderhitzung? Problem! Energiekrise? Problem! Putin dreht den Gashahn zu? Problem! Aber wir haben noch eines im Rems-Murr-Kreis und in ganz Deutschland, genauer gesagt: mehrere; den demografischen Wandel und seine Folgen. Klingt vergleichsweise harmlos? Nun ja. Wenden wir uns der Kraft der Zahlen zu. Oder sagen wir eher: der Gewalt der Zahlen. Sie offenbaren: Dieses Problem verschärft sich jetzt erst so richtig ...

Ade, Boomer: Eine gefährliche Schere geht auf

Daten des Statistischen Landesamtes: Im Jahr 2021 gab es im Rems-Murr-Kreis knapp 36 000 Menschen im Alter von sechs bis unter 15 Jahren. Wir können davon ausgehen, dass ein guter Teil von ihnen – wenngleich bei weitem nicht alle – in zehn Jahren, 2031 also, berufstätig sein und damit die Arbeitsgesellschaft mittragen wird.

Im Jahr 2021 gab es im Kreis rund 66 500 Menschen im Alter von 55 bis unter 65 Jahren: Das ist das Reservoir der Menschen, die in nächster Zeit und bis 2031 – oder auch zwei Jahre später, wenn jemand wirklich bis 67 arbeitet – in Rente oder Pension gehen.

Viele Menschen nähern sich dem Arbeitsleben, aber viel mehr Menschen nähern sich dem Ruhestand: Das ist die Perspektive des Rems-Murr-Kreises.

Wer sind eigentlich diese Boomer? Und warum werden sie uns fehlen?

Die Babyboomer-Jahrgänge, 1955 bis 1970, waren sehr geburtenstark. Damals kamen in der Bundesrepublik bis zu 1,4 Millionen Kinder pro Jahr zur Welt, danach pendelte sich der Wert unter 800.000 ein.

Man müsste also, um eine vollständige Bilanz der näheren Zukunft aufzumachen, der obigen Rechnung auch noch die Zahl der restlichen Boomer-Jahrgänge hinzufügen: Weitere 33 400 Leute im Rems-Murr-Kreis sind heute zwischen 50 und 55 Jahren. Heute unter sechs sind nur knapp 25 800. Die Schere zwischen Zu- und Abgängen auf dem Arbeitsmarkt klafft noch weiter auf.

Die Babyboomer prägen derzeit das Wirtschaftsleben. Sie selber sehen sich als Leistungsträger – die Jüngeren hingegen spötteln, wenn ihnen mal wieder ein Mittfünfziger die Welt erklärt: „Ok, Boomer.“ Wie auch immer man die Babyboomer aber bewerten will, ob als Macher oder als Besserwisser – bald sind sie im Ruhestand. O weh, Boomer!

(Mehr zu den Boomern im Kontext mit Corona auch hier.)

Rente mit 70?! Diese Debatte nimmt jetzt Fahrt auf

Auf der Homepage des Statistischen Landesamtes findet sich ein interessanter Artikel – „Im statistischen Porträt: Der Rems-Murr-Kreis“ von Simone Ballreich. Es heißt darin: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Kreis lag im Jahr 2000 bei etwa 40, im Jahr 2020 bei 44,4 und dürfte bis 2035 auf 46 steigen. Die Altersstruktur verschiebt sich „zugunsten der älteren und zulasten der jüngeren Bevölkerungsgruppen“.

Für diese Entwicklung gibt es einen Kampfbegriff – aber er taugt, wenn man den polemischen Unterton ignoriert, auch als ganz sachliche Beschreibung, worauf wir zusteuern: auf die „Rentnerrepublik“.

Wenn wir derzeit von Fachkräftemangel reden – und dass der eine Realität ist, können viele Personaler quer durch die Branchen bestätigen –, müssen wir ergänzen: Er fängt gerade erst an. (Ein paar aktuelle Beispiele für Personalmangel hier und hier.)

Die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre war demnach keine Schikane, sondern basierte auf simpler Mathematik. Und es ist auch kein Wunder, dass das Wirtschaftsvertretern schon wieder nicht genügt.

Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, erklärte dieser Tage: „Stufenweise werden wir auf das Renteneintrittsalter von 70 Jahren hochgehen müssen – auch weil das Lebensalter immer weiter steigt.“ Sonst sei das System mittelfristig nicht mehr finanzierbar.

Rechnerisch ist das nachvollziehbar; einleuchtend ist aber auch die Kritik, die umgehend laut wurde.

Rente mit 70?! Der Protest formiert sich

In einem Brief an unsere Zeitung schrieb die Waiblingerin Christel Unger: „Vom Schreibtisch aus kann man das gerne fordern. Fragt sich nur, wie das mit Berufen vereinbar ist, welche auch schwere andere Arbeiten ausführen müssen.“ Man möge sich schon mal darauf einstellen, künftig „dem Kaminkehrer und Handwerker“ die „Gehhilfe zu tragen“.

Und Petra Weber aus Rudersberg schrieb uns: Wie solle „ein Straßenbauer, Maurer“, wie solle „Pflegepersonal bis 70 arbeiten“? Das Ganze laufe darauf hinaus, „mit Abschlag in Rente zu gehen. Altersarmut ist vorprogrammiert. Warum wird dieses antiquierte Rentensystem nicht endlich reformiert? Jeder zahlt in die Rentenkasse ein, so wie es in anderen Ländern auch gemacht wird. Dann würde jeder eine Rente erhalten, von der man im Alter würdig leben kann.“

Auch DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel erklärte, Wolfs Vorstoß sei „nichts anderes als eine Rentenkürzung mit Ansage“. Viele Beschäftigte hielten schon heute nicht mehr gesund bis zum Ruhestand durch.

Ob Wolf hier oder Unger, Weber, DGB da: Irgendwie haben sie alle recht.

Vollautomatisch? Eine Lösung, die vorerst keine ist

Manche glauben, es gebe einen Ausweg – und kleiden die Lösung in eine Art erfreuliches Horrorszenario.

„Die neue industrielle Revolution wird alles auf den Kopf stellen“, sagte 2017 der Wirtschaftsbuchautor Matthias Weik bei einer Veranstaltung des Zeitungsverlages Waiblingen: Fabriken in China, die einst mit 15 000 Mitarbeitern produzierten, schaffen heute dasselbe mit einem Zehntel des Personals plus Maschinen. Wände, die wir heute mauern, kommen übermorgen aus dem 3-D-Drucker. Noch scannt eine Supermarktkassiererin die Warenpreise ein: wie altmodisch. Und wozu noch Lkw-Fahrer, wenn die Lastwagen künftig alleine fahren? Weik prognostizierte: Bis 2035 oder 2040 könnten 50 bis 75 Prozent aller derzeitigen Arbeitsplätze wegfallen. „Es wird jede Branche treffen, wirklich jede.“

Nun gut, neue Jobs könnten entstehen. Aber so viele wie bisher? Schon heute sind wir „gegenüber unseren Großeltern ein Stück weit alle arbeitslos“, sagte seinerzeit der ebenfalls an der Podiumsdiskussion teilnehmende Drogeriemarkt-Guru Götz Werner, Jahrgang 1944. „Als ich anfing, galt noch die 45-Stunden-Woche.“ Laut Wirtschaftshistorikern hätten sich die Arbeitsstunden pro Kopf seit 1900 halbiert.

Werner folgerte kühn: „Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien! Aufgabe der Wirtschaft ist es, paradiesische Zustände herzustellen. Nicht Arbeitsplätze zu schaffen, sondern Arbeitsplätze abzuschaffen. Damit die Menschen endlich machen, was sie wollen, statt machen zu müssen, was sie sollen.“

Dank Automatisierung, Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Robotern werden wir künftig mit weniger Menschen mehr produzieren – und dann bekommen alle: ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Schöne neue Welt. Nur: Kurz- und mittelfristig sieht es überhaupt nicht danach aus. Zur näheren Zukunft gehört eben doch der Arbeitskräftemangel, am schärfsten dort, wo Maschinen und Software ihre Grenzen haben: bei der Pflege. Wie will man Zuwendung und Empathie mal eben schnell automatisieren?

Der Brennpunkt: Pflege-Notstand

Von einem „Desaster mit Ansage“ schrieb neulich in dieser Zeitung ein Kollege; er war in Alfdorf in der Kreistagssitzung gewesen.

Dort wurde der neue „Kreispflegeplan“ vorgestellt. Eine Kernaussage: Bis 2035 werden an Rems und Murr rund 1700 Plätze in der vollstationären Pflege fehlen. Man müsste nicht nur die nötigen Gebäude hochziehen, man bräuchte auch das Personal, das darin wirkt. Weil es daran aber absehbar klemmt, rücken Investoren bereits von ihren Bauplänen ab.

Was tun? Die Antworten der Kreisräte erschöpften sich größtenteils in Sätzen wie diesem: „Guter Rat ist teuer.“

Die Engpässe wirken sich auch auf die Rems-Murr-Kliniken aus. Der abgetretene Geschäftsführer Dr. Marc Nickel hat zum Abschied darauf hingewiesen, dass im Jahr 2021 in Winnenden und Schorndorf zusammen täglich im Schnitt 90 Krankenhausbetten mit Patienten belegt waren, die man, medizinisch betrachtet, hätte entlassen können; nur fand sich keine Anschlussunterbringung in einer Pflegeeinrichtung.

