Rems-Murr-Kreis

Pflegenotstand im Rems-Murr-Kreis: Bleiben Betten wegen zu strenger Vorgaben leer?

Pflege
Die Menschen in den Heimen werden immer pflegebedürftiger. © ALEXANDRA PALMIZI

Bis 2030 fehlen im Rems-Murr-Kreis fast 1500 Plätze in Pflegeheimen. Das haben die Statistiker kürzlich dem Kreistag vorgerechnet. Gaby Schröder, Geschäftsführerin des Alexander-Stifts und Betreiberin von 22 Pflegeeinrichtungen, davon zwölf im Rems-Murr-Kreis, ist über diese Aussage allerdings sehr verwundert. Aus ihrer Sicht sind nicht die fehlenden Pflegeplätze das Hauptproblem, sondern der fortschreitende Fachkräftemangel in der Pflege und rechtliche Hürden, wie etwa die vorgeschriebene Mindestfachkraftquote.

„Aktuell haben wir in unseren Pflegeeinrichtungen insgesamt rund 120 freie Plätze. Wir könnten also aufnehmen und würden das angesichts des großen Bedarfs auch gerne tun. Aber wir dürfen nicht, weil wir sonst die Vorgaben aus der Landespersonalverordnung der Landesregierung unterlaufen würden. Bei einer auch nur geringen oder zeitweisen Abweichung von der Verordnung müssen wir mit Bußgeldern rechnen“, erklärt Schröder. „Die Landespersonalverordnung schreibt eine Mindestfachkraftquote von 50 Prozent vor. Davon dürfen wir nicht abweichen, egal wie groß die Not der betroffenen Familien ist und unabhängig davon, wie viele Hilfskräfte wir zusätzlich einsetzen könnten, um die Versorgung dennoch zu gewährleisten.“

Alexander-Stift: Freie Betten können nicht belegt werden

Wenn in einzelnen Häusern die Fachkraftquote wegen Personalmangels nicht erfüllt werden könne, müssten die betroffenen Pflegebereiche geschlossen bleiben. „Das ist den oftmals sehr verzweifelten Angehörigen nur schwer zu vermitteln – ganz abgesehen von den fehlenden Einnahmen, die wir zur Deckung unserer Kosten dringend benötigen“, so Schröder. „Fakt ist: Wir haben Betten frei und könnten aufnehmen – dürfen aber nicht, da wir sonst die rechtlichen Vorgaben nicht einhalten.“

An vielen Standorten könne man die pflegebedürftigen Senioren unabhängig von der Mindestfachkraftquote gut versorgen, erklärt Schröder. Denn gut eingearbeitete Hilfskräfte könnten im Prinzip die komplette Grundpflege übernehmen, also die alltägliche Versorgung der Bewohner, wie etwa Hilfe beim Waschen, Duschen und Anziehen. Manche der Hilfskräfte haben eine einjährige Pflegehelferausbildung, andere langjährige Erfahrung in der Pflege. Fachkraftspezifische Aufgaben wie Behandlungspflege oder Medikamentengabe würden selbstverständlich immer von ausgebildeten Pflegekräften übernommen.

Etwas mehr Flexibilität in dieser Frage würde ihren Einrichtungen und betroffenen Familien helfen, sagt Schröder. Man brauche, zumindest kurzfristig, schnelle und pragmatische Lösungen, etwa auch beim Anwerben von Fachkräften und Auszubildenden aus Nicht-EU-Staaten. Momentan dauere die Prüfung von Zeugnissen beim Regierungspräsidium zwischen acht und zehn Monaten, so die Geschäftsführerin des Alexander-Stifts.

Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

Langfristig müssten natürlich die Rahmenbedingungen für die Mitarbeitenden in der Pflege besser werden, um den Fachkräftemangel zu beheben. Dazu gehörten unter anderem die dauerhafte gesellschaftliche Anerkennung des Berufs, ein besserer Personalschlüssel sowie eine angemessene flächendeckende Bezahlung nach Tariflohn, den das Alexander-Stift zahle: „Eine Pflegefachkraft verdient bei uns rund 3.200 Euro im Monat plus Zuschläge, zum Beispiel in Form einer Schichtzulage“, so Schröder. Das sei ordentlich für einen Ausbildungsberuf, wenn auch beispielsweise ein Mechatroniker mehr verdiene.

