Rems-Murr-Kreis

Plötzlich Moderna statt Biontech: Rems-Murr-Ärzte stinksauer auf Jens Spahn

Dr. Hess
„Viele, viele Ärzte haben die Schnauze voll jetzt“, sagt Dr. Karl-Michael Hess, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. © Benjamin Büttner

„So wird die Impfaktion torpediert!“ Die Ärzte im Rems-Murr-Kreis sind stinksauer und verzweifelt – mit seinem Beschluss, die Biontech-Auslieferung zu deckeln und stattdessen Moderna zu schicken, brockt Gesundheitsminister Jens Spahn den Hausärzten gleich fünf fette Probleme ein ... Dr. Karl-Michael Hess, den Vorsitzenden der Kreisärzteschaft Rems-Murr Süd, kennen wir von der Zeitung als Mann der klaren Worte – aber so wie am Montag haben wir ihn noch nie am Telefon erlebt.

Spahns Umswitchen von Biontech auf Moderna lasse „die Impfpläne von Hunderten von Ärzten“ zusammenbrechen. „Viele, viele Ärzte haben die Schnauze voll jetzt“, sie seien „so was von frustriert und verärgert“. Am Wochenende, sagt Hess, „stand mein Telefon nicht still“, er habe jede Menge „Frustmails“ bekommen. Tenor: „Jetzt, wo jede Impfung zählt, grätscht man uns so rein!“ Ein Kollege, der schon im Ruhestand ist, derzeit aber ehrenamtlich impft, was das Zeug hält, habe erklärt: „Er schmeißt jetzt hin, er hat keinen Bock mehr.“

Hess redet sich in Rage: „Das kann man über Nacht nicht machen, so kann man mit den Leuten nicht umgehen! So geht's nicht. Das ist eine Respektlosigkeit sondergleichen.“ Die Arztpraxen hätten so schon mehr als genug zu tun, „die Impferei geht on top“ – und jetzt das. Er sei mit seiner Wut nicht allein: „Ich rede für 80 Prozent meiner Kolleginnen und Kollegen, die tatsächlich hochengagiert impfen.“ Hess empfiehlt, mal in der Arztpraxis in Urbach anzurufen; der Impfeinsatz von Dr. Nicole Kraiß und Dr. Stephan Scherer dort sei „beispielhaft“.

Wie sich die Urbacher Hausarztpraxis impftüchtig gemacht hat

Die Urbacher Praxis ist tatsächlich vorbildlich. Auf der Internetseite findet sich ein Anmeldekalender, wer den Piks will, hat die Wahl zwischen Biontech und Moderna. „Wir sind vor zwei, drei Wochen aufgefordert worden, zu impfen, was geht“, erzählt Nicole Kraiß – also haben sie die Urbacher Halle zu einer Art lokalem Impfzentrum umgebaut. Bis Weihnachten sollen hier Woche für Woche 500 Impfungen abgewickelt werden. Eigentlich. Aber jetzt ist, schwupps und Fingerschnipsen, plötzlich alles anders.

Moment, Frau Kraiß – Moderna statt Biontech: Laut Jens Spahn ist das doch gar kein Problemchen. Er hat am Montagvormittag in einer Pressekonferenz nonchalant erklärt, Moderna sei schließlich der „Rolls-Royce“ unter den Covid-Vakzinen und Biontech nur „der Mercedes“. Habt euch nicht so, ist doch alles dufte!

Nicole Kraiß seufzt. „So einfach ist es nicht.“ Sicher, Moderna sei „ein sehr guter Impfstoff“; gerade als Booster nach zweifacher Biontech-Dosis weise er „sehr gute Daten“ auf. Aber mit Spahns neuem Kurs verbinden sich fünf Riesenprobleme.

Fünf Probleme - vom medizinischen bis zum psychlogischen

Erstens: ein medizinisches. Die Ständige Impfkommission empfiehlt, an Menschen unter 30 und an Schwangere nur Biontech zu verimpfen. Daneben, sagt Kraiß, gelte bislang: Wer Astrazeneca als ersten und Biontech als zweiten Impfstoff verabreicht bekam, sollte beim Boostern nicht noch ein drittes Vakzin einsetzen. Die Praxen müssen nun in jedem Einzelfall prüfen, ob ein Umswitchen sinnvoll oder möglich ist.

Zweitens: ein argumentatives. „Wir haben die Leute auf Biontech eingenordet“, alles auf diesen Impfstoff „ausgerichtet“, denn immer sei aus der Politik das Signal gekommen: Davon gebe es „unbegrenzt“, der Nachschub sei „gesichert“. Bis es plötzlich hieß: Ach nee, doch nicht. Wie konnte es dazu kommen? Spahn drohe auf Unmassen von Moderna-Fläschchen sitzenzubleiben, deren Verfallsdatum näher rückt, sagt Dr. Karl-Michael Hess. Und Nicole Kraiß berichtet: Spahn habe Impfstoff an andere Länder abgegeben – aber nicht Moderna, sondern Biontech; „absolute Fehlplanung“.

Drittens: ein psychologisches. „Die Patienten sind extrem verunsichert“ – nach all dem Wirrwarr um Astrazeneca und Johnson & Johnson glauben viele bald gar nichts mehr. Immerhin, zu Biontech haben sie doch Vertrauen gefasst. Und jetzt soll man denen einfach mal sagen: Ach, vergiss den Mercedes, du kriegst den Rolls-Royce. Kraiß hat derzeit auch oft mit Leuten zu tun, die lange zögerten, bis sie sich durchrangen, endlich einen ersten Impftermin zu buchen. Viele gaben sich einen Ruck, weil sie wussten: „Biontech hat bei Freunden funktioniert.“ Auch denen kann man jetzt verklickern: Egal, nimm nen anderen. So holt man die Leute nicht aus der Impfglaubenskrise, sondern treibt sie hinein.

Viertens: ein zeitliches. In dieser aufgeheizten Situation entsteht hoher „Beratungsaufwand“; man müsste mit jedem Impfwilligen „fünf bis zehn Minuten reden“. Aber wie soll das gehen – 500 mal fünf Minuten, also rund 42 Stunden pro Woche zusätzlich? Die Praxis sei „voll mit Corona-Fällen“, man mache Abstriche im Akkord, arbeite „am Limit“, die sonstigen Gebrechen gibt es ja auch noch, und die Grippe-Impfung laufe derzeit „parallel“.

Fünftens: ein logistisches. Viele Praxen planen ihre Impf-Aktivitäten penibel durch und rechnen: Aus einem Fläschchen Biontech kriege ich sechs Dosen raus, also bestelle ich für Freitagnachmittag 18 Impfwillige ein. So. Aus einem Fläschchen Moderna aber kriege ich zehn Dosen raus – wenn es sich um Erstimpfungen handelt; und 20 bei Zweitimpfungen. So fliegt einem die Organisation um die Ohren.

Sie wisse nicht, sagt Kraiß, wie sie das Pensum nächste Woche schaffen solle: Geplant sind 500 Impfungen – für den Zeitraum vom 29. November bis zum 5. Dezember aber sagt Spahn pro Arzt bislang nur 30 Impfdosen Biontech sicher zu.

„So wird die Impfaktion torpediert!“ Die Ärzte im Rems-Murr-Kreis sind stinksauer und verzweifelt – mit seinem Beschluss, die Biontech-Auslieferung zu deckeln und stattdessen Moderna zu schicken, brockt Gesundheitsminister Jens Spahn den Hausärzten gleich fünf fette Probleme ein ... Dr. Karl-Michael Hess, den Vorsitzenden der Kreisärzteschaft Rems-Murr Süd, kennen wir von der Zeitung als Mann der klaren Worte – aber so wie am Montag haben wir ihn noch nie am Telefon erlebt.

Spahns

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