Rems-Murr-Kreis

Pflege-Notstand im Rems-Murr-Kreis? In den Pflegeheimen werden die Betten knapp

FEature Krankenhaus Krankenbett
Ein leeres Pflegebett, kaum mehr zu finden im Rems-Murr-Kreis. © Zürn

Der 155-seitige „Kreispflegeplan 2022“ eignet sich nicht zur Gute-Nacht-Lektüre – obwohl es vor allem um Betten geht. Vielmehr dürften einige Fakten selbst rüstigen Seniorinnen und Senioren den Schlaf rauben. Der Rems-Murr-Kreis läuft geradewegs in einen Pflegenotstand hinein – oder steckt bereits mittendrin. Bis 2030 fehlen im Kreis fast 1500 Plätze in Pflegeheimen. Um den prognostizierten Bedarf von 5270 vollstationären Pflegebetten zu decken, müssten in den nächsten acht Jahren etliche Pflegeheime erweitert oder neu gebaut werden. Selbst wenn das zu schaffen wäre: Wer soll die pflegebedürftigen Senioren betreuen? Schon heute sind Pflegekräfte knapp. Im Sozialausschuss des Kreistages stellte Sozialplaner Christian Müller den Entwurf für den „Kreispflegeplan 2022“ vor.

Jeder Fünfte aus dem Rems-Murr-Kreis ist Stand jetzt über 65 Jahre alt

Bei steigender Lebenserwartung - jeder Fünfte der 427.000 Rems-Murr-Bürger ist über 65 - benötigen mehr Menschen Pflegeleistungen, rechnen die Statistiker in ihren Bedarfsvorausrechnungen den Politikern kühl vor. Deren Aufgabe ist es, auf Grundlage der Daten und Fakten des Pflegeplans die Weichen richtig zu stellen.

In der Aussprache kam es zwischen den Kreisräten Alexander Bauer (SPD) und Bernd Messinger (Grüne) auf der einen und Hartmut Holzwarth (CDU) auf der anderen Seite zu einer hitzigen Kontroverse über den Begriff „Pflegenotstand“. Aus Sicht von Bauer hatte Müller in seiner Präsentation just diesen Begriff und somit Klartext vermissen lassen. „Ich hätte gern, dass die Fanfaren klingen und keine Blockflöten“, sagte Bauer mit Blick auf die Verwaltungsbank.

Bauers Kontrapart, der Winnender Oberbürgermeister Holzwarth, wollte nicht von „Pflegenotstand“ reden. Noch nicht. Der Kreis und die Kommunen stünden vor großen Herausforderungen, entgegnete er. Die Not komme erst, wenn nichts getan werde. Und zu tun sei seitens des Landkreises wie auch der Städte und Gemeinden eine Menge, zum Beispiel die etablierten Träger der Altenhilfe zu unterstützen, neue Pflegeheime zu bauen und die benötigten Grundstücke in Erbpacht zur Verfügung zu stellen.

Bernd Messinger zeigte sich fassungslos. Holzwarth möge bitte der Realität ins Auge schauen. Schon heute sei in der Pflege „Land unter“, weiß Bernd Messinger aus Erfahrung. Er war bis vor kurzem Geschäftsführer der diakonischen Einrichtung Erlacher Höhe und hat kaufmännisches Know-how im wirtschaftlich schwierigen Betrieb von Pflegeheimen. Aber nicht nur in der Altenpflege fehlten Fachkräfte. Vielerorts müsse mangels Personal der Betrieb eingeschränkt werden. Die demografische Entwicklung, die der Kreispflegeplan beschreibt, sei eigentlich keine Überraschung, meinte Messinger ganz allgemein zum Entwurf. Überraschend selbst für ihn war freilich die große Lücke, die sich bei den vollstationären Pflegeplätzen auftut.

Der Kreispflegeplan geht jedoch weit über den Bereich Pflege hinaus. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels soll der Plan die Kommunen unterstützen, nicht nur eine „passgenaue Pflegeinfrastruktur“ bereitzustellen, sondern ganz generell „einen fachlichen Beitrag für mehr Lebensqualität, Selbstbestimmung und Teilhabe von Senioren/-innen im lebenswerten Rems-Murr-Kreis“ leisten.

