Rems-Murr-Kreis

Prozess um Messer-Attacke in Fellbach: Täter spricht von "Versehen"

Landgericht
Symbolfoto. © ZVW/Alexandra Palmizi

Das Stuttgarter Landgericht muss im Prozess gegen den 29-jährigen Fellbacher, der seinen Mitbewohner mit dem Messer lebensgefährlich verletzt hat (wir berichteten), prüfen, ob der Täter den Tod seines Opfers gewollt hat. Verhandlungstag zwei brachte beklemmende Indizien, eine eher faul klingende Ausrede – und eine erstaunlich versöhnliche Wendung.

Nach Polizeiangaben hat der Beschuldigte die Tat mit den Worten „Heute Nacht will ich dich töten“ angekündigt. Anstatt für den lebensgefährlich Verletzten einen Krankenwagen zu holen, habe der Angeklagte gesagt: „Du sollst verrecken“.

Der Vorsitzende Richter Joachim Holzhausen spielte dem 28-jährigen Opfer am zweiten Verhandlungstag den Notruf vor, den ein helfender Passant abgesetzt hat, als er den Verletzten auf dem Gehweg vor dem Haus fand. Im Hintergrund der Aufnahme ist zu hören, wie der mittlerweile von Fellbach nach Heilbronn gezogene Bauarbeiter mit vier Messerstichen im Körper fürchterlich vor Schmerzen schreit.

„Ich hörte meine Stimme nicht“

Der 28-Jährige musste der Gerichtsmedizinerin Dr. Iris Schimmel auch seine Narbe am Bauch zeigen. Von der Bauchverletzung hat er heute noch Probleme beim Atmen und beim Essen. Nach der Zeugenaussage des Opfers ist den Stichen in den Bauch, in den Arm und in die Flanke ein Stich in den Hinterkopf vorausgegangen. „Es hat sich für mich so angefühlt, als ob ich trotz meiner Hilfeschreie meine Stimme nicht höre“, erzählte der Mann am Morgen nach seiner Notoperation einer Polizeibeamtin.

Was der 28-Jährige vor Gericht sagte, klang allerdings ungleich harmloser als das Polizeiprotokoll. Ob der Angeklagte sein Blut vom Boden der Fellbacher Wohnung weggewischt habe, wisse er heute nicht mehr.

Zum Angeschuldigten in die Wohnung gezogen war der Mann, weil ihn das Jugendamt ohne Wohnung seinen Sohn nicht sehen ließ. Den Mietvertrag, sagte er, habe er mit dem Vermieter gemacht, aber der Angeklagte habe 1500 Euro Provision dafür gewollt, dass er bei ihm einziehen durfte. Am Tatabend des 11. Dezember vergangenen Jahres habe es deswegen Streit gegeben, worauf der Beschuldigte in die Küche gegangen sei und das Messer geholt habe.

Vor dem Hintergrund, dass er beinahe gestorben wäre, überraschte der 28-Jährige das Gericht, als er sagte: „Ich habe nichts gegen den Angeklagten. Es ist halt passiert. Ich verzeihe ihm.“

Es sei halt so passiert: So etwa klang auch die Einlassung des Angeklagten selbst zum Tatvorwurf. Er sei vor der Tat gerade beim Kochen gewesen und habe dabei ein Glas Whisky sowie drei Dosen Bier getrunken.

Gegenüber dem Gerichtspsychiater Dr. Wagner, der etwas zur Schuldfähigkeit sagen soll, war in früheren Gesprächen von Whisky jedoch keine Rede gewesen. Der Whisky tauchte im Prozess genauso plötzlich auf wie ein Salat, der vor der Tat zubereitet worden sein soll.

Eine Vermittlungsprovision von seinem Mitbewohner verlangt zu haben, stellte der Beschuldigte in Abrede. Das Opfer hätte aber die Nebenkosten nicht bezahlt und jedes Mal eine andere Ausrede gehabt. Sein Mitbewohner, erklärte der Angeklagte, hätte mit einem Multifunktionsmesser zuerst auf ihn einstechen wollen. Er selbst habe dem Mitbewohner mit dem Küchenmesser „nur Angst machen wollen“ und dann „aus Versehen getroffen“.

Ein uralter Evolutionsprozess

„Wie?“, fragte Richter Holzhausen (der schon mehrere aufsehenerregende Fälle mit Rems-Murr-Bezug verhandelt hat) und drückte dem Angeklagten einen Bleistift in die Hand, mit dem er demonstrieren sollte, was er mit dem Messer gemacht habe, bevor er zum F3-Freizeitbad flüchtete, wo er festgenommen wurde.

Er wisse es nicht mehr genau, war die Reaktion. Das aber glaubte der Richter nicht. Er mache seinen Job jetzt seit fast 30 Jahren – und eines wisse er: „Wenn einer unter Stress steht und Adrenalin ausschüttet, ist die Wahrnehmung extrem geschärft und die Erinnerung gut.“ Das sei ein „uralter Evolutionsprozess“.

Das Stuttgarter Landgericht muss im Prozess gegen den 29-jährigen Fellbacher, der seinen Mitbewohner mit dem Messer lebensgefährlich verletzt hat (wir berichteten), prüfen, ob der Täter den Tod seines Opfers gewollt hat. Verhandlungstag zwei brachte beklemmende Indizien, eine eher faul klingende Ausrede – und eine erstaunlich versöhnliche Wendung.

Nach Polizeiangaben hat der Beschuldigte die Tat mit den Worten „Heute Nacht will ich dich töten“ angekündigt. Anstatt für den

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