Rems-Murr-Kreis

Prozess um Millionenbetrug offenbart Abgründe des Glücksspiels

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Pure Glückssache? Nein, viele Geldautomaten werden auch manipuliert. © Fotolia/Carola Scholz

Waiblingen/Stuttgart. Wer spielt, verliert. Wer an einem Glücksspielautomaten zu Reichtum kommen will, ist falsch gewickelt. Denn bevor die Spieler abkassieren dürfen, haben schon ganz andere die Hand aufgehalten. Der Prozess am Stuttgarter Landgericht um einen millionenschweren Spielautomaten-Betrug lässt den Beobachter in die Abgründe des Glücksspiels blicken.

Am dritten Verhandlungstag brachte es der Vorsitzende Richter der 20. Strafkammer, Hans-Jürgen Wenzler, mit einer Frage an einen Angeklagten auf den Punkt: „Sie meinen, das System macht es einem Betrüger leicht?“ Der Angeklagte nickte. „Ja, das kann man schon so sagen.“ Das System sind Aufsteller der Spielautomaten und Hersteller, laxe Aufsichtsbehörden und ahnungslose Polizisten und Staatsanwälte. So stellte es am Donnerstag zumindest der Angeklagte dar, der mit sechs weiteren seit Ende Oktober vor Gericht sitzt. Er soll die Soft- und Hardware vertrieben haben, mit denen beispielsweise Spielcasinos ihre Automaten manipulieren können, um dem Fiskus Vergnügungssteuer vorzuenthalten.

160 Beamte durchsuchten 30 Objekte

Im Frühjahr 2018 war der Kriminalpolizei Waiblingen ein großer Schlag gelungen. Ein Dreivierteljahr lang hatte die Kripo zusammen mit der Steuerfahndung gegen die Gruppierung aus dem Großraum Stuttgart und Augsburg ermittelt. 160 Beamte durchsuchten schließlich 30 Wohnungen und Gewerbeobjekte und beschlagnahmten zahlreiche Datenträger und 270 000 Euro in bar. Die sieben Angeklagten werden beschuldigt, eine Bande gebildet zu haben und in wechselnder Besetzung rund sieben Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben. Hauptangeklagter ist ein 63-Jähriger, dessen Automatenfirma 2013 Insolvenz angemeldet hat. Mit ihm sitzen seine beiden Söhne und seine Frau auf der Anklagebank, die einst für die CDU in einem Rems-Murr-Gemeinderat saß und auch lokale Führungsämter innehatte. Am Donnerstag stand im Saal 153 des Landgerichts jedoch ein Mann im Mittelpunkt, der die Hard- und Software vertrieben haben soll, um Geldspielautomaten zu manipulieren.

Ausführlich nahm er Stellung zu den Anklagepunkten, distanzierte sich ausdrücklich von den anderen Angeklagten – außer vom Hauptangeklagten, mit dem er befreundet gewesen sei. Nein, eine Bande habe er mit den Mitangeklagten nicht gebildet, betonte er. „Jeder hat sein Ding gemacht.“ Sein Ding waren die Notebooks und Programme, mit denen Automaten manipuliert werden konnten. „Russen-Sticks“ genannt. Sei es, um das Finanzamt zu betrügen, indem der Betreiber geringere Einnahmen ausweist. Sei es, um den Spielern weniger Gewinne ausschütten zu müssen.

In der Glücksspielbranche betrügt offenbar jeder jeden

In der Glücksspielbranche ist keiner vor Betrug gefeit. Jeder betrügt offenbar jeden. Die Spieler haben ihre Tricks. Sie versuchen beispielsweise mit gefälschten Chips oder mittels sogenannter Krawatten, also eingeschweißten Geldscheinen am Faden, dem Casino Einzahlungen vorzugaukeln. Oder aber sie manipulieren den Geldautomaten direkt, um höhere Ausschüttungen zu erhalten. Hierbei haben aus seiner Sicht die Hersteller beziehungsweise deren Mitarbeiter ihre schmutzigen Finger im Spiel. In die Software der Automaten seien absichtlich Fehler programmiert – und die Kniffe, den Automaten zu knacken, werden unter der Hand an Spieler weiterverkauft.

Vorwürfe richtet der Angeklagte in diesem Zusammenhang an die Aufsichtsbehörde für die Zulassung von Geldautomaten, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB). Sie verschließe die Augen vor den eingebauten Manipulationsmöglichkeiten. Und auch an der Steuerfahndung ließ der Angeklagte kein gutes Haar. In seinem Fall stünde ein „Konstrukt an Fehleinschätzungen“ in der Anklageschrift.

Spannend waren die Einlassungen, wie die Betreiber von Spielcasinos den Fiskus übers Ohr hauen und die Abrechnungen frisieren. Er gab unumwunden zu, unter anderem vom Hauptangeklagten Laptops bekommen und weiterverkauft zu haben. Kurz vor seiner Verhaftung ließ er von einem eingeflogenen türkischen Programmierer für mehr als 25 000 Euro sogar eine neue Software entwickeln. Sie sollte sämtliche Versionen eines Geldspielautomaten erfassen, um auf dem Papier, auf den sogenannten „Streifen“, die Einnahmen nach unten korrigieren zu können. Eine Mitschuld am Steuerbetrug wies der Angeklagte freilich weit von sich. Damit habe er nichts mehr zu tun.

Die 20. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart hat für den Prozess bis in den Januar 2020 hinein Termine angesetzt. Die Verhandlung wird am kommenden Montag fortgesetzt.

Waiblingen/Stuttgart. Wer spielt, verliert. Wer an einem Glücksspielautomaten zu Reichtum kommen will, ist falsch gewickelt. Denn bevor die Spieler abkassieren dürfen, haben schon ganz andere die Hand aufgehalten. Der Prozess am Stuttgarter Landgericht um einen millionenschweren Spielautomaten-Betrug lässt den Beobachter in die Abgründe des Glücksspiels blicken.

Am dritten Verhandlungstag brachte es der Vorsitzende Richter der 20. Strafkammer,

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