Rems-Murr-Kreis

Omikron Rems-Murr: Brauchen wir Impfpflicht und Schulschließungen - oder nicht?

Covid Impfung
Was lässt sich aus der Omikron-Lage mit Blick auf die Impfpflicht-Debatte ableiten? © Gabriel Habermann

Inzidenz im Rems-Murr-Kreis am 31. Januar: 1324. Angesichts der hohen Omikron-Infektionszahlen werden vereinzelt wieder Rufe nach Schulschließungen laut; und auch die Debatte um die allgemeine Impfpflicht gärt weiter. Was ist davon zu halten? Versuch einer Bestandsaufnahme.

Frage 1: Wie schlimm ist Omikron? Oder eher wie harmlos?

Die neue Virusvariante ist zwar sehr ansteckend, aber – vor allem, wenn sie auf eine Gesellschaft mit hoher Impfquote trifft – eher harmlos: Das zeigen Daten aus dem Vereinigten Königreich, wo die Omikron-Welle bereits wieder abklingt.

Zwischen Mitte Dezember 2021 und Mitte Januar wurde dort die enorme Zahl von etwa 4,1 Millionen Infektionen verzeichnet. Dem müssen wir die Zahl der Todesfälle im gesamten Januar entgegenhalten (denn schwere Verläufe häufen sich immer erst mit etwa zwei Wochen Verzögerung): rund 7100. Die Sterblichkeit nach Infektion lag demnach bei deutlich unter 0,2 Prozent. Wenn wir dazu von einer beträchtlichen Dunkelziffer nicht erkannter, symptomloser Infektionen ausgehen, dürfte ein Schätzwert von eher 0,1 wohl auch nicht allzu falsch sein.

Ähnlich ist das Bild im Rems-Murr-Kreis. Zwischen dem 15. Dezember 2021 und dem 15. Januar 2022 waren zwar binnen eines einzigen Monats rund 6400 Infektionen zu verzeichnen – dem stehen im gesamten Januar aber nur 20 Todesfälle gegenüber.

Im Winter 2020/21 sah das noch vollkommen anders aus. Damals gab es binnen zwei Monaten – Dezember 2020 und Januar 2021 – nur rund 4800 Infektionen; aber in der Folge von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Februar 2021 insgesamt 130 Todesfälle!

Frage 2: Lässt sich absehen, wie es weitergeht?

Seit Mitte Januar sind im Rems-Murr-Kreis bereits wieder mehr als 10.000 weitere Infektionen aufgelaufen, die Dynamik sprengt alle bisherigen Maßstäbe – und die Folgen werden wir erst Mitte Februar ermessen können. Wir wissen auch nicht genau, wie lange die Welle noch weiter steigt, bis sie bricht. Stand 31. Januar, lag die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis bei 1324.

Eins aber ist Fakt: Noch immer ist in den Rems-Murr-Kliniken eher wenig von Omikron zu bemerken. Derzeit liegen nur drei Covid-Patienten auf Intensiv. Anfang Dezember waren es 26. Die Zahl der mittelschweren Fälle – stationär, aber nicht intensivmedizinisch behandlungsbedürftig – steigt neuerdings zwar wieder; aktuell: 31. Aber Ende November waren es 66.

Mittlerweile liegt die vorsichtige Prognose nahe: Auch wenn die nächsten Wochen wohl noch einmal schwierig werden - mit einem erneuten Ausnahmezustand in den Rems-Murr-Kliniken müssen wir eher nicht rechnen. Vor diesem Hintergrund müssen wir die Streitthemen Impfpflicht und Schulschließungen diskutieren.

Frage 3: Impfpflicht ja oder nein?

Eine Binsenweisheit vorweg: Es ginge bei einer allgemeinen Impfpflicht nicht um die Bekämpfung der Omikronwand; so eine Maßnahme könnte allenfalls gegen eine weitere Welle im Herbst 2022 helfen.

Aber wie wuchtig oder wie überschaubar wird diese Herbstwelle werden? Mit was für einem Virus werden wir es zu tun haben – wird es ansteckender als Omikron sein oder weniger verbreitungsfreudig, gefährlicher oder harmloser? Wie gut oder wie schlecht werden die bis Herbst angepassten oder neu entwickelten Impfstoffe wirken? Wie stark wird derzeit die Grundimmunität in der Gesellschaft ertüchtigt durch die vielen symptomarmen Omikron-Ansteckungen? All das wissen wir momentan nicht.

