Rems-Murr-Kreis

Prozess wegen versuchten Totschlags in Fellbach-Oeffingen: Opfer der Schläger wäre ohne Hilfe gestorben

Justiz[1]
Vor dem Landgericht Stuttgart wird gegen zwei junge Männer wegen versuchten Totschlags verhandelt. © Archiv

Bestand bei dem versuchten Totschlag aus der Nacht vom 8. auf den 9. Februar dieses Jahres am Gemeindezentrum Oeffingen (wir berichteten) wirklich Lebensgefahr? Diese Frage bejahte die Tübinger Gerichtsmedizinerin Melanie Hohner gestern vor der Jugendstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts eindeutig. Ihren Berechnungen zufolge waren die 17- und 21-jährigen Angeklagten auch nicht so alkoholisiert, wie sie vorgeben. Die Frage der verminderten Schuldfähigkeit stellte sich der Rechtsmedizinerin erst gar nicht. Damit sind die Angeklagten voll schuldfähig.


Der 47-jährige Handballer aus Oeffingen, der zu Boden geschlagen und dort in bewusstlosem Zustand ins Gesicht und gegen den Oberkörper getreten wurde, wäre nach dem Bericht der Gutachterin an seinem eigenen Blut erstickt, wenn keiner zu Hilfe gekommen wäre.

Die flüchtig gegangenen Angeklagten, so berechnete die Fachärztin für Rechtsmedizin, dürften zur Tatzeit zwischen 0,9 und 1,6 Promille Alkohol im Blut gehabt haben. Damit waren sie durchaus noch in der Lage, vom Tatort abzuhauen, bevor die Polizei kam.

Das Gericht hörte am dritten Verhandlungstag auch drei Polizeibeamte, die in diesem Fall ermittelt haben. Ein Polizist vom Revier Fellbach beschrieb, wie wichtig es war, von Zeugen Personenbeschreibungen der Täter zu bekommen. Ein anderer Polizist vom Posten Fellbach-Schmiden, der für Oeffingen zuständig ist, fand heraus, dass die Täter wohl aus Stuttgart sind, und gab die Sache an den Polizeiposten Untertürkheim weiter, wo der 17-jährige deutsche und der 21-jährige portugiesische Angeklagte bereits bekannt waren.

Die „Marokkaner-Story“

Sie und ihre Freunde tischten den Polizisten die erfundene Story von zwei „unbekannten, arabisch aussehenden Männern“ auf, welche die Tat begangen hätten. „Marokkaner-Story“ nannte die Vorsitzende Richterin, Cornelie Eßlinger-Graf, den Bären, den die jungen Leute der Polizei aufgebunden haben. Die Jugendsachbearbeiterin bei der Polizei brauchte nicht lange, um dahinterzukommen, dass die Geschichte erlogen ist.

Diejenigen, die für die Angeklagten gelogen haben, waren alle als Zeugen zum Gerichtstermin geladen. Sie haben nun fast alle Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung am Hals und müssen damit rechnen, dass Anklage gegen sie erhoben wird. Es stand den Zeugen daher offen, von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen, was bis auf einen alle taten. „Ich würde eigentlich gerne keine Aussage machen“, sagte ein 17-jähriger Freund der Angeklagten. „Ich möchte nichts sagen“, tat eine 19-Jährige aus Fellbach kund. „Ich möchte schweigen“, trat eine 18-jährige Fellbacherin in den Zeugenstand.

„Ich werde die Aussage nicht verweigern“

„Ich werde die Aussage nicht verweigern“, machte dagegen ein 18-jähriger Stuttgarter, dessen Vater vor der Türe des Gerichtssaals saß, die Ausnahme. Sobald die Fragen des Gerichts oder der Staatsanwältin aber ans Eingemachte gingen, wich auch er aus. Er sei mit einer der Zeuginnen auf der Party im Gemeindezentrum und zu diesem Zeitpunkt „sehr betrunken“ gewesen, erzählte dieser Zeuge. Deshalb sei seine Erinnerung an die Tat „sehr verschwommen“.


Die Namen der Leute, mit denen er „zu siebt auf einer Parkbank“ vor dem Gemeindezentrum saß, nannte er dem Gericht. Einer davon habe an die Kirche gepinkelt, und das hätte dem 47-jährigen Handballer nicht gepasst, der zu Boden geschlagen, bewusstlos wurde und dann Tritte abbekam. Wer da was genau gemacht hat, könne er nicht sagen, fuhr der Zeuge fort. Seine Sicht sei durch einen Busch verdeckt gewesen. Er habe dem Opfer noch ein Glas Wasser geholt und sei dann mit seinem Freund im Nachtbus nach Hause gefahren. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, warum auch er der Polizei die „Marokkaner-Story“ erzählt hat, meinte dieser junge Mann, er hätte Angst vor den Konsequenzen gehabt, wenn er jemanden verrät.

Der Prozess wird am Freitag, 20. November, um 9 Uhr fortgesetzt.

An diesem Tag soll auch ein Urteil über den versuchten Totschlag in Oeffingen fallen. Was die Kammer für die Beweisaufnahme geplant hatte, ist alles abgeschlossen.

Beim nächsten Mal wird noch die Jugendgerichtshilfe gehört, und dann kommen die Plädoyers der Staatsanwältin, der Nebenklage für das Opfer und der Verteidiger der Angeklagten.

In welchem Saal die Verhandlung stattfindet, ist allerdings noch nicht klar, weil es jedes Mal Streit um die Sitzplätze gibt, auch aufgrund der Corona-Regeln. Familienangehörige erscheinen stets so zahlreich, dass einige Angehörige draußen bleiben müssen,

Bestand bei dem versuchten Totschlag aus der Nacht vom 8. auf den 9. Februar dieses Jahres am Gemeindezentrum Oeffingen (wir berichteten) wirklich Lebensgefahr? Diese Frage bejahte die Tübinger Gerichtsmedizinerin Melanie Hohner gestern vor der Jugendstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts eindeutig. Ihren Berechnungen zufolge waren die 17- und 21-jährigen Angeklagten auch nicht so alkoholisiert, wie sie vorgeben. Die Frage der verminderten Schuldfähigkeit stellte sich der Rechtsmedizinerin

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