Rems-Murr-Kreis

Omikron nur noch wie Grippe? Fünf Thesen zur geplanten Corona-Impfpflicht

Coronavirus
Die Omikron-Krise verläuft bislang harmlos – nun steht sogar der Grippe-Vergleich im Raum. Und die Impfpflicht gerät unter Begründungsdruck. © Pixabay

Omikron verläuft bislang harmlos – dieses Faktum dürfen wir, wenn wir über eine allgemeine Impfpflicht diskutieren, nicht außer Acht lassen. Ist mittlerweile gar ein Vergleich mit der Grippe angebracht? Fünf Thesen zur aktuellen Lage, bewusst zugespitzt formuliert; Gegenargumente bitte senden an peter.schwarz@zvw.de.

These 1: Omikron ist eher harmlos

Die Zahl klingt ungeheuerlich: Im neuen Jahr sind allein bis zum 28. Januar im Rems-Murr-Kreis sage und schreibe fast 12 500 Infektionen diagnostiziert worden. Die zeitversetzten Folgen dieser Riesenwelle müssten nach allem, was wir aus früheren Phasen der Pandemie kennen, längst in den Rems-Murr-Kliniken angekommen sein. Dort aber ist nichts davon zu spüren: Die Zahl der Covid-Patienten liegt seit Mitte Januar stabil zwischen 25 und 34. Aktuell: 31. Und derzeit müssen nur zwei der Betroffenen intensivmedizinisch versorgt werden.

Nun kann man zwar einwenden: Allein seit dem 29. Januar sind noch einmal mehr als 6100 Infektionen hinzugekommen. Sollten sich in dieser Gruppe schwere Verläufe häufen, würde das in den Kliniken erst Mitte Februar richtig sichtbar.

Aber: Es riecht momentan nicht danach. Denn besonders anfällig für Krankheitszuspitzungen sind ältere Menschen – doch am 4. Februar waren mehr als 36 Prozent aller aufgrund einer aktuellen Infektion isolierten Menschen im Kreis 20 Jahre und jünger; und weitere 56 Prozent 21 bis 60 Jahre alt. Nur 6,5 Prozent gehörten zur Gruppe 61 bis 80; und nur gut ein Prozent war über 80.

Folgerung: Bisher ist die Omikronwelle harmlos verlaufen, und mit einer Eskalation ist auch künftig nicht zu rechnen.

These 2: Grippevergleiche sind erlaubt

Allein im Dezember 2020 und Januar 2021, den schlimmsten beiden Monaten der zweiten Welle, waren im Rems-Murr-Kreis 154 Todesfälle zu beklagen; und das, obwohl damals binnen gar drei Monaten, von Anfang November bis Ende Januar, nur knapp 7800 Infektionen diagnostiziert wurden (ausgesprochen wenige im Vergleich zum Januar 2022). Corona mit Influenza gleichzusetzen, war damals krass unangemessen, eine totale Verkennung der Gefahr. Die Mortalität nach Ansteckung dürfte seinerzeit bei etwa zwei Prozent gelegen haben; erschütternd viel.

Die Omikron-Situation aber hat damit kaum noch etwas zu tun. Die neue Virusvariante wirkt milder; und auf diesen Effekt sattelt sich der hohe Impfschutz, den viele Menschen mittlerweile zum Glück haben.

Der Vergleich mit einer heftig grassierenden Influenzawelle darf nun kein Tabu mehr sein. Im gesamten Jahr 2022 wurden im Rems-Murr-Kreis bislang 23 Todesfälle nach Infektion verzeichnet; so beklagenswert und schmerzlich jeder Verlust eines Menschenlebens ist – rein statistisch betrachtet, dürfte das in keiner Übersterblichkeitsstatistik zu einem wahrnehmbaren Ausschlag führen. Den 23 Todesfällen aber sind im Januar fast 18 600 Infektionen entgegenzuhalten – die Mortalität nach Ansteckung dürfte mittlerweile bei etwa 0,1 Prozent liegen: Das geht tatsächlich in Richtung Grippe-Niveau.

These 3: Öffnungen bald sinnvoll

Aktuelle Inzidenz im Rems-Murr-Kreis: 1436; es ist, Stand 4. Februar 2022, noch zu früh, um Lockerungen zu beschließen.

Aber das Ende der Omikron-Krise ist so nahe, dass die Politik bereits jetzt dringend darüber nachdenken sollte, welche Regel-Milderungen ab März greifen könnten, falls die Infektionslage sich weiterhin so entwickelt, wie zu erwarten ist.

Blicken wir in die Glaskugel: nach Bremen. Die Inzidenz im Stadtstaat erreichte am 26. Januar einen Wert von fast 1600 – mittlerweile liegt sie aber wieder bei etwas über 1300. Es sieht fast so aus, als sei dort der Gipfel der Omikronwelle bereits überschritten. Begonnen hatte sie in Bremen etwas früher als bei uns: Direkt nach Weihnachten gingen die Zahlen steil hoch.