Derzeit sind in Deutschland etwa 74 Prozent der Menschen doppelt geimpft; rund 84 Prozent der Volljährigen; und gar 88 Prozent der Gruppe Ü  60. Geboostert: 53 Prozent insgesamt, 62 Prozent der Erwachsenen, 74 Prozent bei der Ü 60. Wie hoch wird in den nächsten Wochen und Monaten auch ohne Pflicht die Quote noch steigen? Auch das wissen wir nicht.

Es tut sich derzeit ja durchaus noch was: Allein in den vergangenen sieben Tagen erhielten in Deutschland gut 1,8 Millionen Menschen ihren Booster; und immerhin 217 000 Leute, die lange gezaudert hatten, rangen sich binnen einer Woche endlich zur Erstimpfung durch.

Wie schwankend aber darf unser Wissensgrund sein, um eine so einschneidende Maßnahme wie die allgemeine Impfpflicht durchzusetzen? Um die Beantwortung dieser Frage wird sich der Bundestag nicht herumdrücken können.

Frage 4: Schulschließungen ja oder nein?

Kinder und Jugendliche sind derzeit krass vom Infektionsgeschehen betroffen. Vergangene Woche befanden sich im Rems-Murr-Kreis rund 6100 Menschen wegen einer Infektion in Isolation – etwa 2300 von ihnen waren höchstens 20 Jahre alt; und das, obwohl im Kreis weniger als 87 000 Menschen zu dieser Altersgruppe gehören! Die Inzidenz U 20 dürfte damit etwa bei 2500 liegen. Müsste man die jungen Leute also nicht schützen, indem man sie aus der Schule nach Hause schickt? Dem stehen zwei wichtige Aussagen gegenüber.

Erstens: Derzeit würden pro Tag etwa ein bis zwei Kinder mit akuter Infektion in den Rems-Murr-Kliniken behandelt, die Verläufe seien meist eher mild. Das sagt Ralf Rauch, Chef der Winnender Kinderklinik. Der grundlegende Omikron-Befund – hochansteckend, aber weniger gefährlich – scheint sich hier also zu bestätigen.

Zweitens: Dr. Ursula Marhauser, Kinderärztin aus Stuttgart, hat dieser Tage im Interview mit unserer Zeitung noch einmal auf die vielbeschriebenen Folgen hingewiesen, die Schulschließungen bislang hatten: Übergewicht, Depressionen, Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsrückschritte, Lernverzögerungen. Und Kinder weniger betuchter Eltern sind in ihren Lernchancen besonders stark beeinträchtigt, wenn ihnen nichts als Home-Schooling bleibt. Marhauser sagt: „Die Auswirkungen eines erneuten Lockdowns auf Gesundheit und Psyche der Kinder wären sicher gravierender als das Risiko einer Infektion mit Omikron.“

Gegenargument: Wenn das Virus derart allgegenwärtig wäre, dass der Schulbetrieb zum permanenten Stop and Go würde – rein in die Iso, raus aus der Iso, rein in die Iso –, dann drängte sich schon die Frage auf, ob es womöglich doch für alle besser wäre, eine gewisse Zeit ganz auszusteigen.

Nur geben das die Zahlen für den Rems-Murr-Kreis nicht her. An den 173 Schulen im Kreis gibt es Tausende von Klassen; 42 von ihnen befanden sich vergangene Woche aufgrund größerer Ausbruchsgeschehen in Quarantäne. Damit lässt sich eine Schulschließung für alle nicht begründen.

Inzidenz im Rems-Murr-Kreis am 31. Januar: 1324. Angesichts der hohen Omikron-Infektionszahlen werden vereinzelt wieder Rufe nach Schulschließungen laut; und auch die Debatte um die allgemeine Impfpflicht gärt weiter. Was ist davon zu halten? Versuch einer Bestandsaufnahme.

Frage 1: Wie schlimm ist Omikron? Oder eher wie harmlos?

Die neue Virusvariante ist zwar sehr ansteckend, aber – vor allem, wenn sie auf eine Gesellschaft mit hoher Impfquote trifft – eher

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