Rems-Murr-Kreis

Putins Krieg gegen die Ukraine: Warum sich China nicht festlegt

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Symbolfoto. © pixabay.com/SW1994

China eiert herum. Weder positioniert sich die Volksrepublik an Russlands Seite, noch ergreift sie Partei für die Ukraine. Natürlich hat die Laviererei taktische Gründe. Was, wenn China jetzt die Zeit gekommen sieht – und die Lösung der Taiwan-Frage gewaltsam angeht?

Wie unauflöslich eng alles zusammenhängt und wie unterschiedlich Menschen die Dinge betrachten, davon gewinnt einen vertieften Eindruck, wer chinesische Medien und soziale Netzwerke in China durchforsten kann. Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Professorin für Sinologie am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, hat jetzt in der Reihe „VHS Wissen live“, an welcher auch die Schorndorfer Volkshochschule beteiligt ist, Hunderten Zuhörern aus dem In- und Ausland online Einblicke gewährt und Diskussionsstoff geliefert zur Frage, welche Rolle China im Krieg in der Ukraine eigentlich spielt.

Wem gebührt die Vorherrschaft in der Welt?

Jedenfalls keine eindeutige. Die Volksrepublik will es sich weder mit Russland noch mit der Ukraine noch mit dem Westen auf Dauer verderben. Mutmaßlich hofft China auf die Unterstützung Russlands, was das Taiwan-Problem angeht, erläuterte die Professorin. Ferner teilt China mit Russland die Auffassung, dass ganz sicher nicht Amerika die Vorherrschaft in der Welt gebührt. Andererseits unterhält China intensive wirtschaftliche Beziehungen zur Ukraine. Man arbeitet im militärischen Bereich zusammen, und China importiert nicht wenig Mais und Weizen aus der Ukraine. Würde sich China jetzt eindeutig pro Russland positionieren, hätte die Volksrepublik die Ukraine als bedeutenden Handelspartner vergrault.

Heiße Diskussionen in China

In sozialen Netzwerken in China geht’s jedenfalls hoch her; man diskutiert, was das Zeug hält, berichtete Susanne Weigelin-Schwiedrzik. In allen Schichten der Bevölkerung gebe es Putin-Verehrer, die für ein Bündnis Chinas mit Russland eintreten, und ein Teil von ihnen fordert, endlich in Taiwan zuzuschlagen. Die Befürworter einer engen Anbindung an Russland erhalten unterdessen kräftig Gegenwind: Ein solcher Schritt hätte unabsehbar negative wirtschaftliche Folgen für China wie fürs Ansehen der Volksrepublik in der Welt.

Nur intern heftige Kritik

Ein weiterer Grund, weshalb die Volksrepublik nicht eindeutig Stellung bezieht, hat direkt mit der Person Xi Jinpings zu tun. Der Staatschef werde, dafür gibt’s Hinweise, intern heftig kritisiert, weil er sich von Putin habe täuschen lassen: China hatte ganz offensichtlich nicht mit einem Ausbruch des Krieges gerechnet und entsprechend seine Staatsbürger/-innen erst relativ spät aus der Ukraine geholt. Unklar ist, ob Xi Jinping – entgegen anderslautenden Medienberichten – nichts wusste von der geplanten Invasion – oder ob der Staatschef es durchaus wusste, aber nicht reagierte. Wie auch immer: Würde China sich unmissverständlich auf die eine oder die andere Seite in diesem Krieg schlagen, würden diese internen Auseinandersetzungen nach außen getragen werden– und das ist ein Vorgang, den man in China tunlichst vermeiden will.

Am Telefon deutliche Worte gesprochen

Ob China nun als Moderator taugen könnte, gar als Beförderer von Friedensverhandlungen– diese Frage stellt sich durchaus. Zumindest hat Xi Jinping Prof. Weigelin-Schwiedrziks Recherchen zufolge Putin in einem Telefonat bereits am 25. Februar, also am Tag nach der Invasion, die Meinung gegeigt. China werde am Prinzip festhalten, dass alle Staaten dieser Welt territoriale Integrität für sich beanspruchen können und Konflikte ausschließlich auf diplomatischem Wege zu lösen seien. Diese Aussage darf getrost als Hammer betrachtet werden, da in unmissverständlicher Deutlichkeit geäußert - und aus chinesischem Munde mit Blick auf die Geschichte des Landes durchaus erstaunlich. Zuvor hatten Putin und Xi Jinping in diesem Telefonat offenbar ausschweifend lange über die Olympiade gesprochen – bevor Xi Jinping dann deutlich wurde.

„Das stimmt nicht“

Wie auch immer welche Inhalte aus Telefonaten mächtiger Menschen in den jeweiligen Ländern dokumentiert werden und was auch immer Medien verlautbaren: Seinerzeit hieß es in Berichten, Xi Jinping habe Putin volle Unterstützung zugesichert; aber „das stimmt nicht“, stellte Susanne Weigelin-Schwiedrzik klar. Als Chinas Außenminister Wang Yi am 8. März gar einen Waffenstillstand forderte, sei davon in der deutschen Presse praktisch nichts berichtet worden.

Unterdessen schütteln mittlerweile Chines/-innen lautstark den Kopf, die Russlands Vorgehen im Krieg genauer betrachten: Wie strategisch schlecht Putin sich gebärde, erstaunt die Beobachter/-innen erheblich.

Taiwans Zukunft: ungewiss

Diverse Informationen, die in westlichen Medien nicht zu finden seien, bezieht die Sinologin aus dem chinesischen Fernsehen. In China befeuere man momentan durchaus die heftigen Diskussionen der verschiedenen Lager – ohne dass die Führungselite nach außen hin uneins auftreten würde, versteht sich. Klar scheint, dass Xi Jinping ebenso wie Putin eine aus Autokratensicht große historische Tat vollbringen möchte. Was das für Taiwan bedeuten könnte, mag man sich nicht im Detail ausmalen.

China eiert herum. Weder positioniert sich die Volksrepublik an Russlands Seite, noch ergreift sie Partei für die Ukraine. Natürlich hat die Laviererei taktische Gründe. Was, wenn China jetzt die Zeit gekommen sieht – und die Lösung der Taiwan-Frage gewaltsam angeht?

Wie unauflöslich eng alles zusammenhängt und wie unterschiedlich Menschen die Dinge betrachten, davon gewinnt einen vertieften Eindruck, wer chinesische Medien und soziale Netzwerke in China durchforsten kann. Susanne

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