Rems-Murr-Kreis

Pflege-Notstand droht sich auch im Rems-Murr-Kreis zu verschlimmern: Was tun?

Pflege
Zu wenig Heimplätze, zu wenig Personal: Die Pflege wird in den nächsten Jahren in noch schwerere Nöte geraten als bisher schon. © ALEXANDRA PALMIZI

Schon heute sind Fachkräfte in der Pflege knapp. Die Zahl der alten, pflegebedürftigen Menschen im Rems-Murr-Kreis steigt jedoch weiter. In zehn, 15 Jahren werden im Landkreis weit über tausend Pflegeplätze fehlen. Es ist ein Desaster mit Ansage.

Mehr als 50 Stellenangebote weist die Jobbörse der Agentur für Arbeit im Rems-Murr-Kreis aus. „Bei uns steht der Mensch im Vordergrund“, wirbt beispielsweise der Betreiber eines Altenheimes um Mitarbeiter: „Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir Pflegefachkräfte (m/w/d), Altenpfleger (m/w/d) oder Gesundheits- und Krankenpfleger (m/w/d) in Voll- oder Teilzeit für den Tagdienst“. Und: je eher, desto besser. Die meisten Jobs sind „ab sofort“ zu vergeben.

„Es zeichnet sich auf allen Ebenen eine prekäre Situation ab“

Was alles zu tun wäre gegen den Pflegenotstand, steht auf mehr als 160 Seiten des „Kreispflegeplans 2022“, den der Kreistag dieser Tage in Alfdorf einstimmig verabschiedet hat. Eine zentrale Aussage der „Agenda 3 D“ genannten Studie ist, dass bis 2035 rund 1700 Plätze in der vollstationären Pflege fehlen.

„Die Zahlen sind alarmierend“, sagte Horst Reingruber (CDU) in der Aussprache über den Kreispflegeplan, der in den vergangenen zwei Jahren vom Amt für Soziales und Teilhabe erarbeitet worden ist. „Es zeichnet sich auf allen Ebenen eine prekäre Situation ab“, wies der 70-Jährige auch auf den zunehmenden Bedarf bei ambulanten Pflegedienstleistungen hin. Reingruber sieht vor allem die Städte und Gemeinden in der Pflicht, Investoren bei der Beschaffung von Grundstücken und Baugenehmigungen für Pflegeeinrichtungen zu unterstützen. Der Landkreis müsse seinerseits dazu beitragen, „das notwendige Personal für die stationäre und ambulante Pflege zu gewinnen“. Er regte unter anderem an, über eine Pflegehochschule nachzudenken. „Letztendlich ist die Gewinnung von Pflegekräften aber nur durch größere monetäre und gesellschaftliche Zuwendung möglich.“

Investoren zögern, ihr Geld in den Gesundheitsmarkt zu stecken

„Guter Rat ist teuer“, meinte Norbert Sailer (Freie Wähler) und räumte eine gewisse Ratlosigkeit ob des „abzusehenden Pflegenotstands“ ein. In Anbetracht des Fachkräftemangels rückten Investoren bereits von ihren Plänen ab, Geld in den als ausgesprochen lukrativ geltenden Gesundheitsmarkt zu stecken. Ein wichtiger Punkt für Sailer ist, die Menschen, die heute noch in der Pflege arbeiten, bei der Stange zu halten. Und dafür gelte es, die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Bernd Messinger (Bündnis 90/Die Grünen) vermisst im Kreispflegeplan konkrete Ausführungen, wie dem Personalmangel entgegengewirkt werden könnte. „Hierzu gibt es nur ansatzweise Ideen“, sagte Messinger. Das Personal sei die „allergrößte Herausforderung“.

Was Pflege für die Betroffenen und deren Angehörige bedeutet, illustrierte Alexander Bauer (SPD) in seinem sehr persönlichen Beitrag. „Der unerwartete Pflegefall in der eigenen Familie hat mir nochmals sehr emotional gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir genügend und individuell passende Pflegeangebote haben.“ Bereits heute gebe es lange Wartelisten für einen Platz im Pflegeheim. Für Kurzzeitpflege sehe es nicht besser aus. „Wir haben bereits heute einen akuten Pflegenotstand.“

Nötig wäre eine nachhaltige gesellschaftliche Anerkennung

Das größte Problem sei der Fachkräftemangel. „Die in der Pflege arbeitenden Menschen brauchen eine verlässliche berufliche Perspektive, Gesundheitsschutz und eine nachhaltige gesellschaftliche Anerkennung.“ Um ein Aufbruchsignal zu setzen, regte der SPD-Kreisrat einen Kreispflegegipfel an.

Für die AfD-Gruppe forderte Daniel Lindenschmid den Landkreis auf, den dringend benötigten Pflegekräften über die Kreisbau erschwinglichen Wohnraum anzubieten. Beim Thema Pflege dürfe die häusliche Pflege durch Angehörige keinesfalls vergessen werden. „Damit Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden in Würde alt werden können, bedarf es Anreize.“ Daniel Lindenschmid sieht die Kreisbau in der Pflicht, altersgerechten Wohnraum zu schaffen.

„Wichtig ist, dass gute Pflege nicht arm machen darf“

Gudrun Wilhelm wies darauf hin, dass Pflegebedürftigkeit nicht immer erst im Alter beginnt. „Unfälle, bereits in jungen Jahren, können Übergangs- beziehungsweise Kurzzeitpflege dringend notwendig machen.“ Der Rems-Murr-Kreis benötige deshalb solche Plätze, die direkt oder lokal bei den Rems-Murr-Kliniken in Winnenden und in Schorndorf angesiedelt sein müssten.

Philipp Köngeter (Die Linke) schrieb die Überschrift des Kreispflegeplans von „3 D“ in „3 G“ um: gut für die Angehörigen, gut für Pflegebedürftige und Patienten und gut für die Pflegenden. „Wichtig ist, dass gute Pflege nicht arm machen darf – auch die Pflegenden nicht.“ Die öffentliche Hand müsse mehr Geld einsetzen. „Der private Markt wird es nicht richten.“

Schon heute sind Fachkräfte in der Pflege knapp. Die Zahl der alten, pflegebedürftigen Menschen im Rems-Murr-Kreis steigt jedoch weiter. In zehn, 15 Jahren werden im Landkreis weit über tausend Pflegeplätze fehlen. Es ist ein Desaster mit Ansage.

Mehr als 50 Stellenangebote weist die Jobbörse der Agentur für Arbeit im Rems-Murr-Kreis aus. „Bei uns steht der Mensch im Vordergrund“, wirbt beispielsweise der Betreiber eines Altenheimes um Mitarbeiter: „Zur Verstärkung unseres Teams

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper