Rems-Murr-Kreis

Pöbelei und Belästigung in der S-Bahn: Was tun als Opfer oder als Zeuge?

SBahnsicherheit
Über diese Sprechstelle können Fahrgäste mit der Person Kontakt aufnehmen, welche die S-Bahn steuert. © Gaby Schneider

Sie hatten nur gut gelaunt ein frohes neues Jahr wünschen wollen. Statt einer netten Antwort folgten Schläge und Beleidigungen. Der Vorfall hat sich laut Bundespolizei in einer S-Bahn der Linie 3 Richtung Winnenden zugetragen, als das neue Jahr gerade mal eine halbe Stunde alt war. Betroffen waren eine 22-Jährige und ihr 18-jähriger Begleiter.

Wer in den Pressemeldungen der Bundespolizei stöbert, stößt naturgemäß auf eine Vielzahl von unschönen Nachrichten, denn wenn alles glatt läuft, was meistens der Fall ist, wird das nicht separat vermeldet. Ob man sich in S-Bahnen und Zügen sicher fühlen kann oder nicht – diese Frage lässt sich nur ganz individuell beantworten. Laut einem Bahnsprecher bewerten die Fahrgäste jedenfalls seit 2019 die Sicherheit bei der S-Bahn Stuttgart gleichbleibend mit der Note „Gut“. Allerdings waren die S-Bahnen 2020 und 2021 coronabedingt auch nicht durchgehend so voll wie sonst.

Betrunkener pöbelt - und wird geschlagen

Nicht ohne Zwischenfälle verlaufen ist jedenfalls die Fahrt einer S 2 von Stuttgart nach Schorndorf am Abend des 4. Januar. Ein betrunkener 40-Jähriger – der Mann wies laut Polizei einen Blutalkoholgehalt von fast zwei Promille auf – hatte laut Pressemeldung der Bundespolizei permanent eine Gruppe von fünf Mitreisenden beschimpft. Einer Person aus der Gruppe wurde es zu bunt: Wer der Mann war, der den Betrunkenen mit der Faust ins Gesicht schlug, ist noch unklar. Der 40-Jährige zeigte sich hernach gar nicht gegen seinen Peiniger, sondern gegen die Polizei aggressiv, spuckte den Einsatzkräften vor die Füße und trat gegen deren Beine.

Mitreisender hilft Frau - und kassiert Faustschlag

Ein weiterer Fall, der die Frage nach richtigem Verhalten von Zeugen ganz besonders in den Fokus rückt, hat sich gegen 2 Uhr in der Nacht auf den 24. Dezember an der S-Bahn-Haltestelle Stuttgart-Stadtmitte abgespielt. Eine 27-Jährige war laut Polizei auf dem Heimweg von der Arbeit gewesen und hatte auf die S-Bahn gewartet. Ein Mann stellte ihr nach, positionierte sich vor ihr und starrte sie an, heißt es in der Mitteilung der Polizei. Ein Unbeteiligter kam der Frau zu Hilfe, forderte den Belästiger auf zu gehen – und kassierte vom mutmaßlichen Täter einen Faustschlag ins Gesicht.

Den Ermittlungen zufolge hatte der Belästiger der Frau schon ein paar Wochen lang nachgestellt. Er war zuvor bereits mehrfach wegen Gewaltdelikten aufgefallen und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt war. MIttlerweile befindet sich der Mann in Haft. Dem Helfer sei Dank, möchte man sagen. Doch wer möchte es Mitreisenden verdenken, die sich lieber heraushalten, um nicht selbst attackiert zu werden. Deshalb:

Wie verhält man sich richtig, wenn man in der S-Bahn Zeuge oder Zeugin eines Vorfalls wird?

Unbedingt einen Notruf absetzen und nicht wegschauen, so eine Sprecherin der Bundespolizeiinspektion Stuttgart in ihrer Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung: „Wir fordern die Zeugen ebenfalls auf, sich mit anderen Reisenden zu verbünden und so gemeinsam den Betroffenen zu Hilfe zu eilen.“ Allerdings sei, warnt die Sprecherin, „körperliches Einschreiten nur dann angezeigt, wenn man eine Selbstgefährdung ausschließen kann“.

Und wenn es zu gefährlich wäre, direkt einzuschreiten?

„Es gibt auch viele andere Wege, den Betroffenen zu helfen“, so die Sprecherin: Wer sich später als Zeuge oder Zeugin zur Verfügung stellt und im besten Fall sogar eine Personenbeschreibung abgeben kann, wird der Polizei damit sehr helfen, also: möglichst genau hinschauen und sich einprägen, wie der Täter aussieht, welche Kleidung er trägt und dergleichen. Immer gilt aber der Grundsatz, betont die Sprecherin: „Helfen nur dann, wenn man sich selbst nicht gefährdet.“

Wenn man selbst in der S-Bahn angepöbelt, bedroht oder belästigt wird – was tun?

