Rems-Murr-Kreis

Public Viewing in Schorndorf: Corona stört - und Frankeich noch mehr

Public Viewing
Schorndorfer Public-Viewing-Schauplätze am Dienstagabend: Das Kalaluna (Foto) und der Stadtbiergarten (mehr dazu im Text). © ALEXANDRA PALMIZI

Deutscher Jubel? Fehlanzeige. EM-Stimmung? Geht so. Und kann so ein Turnier unter Corona-Auflagen überhaupt den Charme entfalten, den wir von früheren Fußball-Großereignissen gewohnt sind? Beobachtungen zum verlorenen Auftaktspiel der Nationalmannschaft gegen Frankreich.

Die Straßen waren auffallend leer am Dienstagabend in Schorndorf. Trotz des einladenden Flanierwetters, trotz der Rushhour nach Büroschluss. Und sicherlich hat es nicht an der Sars-Cov-2-Pandemie gelegen, wohl eher an zwei Gassenfegern, die bei den Öffentlich-Rechtlichen über den Bildschirm flimmerten: im Ersten die letzte Folge der letzten Staffel von „Um Himmels willen“, im Zweiten die Live-Übertragung des Fußball-Länderspiels zwischen Deutschland und Frankreich.

Im Stadtbiergarten baut sich nur langsam Stimmung auf

Und während die Fans von Fritz Wepper und Janina Hartwig auf dem Sofakino bereits bangten, wie nach zwanzig Jahren die Geschichte von Bürgermeister Wolfgang Wöller und Schwester Hanna zum Ende kommt – gut selbstverständlich, wie es sich für eine zünftige Seifenoper gehört –, ging es im Stadtbiergarten auf den Hahn’schen Wiesen noch beschaulich zu.

Die zentral aufgebauten Fernsehbildschirme waren zwar bereits eingeschaltet, die Gespräche unter den Sonnenschirmen und Kastanienbäumen drehten sich aber mehr um Themen wie Arbeit, Urlaub, Shoppen, den aktuellen Impfstatus, Matthias Klopfers Aussichten bei der Oberbürgermeisterwahl in Esslingen oder die Speisekarte des Biergartens.

„Das ist völlig normal“, meinte der Wirt Harald Lutz, der vollauf damit beschäftigt war, zusammen mit seinem Mitstreiter Volker Ziesel zwischen den Tischen hin und her zu pendeln, hier ein Wort zu wechseln und dort in eine Diskussion einzugreifen.

Sehr bayerisch geprägt sei dieser Abend, sinnierte ein Gast. Er sei extra aus dem Haus geflüchtet, gestand er, um der bayerischen Provinz- und Klosterposse zu entfliehen, die sich seine bessere Hälfte auf keinen Fall entgehen lassen wollte – und nun sei er in einem bayerisch angehauchten „griabigen“ Biergarten gelandet, in dem auch noch ein Fußballspiel aus München gezeigt werde! Da hätte er auch daheim bleiben können, meinte er lachend.

Das mit dem bayerischen Flair sei durchaus gewollt, räumte Lutz ein, er habe selbst an die zwanzig Jahre in München gelebt und sich dort rundum wohlgefühlt. Die Philosophie hinterm Stadtbiergarten sei, ihn so einzurichten und zu gestalten, dass sich seine beiden Mitstreiter und er selbst darin wohlfühlen würden. „Wenn unseren Gästen Essen und Trinken schmecken sollen, dann muss es auch uns schmecken.“

