Rems-Murr-Kreis

Personalmangel in Kitas im Rems-Murr-Kreis: Sind ungelernte Kräfte eine Lösung?

Gretel-Nusser-Kinderhaus
Kita-Plätze werden immer gefragter, der Erzieher-Beruf immer unbeliebter. © ALEXANDRA PALMIZI

Der Fachkräftemangel in den Tageseinrichtungen für Kinder spitzt sich weiter zu, kürzlich warnte der Gemeindetag Baden-Württemberg, dass bis 2030 bis zu 40.000 Erzieherinnen und Erzieher im Land fehlen werden. Die Landesregierung hat Maßnahmen versprochen. Unter anderem soll Werbung für den Beruf gemacht werden und Quereinsteiger sollen ausgebildet werden. Eine weitere Möglichkeit sei, Hilfskräfte zuzulassen, die keine ausgebildeten Erzieherinnen oder Erzieher sind. Details würden noch bis Mai in Arbeitsgruppen diskutiert, sagte der für Kitas zuständige Staatssekretär Volker Schebesta. Ist das die Lösung des Problems?

Nein, glaubt Julia Taler (Name geändert). Weil sie ihren Arbeitgeber nicht in ein schlechtes Licht rücken möchte, will die studierte Kindheitspädagogin anonym bleiben. Schweigen aber könne sie nicht mehr. „Ich wollte immer im Kindergarten arbeiten. Doch die Einrichtungen werden mehr und mehr zu einem bloßen Aufbewahrungsort. Was ich im Studium über Psychologie und pädagogisches Handeln gelernt habe, kann ich nicht umsetzen.“ Den Kindern Lernangebote zu machen oder Elterngespräche zu führen, werde zur Nebensache.

Allein mit 24 Kindern und einer Aushilfe

Die Realität sehe so aus, dass sie manchmal mit 24 Kindern und einer Aushilfskraft alleine sei. In der Pflicht seien nicht die Träger, sondern die Politik. Immer wieder würden neue Kitas gebaut, die dann aber nicht oder nur teilweise genutzt werden könnten, weil es nicht genug Erzieher gebe.

Corona habe die Situation verschärft. Nicht nur seien durch die Pandemie zusätzliche Aufgaben für die Fachkräfte entstanden, auch fehlten durch Quarantäneregeln noch mehr Erzieher oder seien durch die zusätzlichen Arbeitsbelastungen so geschwächt, dass sie wegen anderer Krankheiten ausfielen. Nach zwei Jahren im Beruf zieht Julia Taler ein bitteres Fazit: „Ich würde heute einen anderen Beruf wählen und im Büro arbeiten, obwohl ich die Arbeit mit Kindern eigentlich liebe.“

Auch Anke Rüdiger (Name geändert) möchte anonym bleiben. Sie ist seit mehr als 20 Jahren Erzieherin aus Leidenschaft. Doch nun will sie nicht mehr. „Ich arbeite an Plan B, mache auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur.“Das liegt nicht am Gehalt, sondern an den Arbeitsbedingungen. Die Corona-Pandemie habe schon länger bestehende Probleme ans Licht gebracht. „Durch die Kohortenbildung war es nicht mehr möglich, dass eine Fachkraft einfach in einer anderen Gruppe einspringt“, nennt sie ein Beispiel. Das kennzeichne den Alltag in Kitas: Das Personal sei ständig knapp, offene Stellen könnten häufig über lange Zeit nicht besetzt werden. Für Vor- und Nachbereitung bleibe keine Zeit und häufig auch nicht dafür, auf die Bedürfnisse einzelner Kinder so einzugehen, wie es nötig wäre.

In den vergangenen Jahren seien immer neue Aufgaben hinzugekommen, etwa längere Öffnungszeiten und das Mittagessen. Auch kämen die Kinder immer jünger in die Kita und verbrächten mehr Zeit am Tag dort. Ungelernte Fachkräfte seien kein Weg aus der Krise. Wichtig wäre stattdessen, die Ausbildung anders zu strukturieren und angehende Erzieherinnen vor allem zu bezahlen, findet Anke Rüdiger. Denn die beiden zur Ausbildung gehörenden Fachschuljahre seien ohne Verdienst.

„Quereinsteiger werden die Qualität einschränken“

Eine Ausbildungsoffensive aller Träger hat die Stadt Schorndorf kürzlich gestartet, sagt der Erste Bürgermeister Thorsten Englert. Denn: „Der Fachkräftemangel ist bereits in Schorndorf angekommen.“ Wie viele Fachkräfte in Schorndorf fehlen werden, könne nicht beziffert werden. Es werde aber vor allem beim Personal Engpässe geben, Neubauten habe die Stadt immer auf den Weg gebracht und dabei auch die Bevölkerungsentwicklung bedacht. „Quereinsteiger werden die Qualität einschränken. Dabei wird die Frage sein, wie lange diesen Personen ein Einstieg ermöglicht wird“, sagt Englert.

„Dauerhaft muss für das Erreichen der Bildungsziele ausgebildetes Personal in die Kitas“, ergänzt Oberbürgermeister Bernd Hornikel. „Dafür muss das Land jedoch auch die finanzielle Ausstattung der Kommunen verbessern und nicht immer mit neuen Aufgaben und Standards die Belastung der Kommunen erhöhen.“

Gute Erfahrungen mit Unterstützungskräften in Waiblingen

Auch Freia Rausch, stellvertretende Leiterin der Abteilung Kindertageseinrichtungen bei der Stadt Waiblingen, sieht die Politik in der Pflicht. Es müssten mehr Ausbildungs- und Studienplätze und vor allem neue Quereinsteigermodelle geschaffen werden. Denn der Fachkräftemangel macht sich auch in Waiblingen bei allen Trägern zunehmend bemerkbar. „Die klassische Erzieherausbildung ist weniger gefragt, gleichzeitig steigt die Nachfrage an Kita-Plätzen, insbesondere nach Ganztagesplätzen“, sagt Rausch. „Für die Ausbauten der kommenden Jahre werden circa 70 Vollzeit-Fachkräfte benötigt.“

Das Thema Ausbildung sei die wesentliche Stellschraube, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Möglichkeit, Quereinsteiger auszubilden, begrüßt Rausch grundsätzlich. „Seit Beginn der Corona-Pandemie wurden in den städtischen Kindertageseinrichtungen Unterstützungskräfte und pandemiebedingte Krankheitsvertretungen zur Unterstützung der Fachkräfte eingesetzt. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.“ Oberstes Ziel müsse dabei immer sein, dass die Qualität der pädagogischen Arbeit gesichert ist.

Der Fachkräftemangel in den Tageseinrichtungen für Kinder spitzt sich weiter zu, kürzlich warnte der Gemeindetag Baden-Württemberg, dass bis 2030 bis zu 40.000 Erzieherinnen und Erzieher im Land fehlen werden. Die Landesregierung hat Maßnahmen versprochen. Unter anderem soll Werbung für den Beruf gemacht werden und Quereinsteiger sollen ausgebildet werden. Eine weitere Möglichkeit sei, Hilfskräfte zuzulassen, die keine ausgebildeten Erzieherinnen oder Erzieher sind. Details würden noch bis

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