Die Fakten sind eine weiter steigende Lebenserwartung, immer mehr ältere und vor allem hochbetagte Menschen, Generationengerechtigkeit und Armutsgefährdung, Anstieg der Pflegebedürftigen sowie Pflegekraftmangel. Der Plan steht unter der Überschrift „Agenda Drei-D“. Die drei „Ds“ stehen für Demografie, Digitalisierung und Demenz, aus denen sich ein Zehn-Punkte-Programm ableitet. Ein Punkt des Programms sei herausgegriffen, die Digitalisierung. Unter dem Schlagwort „Gemeinsam statt einsam: Mit Apps und virtueller Realität zum digitalen Rems-Murr-Kreis“ geht es um Chancen und Risiken der Digitalisierung für ältere Menschen – von der privaten Kommunikation bis hin zur Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit. Digitale Technologien müssten gut handhabbar, möglichst selbsterklärend, sicher und zudem für alle verfügbar und bezahlbar sein, postuliert der Kreispflegeplan. Perspektivisch sollte es ein Recht auf technische Unterstützung geben, heißt es weiter. Im gleichen Maße müsse es jedoch ebenso ein Recht auf ein Leben ohne digitale Medien und autonome technische Systeme geben.

Senioren müssen fit im Internet werden, sonst werden sie abgehängt

Der verlässliche Zugang ins World Wide Web werde zu Recht als eine grundlegende Basisinfrastruktur gewertet. Solange die Möglichkeit, sich über das Internet zu vernetzen, nicht gewährleistet ist, könnten ältere Menschen auch nicht im vollen Umfang von digitalen Technologien profitieren. Die Corona-Pandemie habe die Bedeutung und den Wert der Digitalisierung in unserer Gesellschaft verstärkt aufgezeigt. „Der Videoanruf bei der Familie ist längst Normalität geworden und auch digitale Arzt- und Amtsbesuche setzen sich zunehmend durch.“

Das Kreismedienzentrum solle bei dieser Entwicklung Motor der digitalen Kompetenz für den Rems-Murr-Kreis sein, und zwar nicht nur in der Kinder- und Jugendarbeit und bei der Begleitung und Beratung von Schulen, sondern auch für älter werdende Menschen unter der Prämisse „Lebenslanges Lernen“. Mit dem Projekt „Digitalisierung erlebbar machen“ habe das Kreismedienzentrum für Bürger im Jahr 2022 und 2023 unterschiedliche Veranstaltungsformate konzipiert, die sich auch an die Zielgruppen Seniorinnen und Senioren richten.

Ein erster Schritt zur Digitalisierung dient beispielsweise die Lern-App „Starthilfe - digital dabei“ der Landesanstalt für Kommunikation. In ihr werden die wichtigsten Informationen zur Nutzung von mobilen Endgeräten, Apps und Messenger-Diensten Schritt für Schritt verständlich erklärt. Anschließend könne das Gelernte auch direkt geübt werden.

„Die Anwendung richtet sich gezielt an Menschen, die bisher keine Erfahrungen in der digitalen Welt gemacht haben und zwanglos ohne Sorge vor Schaden einen ersten Schritt bei der Digitalisierung wagen möchten.“ - Nach der Beratung im Sozialausschuss soll der Kreistag den „Kreispflegeplan 2022“ in seiner Sitzung Mitte Oktober beschließen.

Der 155-seitige „Kreispflegeplan 2022“ eignet sich nicht zur Gute-Nacht-Lektüre – obwohl es vor allem um Betten geht. Vielmehr dürften einige Fakten selbst rüstigen Seniorinnen und Senioren den Schlaf rauben. Der Rems-Murr-Kreis läuft geradewegs in einen Pflegenotstand hinein – oder steckt bereits mittendrin. Bis 2030 fehlen im Kreis fast 1500 Plätze in Pflegeheimen. Um den prognostizierten Bedarf von 5270 vollstationären Pflegebetten zu decken, müssten in den nächsten acht Jahren etliche

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