Das erlaubt den Schuss: Mitte Februar könnte auch bei uns der Gipfel erklommen sein. In dieselbe Richtung weisen aktuelle Modellierungen des Robert-Koch-Instituts für ganz Deutschland.

These 4: Die Impfpflicht wird fragwürdig

Um die Omikron-Welle abzuwehren, wäre eine allgemeine Impfpflicht unverhältnismäßig gewesen. Begründung:

  • Erstens ist die Impfquote ja bereits beachtlich: Aktuell liegt sie deutschlandweit bei 74,3 Prozent, wobei das RKI eine Untererfassung von bis zu fünf Prozentpunkten annimmt; womit wir de facto schon nahe an der 80er-Marke liegen könnten.
  • Zweitens: Selbst eine noch höhere Impfquote hätte das Omikron-Ansteckungsgeschehen nicht verhindert; das hat das Beispiel Dänemark gelehrt (Inzidenz bis zu 5000 trotz einer Impfquote von etwa 81 Prozent). Die Vakzine sind schlicht nicht geeignet, die Infektionsdynamik zu unterbinden.
  • Drittens: Von einer Überlastung der Intensivstationen kann in der Omikronkrise nicht die Rede sein. Und auch die Belastung der Normalstationen dürfte, selbst wenn sie in den nächsten zwei, drei Wochen noch einmal deutlich steigt, handhabbar bleiben.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Impfung war der Game-Changer! Sie hat enorm viele Menschenleben gerettet und die Regeln der Pandemie neu definiert. Nur: Für eine allgemeine Impfpflicht haben die letzten Wochen kein Argument geliefert.

Und im Herbst? Wird die Lage noch einmal heikel? Oder haben wir das Schlimmste hinter uns? Das wissen wir schlicht nicht. Machen wir uns nichts vor: Im Februar 2021 hatten wir vom weiteren Verlauf der Pandemie keinen blassen Schimmer.

Deshalb mutet es etwas kühn an, bereits jetzt quasi auf Vorrat und Verdacht für den Herbst 2022 eine verfassungsrechtlich zumindest nicht ganz unumstrittene Maßnahme festzuzurren. Prognose: Zumindest zum ganz großen Wurf – Impfpflicht für alle Volljährigen – wird der Bundestag sich vorerst nicht durchringen.

These 5: Omikron rauscht überall durch

Das hat manche aufgewühlt – und Querdenker wiesen triumphal darauf hin: Sachsen habe die niedrigste Impfquote und die niedrigste Omikron-Inzidenz; Bremen habe die höchste Impfquote und die höchste Omikron-Inzidenz. In der Tat – Momentaufnahme vom 14. Januar: Inzidenz Bremen 1427; Inzidenz Sachsen 225.

Aber Omikron geht überall um. Während in Bremen die Inzidenz mittlerweile gefallen ist auf 1322, ist sie in Sachsen gestiegen auf 859. Früher oder später kommt Omikron in ganz Deutschland an. Die derzeit noch offene Frage ist nur, ob es in Sachsen aufgrund der schlechten Impfquote zu mehr schweren Verläufen kommen wird, oder ob auch dort die Folgen überschaubar bleiben.

Omikron ist allgegenwärtig – auch im Rems-Murr-Kreis: In allen Städten und Gemeinden ist die Infektionsdynamik hoch. In früheren Wellen gab es immer Oasen mit auffällig geringem Ansteckungsgeschehen und Hotspots mit herausstechend hohen Zahlen. Derzeit aber ist das Bild recht homogen – für alle Kommunen im Kreis gilt: Pro 1000 Einwohner sind zwischen 12 und 24 Menschen aufgrund einer Ansteckung in Isolation.

Am geringsten belastet: Burgstetten, Kirchberg und Spiegelberg mit einer Akut-Infektionsrate von je etwa 1,2 Prozent. Die höchsten Akut-Infektionsraten:

  • Rudersberg: 2,4 Prozent
  • Murrhardt: 2,2 Prozent
  • Sulzbach: 2,2 Prozent

Omikron verläuft bislang harmlos – dieses Faktum dürfen wir, wenn wir über eine allgemeine Impfpflicht diskutieren, nicht außer Acht lassen. Ist mittlerweile gar ein Vergleich mit der Grippe angebracht? Fünf Thesen zur aktuellen Lage, bewusst zugespitzt formuliert; Gegenargumente bitte senden an peter.schwarz@zvw.de.

These 1: Omikron ist eher harmlos

Die Zahl klingt ungeheuerlich: Im neuen Jahr sind allein bis zum 28. Januar im Rems-Murr-Kreis sage und schreibe

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