Laut sein! Damit schafft man Öffentlichkeit, macht andere auf die Situation aufmerksam. Allerdings sollte man, so die Sprecherin, den Täter nicht beleidigen, ihm nicht drohen oder gar eine körperliche Konfrontation provozieren. Besser und den Erfahrungen der Polizei zufolge wirklich hilfreich sei es, andere Personen ganz konkret anzusprechen, etwa mit Worten wie diesen: „Ich werde bedroht. Sie, mit der schwarzen Jacke. Helfen Sie mir. Rufen Sie die Polizei!“

Was hat es mit den Sprechanlagen neben den Türen in der S-Bahn auf sich?

Drückt man den Knopf an einer dieser Sprechstellen, meldet sich die Person, die den Zug steuert. Der Triebfahrzeugführer oder die -führerin kann sofort die Rettungskette auslösen, das heißt, je nachdem, um welche Art Notfall es sich handelt, einen Rettungswagen anfordern oder die Polizei rufen oder beides.

In welchen Fällen kann man die Notbremse ziehen?

„Die Notbremse ist nur im äußersten Notfall zu benutzen, wenngleich sich dies nicht pauschal beantworten lässt und vom konkreten Einzelfall und der jeweiligen Strecke abhängt“, so die Sprecherin der Bundespolizei: „Ein Brand im Zug wäre sicherlich solch ein Szenario.“

Kommt es in letzter Zeit häufiger zu Vorfällen in S-Bahnen und Zügen oder ist das ein falscher Eindruck?

Die Statistik fürs Jahr 2022 liegt noch nicht vor. Einschätzungen ohne konkrete Fallzahlen gibt die Polizei nicht ab. Was aber zugenommen hat, sind „Tatgelegenheiten“, und das aus einem ganz einfachen Grund: Es sind wieder sehr viel mehr Menschen unterwegs, seit die Coronamaßnahmen nach und nach weggefallen sind.

Ein Bahnsprecher bestätigt, dass es alle Beteiligten 2022 mit mehr „Konfliktpotenzial“ zu tun hatten, was natürlich mit dem Zuwachs der Zahl Reisender zusammenhängt. Als man ab Juni bis August 2022 für neun Euro im Monat kreuz und quer durch die Republik reisen konnte, ging’s richtig hoch her auf den Bahnsteigen – nicht unbedingt zur Freude all jener, die berufsbedingt mit Zugverkehr zu tun haben.

Mit Blick aufs Konfliktpotenzial verweist der Bahnsprecher ferner auf Verstöße gegen die Maskenpflicht, welchen man zwar mit freundlichen Hinweisen begegnen kann – doch ob’s nützt ...

Eine bestimmte Gruppe nennt der Bahnsprecher im Zusammenhang mit Konfliktpotenzial sogar separat: Fußballfans.

Welche Regeln gelten für die Videoüberwachung?

In allen Fahrzeugen der S-Bahn Stuttgart sind Videokameras angebracht, darauf weist der Bahnsprecher hin. Ferner seien „große Bereiche aller S-Bahn-Stationen der Region Stuttgart mit Videokameras ausgestattet“. Datenträger mit Aufnahmen aus der S-Bahn und an Bahnhöfen stellt die Bahn laut dem Sprecher nur der Bundespolizei für polizeiliche Ermittlungen zur Verfügung. Nur die Polizei dürfe die Datenträger einsehen und auswerten.

Wer kümmert sich um die Sicherheit in den Bahnen?

Besonders abends sind in den S-Bahnen Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn unterwegs. „Der Verband Region Stuttgart als Aufgabenträger der S-Bahn unterstützt dabei mit der Finanzierung zusätzlicher Doppelstreifen seit 2021“, so der Bahnsprecher.

Unterwegs sind ferner sowohl uniformierte als auch zivile Streifen der Bundespolizei, informiert die Polizeisprecherin. Zusammen mit der Landespolizei und dem Zoll sei die Bundespolizei regelmäßig zusätzlich im Einsatz. An Brennpunkten und zu Schwerpunktzeiten zeige die Polizei erhöhte Präsenz.

Sie hatten nur gut gelaunt ein frohes neues Jahr wünschen wollen. Statt einer netten Antwort folgten Schläge und Beleidigungen. Der Vorfall hat sich laut Bundespolizei in einer S-Bahn der Linie 3 Richtung Winnenden zugetragen, als das neue Jahr gerade mal eine halbe Stunde alt war. Betroffen waren eine 22-Jährige und ihr 18-jähriger Begleiter.

Wer in den Pressemeldungen der Bundespolizei stöbert, stößt naturgemäß auf eine Vielzahl von unschönen Nachrichten, denn wenn alles glatt

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