Personalsorgen kennt auch Thomas Sixt-Rummel, der als Regionalleiter bei der Paul-Wilhelm-von-Keppler-Stiftung nicht nur das Seniorenzentrum Haus Miriam in Waiblingen leitet, sondern auch für die Katholischen Sozialstationen Backnang, Schorndorf und Waiblingen zuständig ist. „Es fehlen Pflegekräfte, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Aber auch Hilfskräfte sind schwer zu finden, egal ob in der Pflege oder im hauswirtschaftlichen Bereich.“

Haus Miriam: Alle Pflegeplätze sind belegt

In der Situation, Betten wegen Personalmangels nicht belegen zu können, sei das Haus Miriam aber nicht, allenfalls habe die Nachbelegung während der Corona-Pandemie manchmal etwas langsamer stattgefunden, wenn die Einrichtung mit vielen Ausfällen wegen Krankheit und Quarantäne zu kämpfen hatte. Aus Sixt-Rummels Sicht fehlen nicht nur Mitarbeitende, sondern auch Pflegeplätze: „Die Kapazitäten werden nicht reichen. Man muss neue Einrichtungen bauen und dann auch noch die Mitarbeitenden finden.“ Das sei eine klassische Dilemmasituation.

Das bestätigt Susanne Scheck, die Vorsitzende des Landespflegerats Baden-Württemberg: „Die Situation könnte dramatisch werden.“ Denn Bauen werde immer teurer und dadurch sei es immer schwieriger, neue Einrichtungen zu bauen. Hinzu komme, dass die Menschen, die ins Pflegeheim kämen, immer pflegebedürftiger seien und somit die Heime einen höheren Aufwand in der Pflege hätten – bei ohnehin schon dünner Personaldecke. Auch die Pflege zu Hause mit Unterstützung von ambulanten Diensten sei häufig schwierig, weil auch immer mehr ambulante Pflegedienste wegen Personalmangels aufgäben. „Die Pflege war ohnehin schon an der Belastungsgrenze. Die Corona-Pandemie hat diese Situation noch verschärft. Aber es war auch schon lange klar, dass Pflegekräfte und -plätze fehlen werden, wenn nun die Generation der Babyboomer in Rente geht“, sagt Susanne Scheck.

Junge Leute für den Beruf begeistern

Trotz der schwierigen Lage und der düsteren Prognose warnt sie allerdings davor, nur schwarzzumalen. „Wer ständig nur die schweren Bedingungen thematisiert, redet auch den Beruf schlecht.“ Das sei schade, denn damit vergehe jungen Menschen die Lust auf einen eigentlich erfüllenden und sinnstiftenden Beruf als Pflegefachkraft. „Es ist wichtig, bekanntzumachen, dass die Bezahlung nicht schlecht ist und es in der Pflege gute Aufstiegschancen gibt.“ Dafür wolle man nun auch verstärkt an Schulen werben. Natürlich müsse auch an den Rahmenbedingungen gearbeitet werden. Besonders wichtig sind aus Schecks Sicht verlässliche Dienstpläne, die Erholungsphasen beinhalten, in denen die Mitarbeitenden nicht wegen Personalmangels an ihren freien Tagen angerufen werden, um einzuspringen. Das komme aktuell zu häufig vor und sei sehr belastend.

Bis 2030 fehlen im Rems-Murr-Kreis fast 1500 Plätze in Pflegeheimen. Das haben die Statistiker kürzlich dem Kreistag vorgerechnet. Gaby Schröder, Geschäftsführerin des Alexander-Stifts und Betreiberin von 22 Pflegeeinrichtungen, davon zwölf im Rems-Murr-Kreis, ist über diese Aussage allerdings sehr verwundert. Aus ihrer Sicht sind nicht die fehlenden Pflegeplätze das Hauptproblem, sondern der fortschreitende Fachkräftemangel in der Pflege und rechtliche Hürden, wie etwa die vorgeschriebene

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper