Rems-Murr-Kreis

Querdenken: Brigitte Aldinger, Mitorganisatorin der Schorndorfer Corona-Demos, im Porträt

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Brigitte Aldinger bei einer Schorndorfer Corona-Demo am Mikrofon. © Gaby Schneider

Wie tickt eine Querdenkerin? Was bewegt eine Frau, die gegen die Corona-Politik erst eine Demo nach der anderen mitorganisiert hat und dann gar Landtagskandidatin einer neu gegründeten Partei wurde? Gehen wir sie besuchen: Brigitte Aldinger, 56, die als „die Brigitte“ am Schorndorfer Marktplatzmikro szeneberühmt geworden ist.

Es gibt verschiedene Arten, sich journalistisch der Corona-Protestbewegung zu nähern. Zum Beispiel: investigativ. Verbindungen mancher Protagonisten ins rechte Milieu aufdecken, Chatverläufe auswerten, Radikalisierungstendenzen nachspüren: Das ist wichtig. Journalisten sollten niemals nur den offiziösen Verlautbarungen vertrauen, sollten immer tiefer bohren, ob bei der CDU oder den Grünen, der katholischen Kirche oder der Remstalkellerei.

Zweite Möglichkeit; der reinen Neugier folgen. Reden, zuhören. Einfach mal sehen.

Brigitte Aldinger: Ein politischer Lebensweg

Politisch interessiert sei sie schon immer gewesen, sagt Brigitte Aldinger. Mit 17, 18 habe sie „bei den Jusos angefangen“, später kandidierte sie zweimal für die CDU um einen Sitz im Schorndorfer Stadtrat, zuletzt 2019. Dann kam Corona. „In welchem Geist sind wir aufgewachsen? Dass Menschen für ihre Rechte eintreten, auf die Straße gehen.“ Brigitte Aldinger ist keine 68erin – aber, das lässt sie durchklingen: Auch sie ist geprägt von den Ideen dieser Zeit, in der eine selbstbewusste Zivilgesellschaft lernte, sich einzumischen und auf traditionell festbetonierte Machtstrukturen zu pfeifen.

„Ich bin keine Corona-Leugnerin, gar nicht. Das ist ganz wichtig: Corona gibt es!“ Es sei „richtig gewesen, am Anfang vorsichtig zu sein“. Nur: „Das Grundgesetz“, habe sie in der Schule gelernt, „ist unser allerhöchstes Recht“, es thront ganz oben, dann folgen Bundes- und Landesgesetze, und erst „ganz unten stehen Rechtsverordnungen“. Genau „mit denen“ aber „werden jetzt unsere ganzen Grundrechte ausgehebelt“.

Corona-Demo: Wer trifft sich da?

Wer je bei einer dieser Demos war, traf dort ein buntes Völkchen. Einmal im Dezember sprach in Schorndorf ein Radiologe, er warnte vor Impfnebenwirkungen, klang recht sachkundig – und direkt danach, bei derselben Dezemberrunde, weissagte ein Bayer in kurzer Lederhose: Bereits „Mitte Januar“ werde das „Narrativ“ von Corona in sich zusammenfallen, es „gibt ein gutes Ende, und zwar sehr, sehr, sehr schnell!“

Anfangs war auch Thomas Hornauer dabei, legte Wums-Mucke auf und tanzte. Und einmal schaute Heinrich Fiechtner vorbei, Ex-AfD-Skandalnudel. Er skandierte: „Masken runter! Masken runter!“ Aldinger ließ ihre auf, sie achtet bei jeder Demo darauf, dass alle sich ordentlich an die Regeln halten. Worauf Fiechtner wütete: „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?!“

Brigitte Aldinger lächelt. Sie sei auch nicht „mit allem d’accord“, was der eine oder die andere da schon erzählt habe – aber „wir wollen nicht so eine Gleichförmigkeit“ und „nicht bloß professionelle Sprecher“. Verschiedene Menschen sollen zu Wort kommen, „Menschen aus der Gruppe raus“, die „mutig“ sind und einfach mal frei ausdrücken, was sie bewegt.

Die neue Partei Die Basis

Neulich bei der Landtagswahl trat Brigitte Aldinger als Kandidatin für die neue Partei Die Basis an. Wer die Funktionäre im Kreisverband googelt, stößt auf einen Kunsthandwerker, der aus Holz Kerzenhalter in Herzform fertigt; den Leiter eines philharmonischen Chors; einen „Lebens-Energie-Berater“, der auf „neue Homöopathie“ setzt; eine Krankenschwester an einer anthroposophisch ausgerichteten Klinik; einen „Ökonomie-Coach“, der für „liebe- und achtungsvollen Umgang“ plädiert. Und Brigitte Aldinger, Diplom-Finanzwirtin.

Lauter Nazis? Die Antifa sieht es so. Jemand als Nazi zu bezeichnen, sagt Aldinger, sei der einfachste Weg, ihn „mundtot“ zu machen. Jede Frau kenne solche Vorwurfshämmer – bei Streit im Beruf heiße es gerne: „Du bist hysterisch.“ Männer bekämen allenfalls zu hören: „Du bist unsachlich.“

Achtsamkeit, oder: Die Sehnsucht der Basis

Die Basis wirbt für „Achtsamkeit“. In dem Zeitgeistbegriff drückt sich eine leidende Sehnsucht aus, die viele kennen: Beim Frühstück bangst du, was nachher in der Arbeit droht, bei der Arbeit denkst du an den Feierabend, durch den Feierabend verfolgen dich die Probleme des Tages – immer bist du gefangen im Vorhin und Nachher und nie ganz bei dir in der Gegenwart; nie achtsam für das Hier und Jetzt.

Sie und rechtsextrem? „Wer extrem ist, will doch keine Achtsamkeit! Alle sollen machen, was ich will – das ist das, was der Extremismus möchte!“ An der Wohnzimmerwand hängt ein Gemälde – ein Herz, verziert mit Schlüsselworten in Schnörkelschrift: „Mut“, „Aufrichtigkeit“, „Vertrauen“, „Liebe“.

Darf man die Querdenker, darf man Brigitte Aldinger kritisieren? Natürlich. Man darf es fragwürdig finden, wie sorglos die Bewegung bei der Abgrenzung gegen Rechtsausleger ist. Man darf es überzogen finden, wenn bei solchen Demos einer sagt, Maskenpflicht für Kinder sei ein „Menschheitsverbrechen“, als handle es sich um den Völkermord in Ruanda. Man darf es naiv und pathetisch finden, wenn dort mal wieder jemand ins Mikro tönt: „Wir stehen hier in Schorndorf als Menschheitsfamilie!“

Was sich verstehen lässt: Eine Zwischenbilanz

Aber die Zweifel am immer wirrer werdenden Corona-Verordnungsaktionismus? Wer die nicht teilt, muss blind sein. Die Sorge vor der Vereinsamung in einer tagaus, tagein hektisch getriebenen, von Corona noch zusätzlich aufgewühlten Gesellschaft? Ein Klotz, wer das nicht selber kennt. Diesen Schmerz, der schon vorher pochte und von all den Verzichtspflichten und Regeln noch vertieft wurde, sollte nachvollziehen können, wer die eigene Dickfelligkeit nicht zum Maß der Dinge macht.

Sicheres Gefühl: Würden wir jetzt über die Aussagekraft von PCR-Tests und die Wichtigkeit von Impfungen diskutieren – wir könnten uns wohl auf nicht viel einigen. Aber vielleicht tut es uns allen gut, davon ab und an zu schweigen und einander, versuchsweise, einfach mal gelten zu lassen.

Wie tickt eine Querdenkerin? Was bewegt eine Frau, die gegen die Corona-Politik erst eine Demo nach der anderen mitorganisiert hat und dann gar Landtagskandidatin einer neu gegründeten Partei wurde? Gehen wir sie besuchen: Brigitte Aldinger, 56, die als „die Brigitte“ am Schorndorfer Marktplatzmikro szeneberühmt geworden ist.

Es gibt verschiedene Arten, sich journalistisch der Corona-Protestbewegung zu nähern. Zum Beispiel: investigativ. Verbindungen mancher Protagonisten ins rechte

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