Rems-Murr-Kreis

Prozess um versuchten Totschlag: Keine konkrete Lebensgefahr bei ZfP-Ärztin

Landgericht
Am Landgericht Stuttgart wurde der Prozess gegen einen Waiblinger fortgesetzt, der eine Ärztin des ZfP Winnenden angegriffen hat. © ALEXANDRA PALMIZI

Im Prozess am Stuttgarter Landgericht um den versuchten Totschlag eines Patienten aus Waiblingen an einer Ärztin des Zentrums für Psychiatrie Winnenden (wir berichteten) hat die Gerichtsmedizin gesprochen: Dem Gutachten zufolge bestand bei der Ärztin keine konkrete, sondern lediglich eine abstrakte Lebensgefahr, nachdem der Patient auf sie losgegangen war.

Die Gerichtsmedizinerin Adina Schweickhardt aus Tübingen hat das Opfer nach der Tat am 30. Dezember im Katharinenhospital Stuttgart untersucht und von der Polizei fotografieren lassen. Sie hatte auch eigene Fotos der 61-jährigen Ärztin von deren Verletzungen zur Verfügung. Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Norbert Winkelmann, führte sämtliche Bilder als Beweismittel in die Hauptverhandlung ein.

Die Rechtsmedizinerin kam zu dem Ergebnis, dass die Ärztin von der Augenhöhlenfraktur keine inneren Blutungen im Kopf hatte und deshalb keine konkrete Lebensgefahr vorlag. Sie konnte auch nicht auf zwei, sondern lediglich auf einen Fußtritt schließen, den das aufgrund eines Faustschlags ins Gesicht zu Boden gegangene Opfer in die Körperseite abbekommen haben muss. Punktuelle Rötungen im Gesicht führte die Sachverständige teilweise auf das Tragen einer FFP2-Maske und nicht auf die sichergestellten Turnschuhe des 31-jährigen Angeklagten zurück.

Übergriff auf Krankenpfleger

Die Ärztin hatte bei der Gutachterin angegeben, sie habe „Blitze gesehen“. Diese Beeinträchtigung des Sehvermögens könnte es nach deren Einschätzung beim Heilungsprozess vom Schlag aufs Auge gegeben haben und eine Augenlichtprognose zu stellen, sagte Adina Schweickhardt, halte sie für „schwierig“. Die von der Ärztin beschriebenen „Beschwerden beim Spargelschneiden“ schienen ihr plausibel, nachdem sich das Opfer beim Fall zu Boden das Handgelenk gebrochen hatte.

Ein Kriminalbeamter aus Waiblingen, der bei der Untersuchung im Katharinenhospital dabei war, führte als Zeuge vor Gericht aus, auf ihn habe die Ärztin einen „stabilen Eindruck“ gemacht, aber gemeint, so einfach stecke sie das nicht weg. Sie fühle sich nicht mehr in der Lage, auf der Akutstation im ZfP Winnenden weiterzuarbeiten. Einer zweiten Ärztin, die ebenfalls einen Faustschlag abgekriegt habe, sei das auch sehr nachgegangen, sagte der Kriminalbeamte dem Gericht.

Ein 35-jähriger Krankenpfleger berichtete im Zeugenstand, wie er den vor der Tat im Isolierzimmer fixierten Angeklagten, der nachweislich an paranoider Schizophrenie leidet, durch die Sichtscheibe bewacht hat. In der zweiten Nacht, erzählte der Pfleger, sei nur noch die Tür abgeschlossen gewesen, der Patient habe im Zimmer herumlaufen dürfen und ihn um eine Zigarette gebeten. Bei der Übergabe dieser Zigarette habe er die Faust des Angeklagten direkt auf die Schläfe bekommen, erklärte der Pfleger. „Ich habe den Alarm ausgelöst und gehofft, dass er flüchtet, aber das wollte der gar nicht“, berichtete er, wie er sich aus Angst im Dienstzimmer einschloss, bis Helfer von anderen Stationen den Mann wieder eingesperrt und fixiert hatten.

Prozess geht am 30. Juni weiter

Die Frage des Richters, ob so etwas wie mit dem Angeklagten häufiger passiert, bejahte der Krankenpfleger, der gleich wieder arbeiten ging, aber den Vorfall mit der Ärztin nicht mitbekommen hat. Ihm ging es ähnlich wie ihr: Er hätte nicht gedacht, dass ein Übergriff kommt, denn vorher hätte er sich mit dem Waiblinger eigentlich gut verstanden.

Wie der Beschuldigte vorläufig in das ZfP Ravensburg-Weissenau und damit in den Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter kam, will das Gericht am 30. Juni mit der Verlesung der Unterbringungsprotokolle erhellen. Das psychiatrische Gutachten über den Waiblinger, der sich auch wegen gefährlicher Körperverletzung an seiner 53-jährigen Mutter verantworten muss, soll am 5. Juli Barbara Stitzel vom ZfP Ravensburg-Weissenau erstatten.

Im Prozess am Stuttgarter Landgericht um den versuchten Totschlag eines Patienten aus Waiblingen an einer Ärztin des Zentrums für Psychiatrie Winnenden (wir berichteten) hat die Gerichtsmedizin gesprochen: Dem Gutachten zufolge bestand bei der Ärztin keine konkrete, sondern lediglich eine abstrakte Lebensgefahr, nachdem der Patient auf sie losgegangen war.

Die Gerichtsmedizinerin Adina Schweickhardt aus Tübingen hat das Opfer nach der Tat am 30. Dezember im Katharinenhospital

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