Rems-Murr-Kreis

Partnergewalt kommt in allen sozialen Schichten vor: Die Polizei kann helfen

Silke Gutting
Polizeihauptkommissarin Silke Gutting. © Benjamin Büttner

Gewalt in einer Beziehung muss nicht deren Ende bedeuten. Ein Neustart kann gelingen. Oder ein Ende muss sein. Silke Gutting kann das nicht entscheiden, und sie kann die Probleme nicht lösen. Aber sie hört zu, und sie kennt sämtliche Hilfen. Es sind viele.

Die Polizeihauptkommissarin scheut sich nicht, eine Frau direkt zu begleiten zur Beratungsstelle. Sind die Eindrücke noch frisch, ist die Bereitschaft größer, sich helfen zu lassen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr verwischt die Sicht auf die Dinge. „War doch nicht so schlimm. Kommt bestimmt nicht wieder vor.“

Kinder sind sehr feinfühlig und erspüren jede Stimmung

Doch, es war schlimm. Und die Kinder haben alles mitbekommen, auch wenn die Tür zum Kinderzimmer geschlossen war und die Eltern dachten, die Kleinen schlafen. „Sie sind so feinfühlig und sensibel, sie kriegen jede Stimmung mit“, sagt Silke Gutting. Wird die Polizei zu einem Fall häuslicher Gewalt gerufen und leben Kinder im betreffenden Haushalt, folgt automatisch eine Meldung ans Jugendamt. Die Polizisten werden noch vor Ort um die Erlaubnis bitten, den Kinderkrisendienst und andere Beratungsstellen informieren zu dürfen. Dann wird sich jemand zeitnah melden und Hilfe anbieten.

Das muss Silke Gutting aushalten: Sie kann die Hand reichen, Hilfen vermitteln, reden, reden, reden – doch ob Betroffene handeln, hat sie nicht in der Hand.

Die Polizei kann einem Täter sofort die Schlüssel abnehmen

Vor Ort darf die Polizei intervenieren. Sie kann einem Täter sofort die Schlüssel abnehmen und ihn aus der Wohnung verweisen, und zwar auch dann, wenn ihm die Wohnung gehört oder er der Mieter ist. Zunächst vier Tage lang darf der Betreffende nicht zurückkehren. Die Ortspolizeibehörde kann den Zeitraum auf 14 Tage ausdehnen. Danach ist das Familiengericht zuständig. Ein Richter kann ein Kontakt- und Annäherungsverbot aussprechen. Bis zu sechs Monate kann eine Frau die Wohnung für sich und ihre Kinder beanspruchen, und sollte der Täter in dieser Zeit auch nur eine Whatsapp schreiben, begeht er eine Straftat. Um einen solchen Beschluss zu erwirken, braucht es nicht mal die Polizei: Betroffene, selbstverständlich auch Männer, die aber sehr viel seltener häusliche Gewalt erleben, können von sich aus zum Amtsgericht gehen und ihren Fall schildern. Dafür braucht’s keinen Rechtsanwalt, und es entstehen keine Kosten, betont Silke Gutting. Ein Kontakt- und Annäherungsverbot verschafft den Frauen Zeit, sich klarzuwerden, wie es weitergehen kann.

In ihren Gesprächen mit den Beteiligten klärt Silke Gutting über sämtliche Hilfen auf. Sie spricht mit beiden getrennt, und sie nimmt eine erste Risikoeinschätzung vor. Eine zentrale Stelle bei der Kripo wacht über alle Fälle von häuslicher Gewalt und leitet Schutzmaßnahmen in die Wege, sofern die Ampel auf Gelb oder Rot steht. In extremen Fällen muss eine Frau an einem geheimen Ort mit anderer Identität ein neues Leben beginnen.

Gewalt in Beziehungen ist „ein Teil unserer Gesellschaft“

Gewalt in der Partnerschaft kommt in allen sozialen Schichten vor. „Das ist leider ein Teil unserer Gesellschaft“, sagt Silke Gutting. Manche Frauen sitzen viele Male bei ihr im Büro – und entscheiden sich dennoch immer wieder für einen Strafantragsverzicht. Eine Anzeige bleibt trotzdem bestehen, die Staatsanwaltschaft wird den Fall weiterverfolgen, und ein Täter kann trotz dieses Verzichts bestraft werden – muss aber nicht.

Es gibt viele Gründe, weshalb es in Partnerschaften zu Gewalt kommt. Alkohol spielt häufig eine Rolle, Geldsorgen lösen Existenzängste aus, oder Beteiligte haben in ihrer Herkunftsfamilie selbst Gewalt erlebt und gelernt, Konflikten mit Schlägen zu begegnen. Aus Scham versuchen Betroffene oft lange Zeit, die Probleme geheim zu halten. Bis ein Streit derart eskaliert, dass Nachbarn den Notruf wählen. Sie sollten sich nicht scheuen, das auch zu tun, sagt Silke Gutting.

"Es gibt so viele Hilfsangebote"

Vor Ort „schlichten wir den Streit. Und wir hören zu“, so die Polizeihauptkommissarin. Hat sich die Situation beruhigt, beginnt bereits die Beratung, welche weiteren Schritte möglich sind. „Es gibt so viele Hilfsangebote“, betont Silke Gutting, und in den Gesprächen mit den Frauen und mit den Tätern rät sie dringend, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich. Die Polizistin hat es mit Männern zu tun, die sich wutentbrannt eine Einmischung in ihre Angelegenheiten verbitten – und mit solchen, die sich schämen für ihr Verhalten. Hin und wieder melden sich Paare Monate nach einem Vorfall bei ihr und bedanken sich.

In den allermeisten Fällen erfährt Silke Gutting allerdings nicht, wie sich die Sache weiterentwickelt hat. „Ich komme nicht an alle ran“, dessen ist sich die Polizeibeamtin bewusst. Doch wird sie in den Gesprächen immer versuchen, Vertrauen zu schaffen, einen guten Draht zu den Betroffenen aufzubauen, und jede erdenkliche Möglichkeit aufzeigen, wie sich die Dinge zum Guten wenden ließen. Fälle von häuslicher Gewalt „sind keine 08/15-Fälle. Man muss Zeit aufbringen – und Fingerspitzengefühl.“

„In diesem Bereich können wir noch was bewirken“

Bereits seit acht Jahren kümmert sich Silke Gutting um diesen Bereich. Als die 41-Jährige im Mai die Leitung des Polizeipostens Weinstadt übernahm, war für sie klar, sie wird weiterhin dieses Feld beackern. „Mir liegt das Thema ganz arg am Herzen“, sagt sie: „In diesem Bereich können wir noch was bewirken. Und wir haben immer nur ein Ziel: zu helfen.“

Gewalt in einer Beziehung muss nicht deren Ende bedeuten. Ein Neustart kann gelingen. Oder ein Ende muss sein. Silke Gutting kann das nicht entscheiden, und sie kann die Probleme nicht lösen. Aber sie hört zu, und sie kennt sämtliche Hilfen. Es sind viele.

Die Polizeihauptkommissarin scheut sich nicht, eine Frau direkt zu begleiten zur Beratungsstelle. Sind die Eindrücke noch frisch, ist die Bereitschaft größer, sich helfen zu lassen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr verwischt die

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