Es sei kein klassisches „Public Viewing“, das man an diesem Abend den Gästen anbiete, betonte Lutz. Schließlich sei man ja auch explizit keine Sportkneipe, sondern ein Biergarten. Die vier Bildschirme, die man für das Fußball-Länderspiel installiert habe, seien einfach ein Service für die Besucher. Die Regeln für die Gäste seien eindeutig, der Zugang zum Biergarten nicht kompliziert. Während man sich in der zurückliegenden Woche noch direkt neben dem Eingang testen lassen konnte, genüge es inzwischen ja, die Kontaktdaten zu hinterlassen. Erlaubt seien Gruppen von höchstens zehn Personen aus drei Haushalten, doppelt Geimpfte, Genesene und Kinder unter 14 Jahren nicht mit eingerechnet. Die Tische und Bänke dürften nicht verrückt werden, so dass auch die Mindestabstände eingehalten werden. Theoretisch biete der Biergarten Platz für 700 Personen, im Augenblick sei für 400 aufgestuhlt, bei rund 300 würde man allerdings „dichtmachen“. An diesem Punkt sei man an diesem Abend indes noch nicht angelangt.

Ein paar Deutschlandfahnen und Papiergirlanden

Je näher der Anpfiff rückte, desto stiller wurde es an den Tischen und Bänken. Die Aufmerksamkeit der Gäste wandte sich immer mehr dem Geschehen auf dem Bildschirm zu. Stühle wurden zurechtgerückt, um einen direkten Blick zu ermöglichen, diejenigen, die mit dem Rasensport partout nichts am Hut hatten, suchten sich Plätze eher am Rande des Biergartens, um weiterhin ungestört ihren Unterhaltungen zu frönen, andere versorgten sich noch eilig mit flüssigen und habhaften Stärkungen.

Als dann die Marseillaise und das Deutschlandlied aus den Lautsprechern schallten, stand zwar keiner der Besucher auf, aber die eine oder andere Deutschlandfahne wurde zaghaft geschwungen, mehrere junge Frauen drapierten sich sogar mit schwarz-rot-goldenen Papiergirlanden. Und als nach sechs Minuten bereits eine Gelbe Karte gezogen wurde, begann sich tatsächlich so etwas wie Stimmung aufzuschaukeln: kein mitreißendes, fesselndes Spiel, aber dennoch schön anzuschauen. Es folgte die 20. Spielminute mit Pechvogel Mats Hummels – und bevor man sich gewahr wurde, schrillte auch schon der Pfiff zur Halbzeit, und mit ihm die Gelegenheit, erneut an sich selbst zu denken: Zigaretten wurden aus den Schachteln gekloppt, E-Zigaretten dampften, der Duft nach frittierten Kartoffeln mäanderte durch den Biergarten, leere Gläser und Teller wurden gegen volle getauscht.

Kühl war es mittlerweile geworden, und ohne dass man es recht bemerkt hatte, Nacht. Die Hitze des Tages hatte sich verflüchtigt, wich der dunklen Kühle. Die Helligkeit der Fernsehbildschirme wetteiferte mit dem Licht der Leuchtgirlanden. Für hitzige Gesprächsrunden sorgte dann das nach einer lehrbuchmäßig vorgetragenen Aktion der „Blauen“ erzielte Tor in der 84. Minute, das nur einen Schönheitsfehler hatte: Es wurde daraus nicht das 2:0, sondern die Aberkennung wegen Abseits.

Bei all dem ließ Harald Lutz seine Gäste nicht aus den Augen, hatte ein waches Auge darauf, dass sich an den Kassen keine Besuchertrauben ballten und erinnerte den einen oder anderen Übereifrigen auch schon mal an Mund-Nasen-Maske oder Abstandsgebot. Um elf Uhr sei Schluss, hatte er bereits vor Anpfiff verkündet, „aber natürlich kannst du die Gäste nicht heimschicken, während das Spiel noch läuft.“

Deutscher Jubel? Fehlanzeige. EM-Stimmung? Geht so. Und kann so ein Turnier unter Corona-Auflagen überhaupt den Charme entfalten, den wir von früheren Fußball-Großereignissen gewohnt sind? Beobachtungen zum verlorenen Auftaktspiel der Nationalmannschaft gegen Frankreich.

Die Straßen waren auffallend leer am Dienstagabend in Schorndorf. Trotz des einladenden Flanierwetters, trotz der Rushhour nach Büroschluss. Und sicherlich hat es nicht an der Sars-Cov-2-Pandemie gelegen, wohl eher an

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