Das lag zum Teil zwar an Corona, weil Pflegeheime bis zu drei negative PCR-Tests in Folge verlangten, bevor sie jemanden aufnahmen – aber wenn die Pandemie mal endgültig vorbei ist, wird der demografische Wandel weiter Fahrt aufnehmen.

Sollte Deutschland ein Zuwanderungsland sein? Das ist wirklich eine alberne Frage. Von der Gastronomie bis zur Pflege – vielerorts ginge nicht mehr viel ohne Neuankömmlinge aus anderen Ländern. Schon längst schalten deutsche Krankenhäuser teure Agenturen ein, die bei Werbefeldzügen in Südosteuropa nach Pflegepersonal fahnden.

Ideen - damit wir nicht nur Trübsal blasen

Dieser Artikel enthält kaum Antworten. Er ist zunächst vor allem eine Problembeschreibung. Zwei erste Anregungen zum Weiterdenken hätten wir aber schon einmal anzubieten.

An Rems und Murr unterstützt die Landkreis-Verwaltung 15 „Quartiersentwicklungen“. Quartiere – was ist denn das nun schon wieder für ein Modewort?

„Quartiere“ könnten eine „Keimzelle des gemeinschaftlichen Lebens“ werden, heißt es im Kreispflegeplan – Orte, an denen aktive Bürgerbeteiligung gelebt wird, inklusives Denken und Handeln; lebendige Wohn- und Lebenswelten, nicht bloße Schlafburgen.

Wenn Ältere und Jüngere sich dort zu einer „sorgenden Gemeinschaft“ zusammenfinden, in möglichst barrierefreien Anlagen, dann könnten alle profitieren. Ältere helfen den Jüngeren bei der Kinderbetreuung, Jüngere den Älteren beim Einkaufen. Das professionelle Pflegesystem würde entlastet.

Im Grunde beschreibt die Idee des „Quartiers“ auf topmodernem Niveau etwas Ähnliches wie das, was einst selbstverständlich war: Damals nannte man es „Großfamilie“. Nur würde das Zusammengehörigkeitsgefühl im Quartier eben nicht mehr zwingend auf Blutsverwandtschaft gründen. Wir stehen hier erst am Anfang. Aber die Idee klingt vielversprechend.

Interessante Gedanken hat neulich auch Alfred Weinzierl im Magazin „Der Spiegel“ beigesteuert. „Schon jetzt“, schrieb er, „bräche vielerorts das Leben in Teilen zusammen, wenn Landärztinnen, Handwerker oder Schulbusfahrer nicht über ihr Renteneintrittsalter hinaus arbeiten würden“ – aber „an Ruhestand im traditionellen Sinn sind viele der neuen Alten“ doch auch gar „nicht interessiert, vor allem die Höherqualifizierten nicht“.

Rentner heute, schreibt Weinzierl, „sind im Schnitt viel fitter“, sind „gebildeter und finanziell unabhängiger als ihre Vorgänger vor 30 oder 50 Jahren. Der Gesundheitszustand einer heute 65-jährigen Person entspricht etwa dem einer 55-jährigen im Jahr 1970.“ Viele wollen noch arbeiten, ob bezahlt oder ehrenamtlich: „Nachbarschaftshilfe, bürgerliches Engagement, innerfamiliärer Einsatz.“

Und warum nicht dem Bauarbeiter, der 40 Jahre hart malocht hat, einen frühen Ruhestand gönnen? Und Schreibtischmenschen die Weiterarbeit bis 70 und länger – nein, nicht zumuten, sondern erlauben?

Wir werden die hier angerissenen Themen in den nächsten Monaten näher zu beleuchten versuchen; vielleicht tun sich bei der Recherche noch weitere konkrete Lösungsansätze auf. Gerne können Sie uns Ihre Gedanken dazu – Anregungen, Bedenken, Lob und Kritik – auch schreiben: an peter.schwarz@zvw.de.

Erderhitzung? Problem! Energiekrise? Problem! Putin dreht den Gashahn zu? Problem! Aber wir haben noch eines im Rems-Murr-Kreis und in ganz Deutschland, genauer gesagt: mehrere; den demografischen Wandel und seine Folgen. Klingt vergleichsweise harmlos? Nun ja. Wenden wir uns der Kraft der Zahlen zu. Oder sagen wir eher: der Gewalt der Zahlen. Sie offenbaren: Dieses Problem verschärft sich jetzt erst so richtig ...

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